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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 26.08.2010

Die Figaros von Kinshasa

Zentralafrikas einziges Symphonieorchester

Von Antje Diekhans

Straßenszene in Kinshasa (AP Archiv)
Straßenszene in Kinshasa (AP Archiv)

Ihre Geigen flicken sie mit Fahrrad-Bremszügen, die Partituren von Beethoven und Mozart schreiben sie per Hand ab: Die Liebe zur Klassik verlangt auch von den Musikern des einzigen zentralafrikanischen Symphonieorchesters ebensoviel Disziplin wie Erfindungsreichtum.

Eine Musik, die scheinbar nicht in den Kongo passt. Hier begeistern sich die Menschen eher für Rumba – schnelle, leidenschaftliche Rhythmen. Sie tanzen sich die Seele aus dem Leib und vergessen dabei die Not und die Sorgen, die das Leben bestimmen. Doch aus diesem Hof in einem der armen Wohnviertel der Hauptstadt Kinshasa erklingt Klassik.

Wer den Tönen folgt, entdeckt hinter dem hohen Metallzaun eine kleine Kapelle. In ihr quetscht sich ein ganzes Orchester auf die engen Holzbänke. Die breite Tür steht offen, damit auch der Chor noch Platz findet. Am Dirigentenpult gibt Océan Mananga den Takt vor.

"Wir spielen Xerxes, einen Teil der Händel-Oper", sagt er. Das Symphonie-Orchester, das einzige in ganz Zentralafrika, übt für eine Aufführung. Aber Dirigent Océan ist mit der Leistung seiner Musiker noch längst nicht zufrieden. Vor allem die Klarinetten gefallen ihm nicht:

"Wir werden jetzt mal die Haltung etwas verändern. Klarinetten, Cello, los geht’s."

Doch so richtig rund will es noch immer nicht klingen. Zum Glück ist bis zum großen Tag noch Zeit. Das Orchester wird noch viele Male proben. Wenn es sein muss, auch bis Mitternacht – obwohl fast alle Mitglieder am nächsten Morgen früh zur Arbeit müssen.

"Wir sind Amateur-Musiker", sagt Océan. "Es gibt im Orchester zum Beispiel einen Laboranten, einen Doktor, aber auch viele mit einfachen Berufen. Ich selbst bin Wartungstechniker. Du gehst, um dein Brot zu verdienen, dann kommst du zurück. So ist das ungefähr."

Viele haben kaum genug zum Leben, investieren aber das wenige, das sie haben, noch in Notenblätter. Ganze Partituren werden schon mal mühselig per Hand abgeschrieben. Jeder Musiker gibt hier alles, um spielen zu können.

Dabei könnte der Reichtum des Propheten durchaus für andere Zwecke verwendet werden. Beim Orchester herrscht Instrumentenmangel, gegen den Albert, die gute Seele, unermüdlich anarbeitet.

"Das hier sind Kontrabässe, die ich selbst gebaut habe. Diesen hier hatte ich schon vergangenes Jahr fertig. Aber die Person, die ihn bekommen hat, hat nicht gut darauf Acht gegeben. Der Hals ist gebrochen. Ich werde einen neuen herstellen und das Stück dann ersetzen."

Auch ausgeleierte Saiten bekommt Albert wieder in den Griff. Die Beschaffung von Ersatzmaterialien ist im Kongo zwar immer ein Problem, doch der Tüftler weiß sich zu helfen. Er bespannt Geigenbogen mit Angelschnur – und auch für Fahrrad-Bremskabel hat Albert Verwendung.

"Weil es so schwierig war, hier Saiten zu finden, habe ich stattdessen die Kabel genommen. Und es klang trotzdem gut."

Zu Beginn kam im Orchester auf drei bis vier Musiker ein Instrument. Doch dann haben alle über Monate Geld gesammelt und einen großen Schwung eingekauft. In China, wo es am billigsten war.

"Das waren zwar Instrumente von schlechter Qualität – aber uns ging es damals mehr um die Quantität. Nach und nach versuchen wir jetzt, diese einfachen Instrumente durch Instrumente besserer Qualität zu ersetzen."

Alberts Arbeitsplatz ist ein einfacher Tisch im Hof hinter seinem Haus. Das Wohnviertel gehört schon zu den etwas besseren, aber ein funktionierendes Kanalsystem gibt es hier trotzdem nicht. Als Toilette dient ein Loch, das immer mal wieder an einer anderen Stelle in den Boden gebuddelt wird. Der Geruch, der daraus aufsteigt, scheint Albert nicht zu stören.

Seine größte Herausforderung zur Zeit ist ein altes Klavier, das ganz vorn in seinem Schuppen steht. Als er vorsichtig den Deckel anhebt, kommt eine mumifizierte Spinne zum Vorschein, dazu viel, viel Dreck.

Es war schon mal gut repariert, sagt Albert. Aber dann gingen wieder ein paar Tasten kaputt, Ersatz war nicht zu bekommen und alles rottete vor sich hin. Jetzt würde wohl jeder andere das gute Stück zum Sperrmüll aussortieren, doch nicht so Albert. Im Kongo muss man ein Meister der Improvisation sein, sagt er. Irgendwie wird er das Klavier wieder zum Klingen bringen – vielleicht ist es irgendwann dann auch im Orchester zu hören.

Als sich die Musiker heute zur Probe für den Auftritt einstimmen, ist mal wieder der Strom weg. Einige versuchen mit ihren Handys die Notenblätter zu beleuchten – nur dann haben sie ihre Hände nicht zum Spielen frei.

"Eigentlich müssen wir die Partituren lesen können, sagt ein Bass-Spieler. Also wird es ganz schön schwierig, wenn wir kein Licht haben. Aber so ist es ja häufig."

Man ist gewohnt, sich zu arrangieren. Auch Dirigent Océan lässt sich von dem Stromausfall nicht beeindrucken. Schließlich hat er es nicht mit Anfängern zu tun.

Könnt ihr das auswendig, fragt er den Chor. Na klar, meinen die Sänger – obwohl das Stück auf Deutsch ist. Die Kimbanguisten sehen es als besondere Herausforderung an, auch Werke in anderen Sprachen zu bewältigen. Diesmal ist es Felix Mendelssohn-Bartholdy: Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir.

Als sich in der Dunkelheit die Stimmen erheben, ist die Akustik zwar sicherlich nicht so beeindruckend wie in einem europäischen Konzertsaal. Trotzdem scheint es in diesem Augenblick, als gehöre die Musik des deutschen Komponisten genau hier hin. In eine kleine Kapelle im Kongo, wo die Menschen sonst lieber Rumba hören.

Und noch etwas haben die Orchester-Mitglieder gemeinsam: Sie gehören den Kimbanguisten an, der drittgrößten Religionsgemeinschaft im Kongo. Wenn sie musizieren, fühlen sie sich Gott nahe. In jeder Note einer Oper, in jedem Werk von Beethoven, Händel oder Mozart sehen sie eine Botschaft des Herrn – die Komponisten sind nur die Werkzeuge Gottes.

Manchmal ist die Stimme des Allmächtigen allerdings schwer zu erkennen. Cello-Spielerin Georgette probt im Hof vor der kleinen Kapelle. Nicht jeder Ton sitzt, aber sie ist mit Begeisterung dabei.

"Auf jeden Fall liebe ich Musik, sagt sie. Besonders Symphonien. Darum komme ich, so oft es geht, um zu lernen."

Georgette hat ihre Leidenschaft für das Cello erst relativ spät entdeckt. Mit Mitte 30 ist sie die älteste in ihrer Übungsgruppe und wartet ungeduldig auf die Aufnahme ins Orchester:

"Wir haben mit Theorie angefangen, mit der Grammatik der Musik. Wir haben mehrere Tests machen müssen, die wir bestanden haben. Jetzt sind wir zur Praxis übergegangen."

Die verschiedenen Stufen der Ausbildung sind genau vorgeschrieben. Zum Kern des Symphonie-Orchesters in Kinshasa gehören etwa 200 Musiker – wer es in diesen Zirkel schaffen will, muss proben, proben, proben. Jeden Nachmittag versammeln sich dazu im Hof der Religionsgemeinschaft dutzende Klassik-Begeisterte wie Georgette.

Die einen versuchen einer Flöte wohlklingende Töne zu entlocken – was vor allem deswegen schwierig ist, weil es sich um ein selbstgebautes Exemplar handelt, das aus einem PVC-Rohr besteht.

Die anderen trainieren ihre Stimme und scheitern bei den hohen Tönen.

Zwischen allen schwirrt Albert Matubanza umher. Er ist die gute Seele des Orchesters, spielt selbst mehrere Instrumente und hat eine große Gabe: Ihm reißt so gut wie nie der Geduldsfaden. Vielleicht, weil er in seinem Berufsleben als Mathelehrer einiges gewohnt ist, steht er auch die zigste Probe durch, ohne mit der Wimper zu zucken.

Der 52-Jährige ist schon so lange beim Orchester dabei, dass er auch die Entstehungsgeschichte erzählen kann. Doch dafür muss er sich in das Tonstudio auf dem Gelände zurückziehen, um ein wenig Ruhe zu haben. Trotzdem steckt alle paar Minuten jemand die Nase durch die Tür – Albert ist mit seinem Erfahrungsschatz unabkömmlich.

"Das Symphonie-Orchester der Kimbanguisten ist am 3. Dezember 1994 ins Leben gerufen worden. Das heißt, das war der erste Auftritt. Im Palais du Peuple, dem Palast des Volkes, hier in Kinshasa. Die Idee dafür kam direkt von unserem religiösen Oberhaupt. Er wollte die jungen Leute hier um sich herum versammeln."

Angeblich begann das Orchester nur ein paar Monate vor der Premiere mit den Proben. Klassik hatte es bis dahin im Kongo nicht gegeben – und eigentlich hatten die Menschen auch ganz andere Sorgen, als sich mit Musik europäischer Komponisten zu beschäftigen.

Zu Beginn der neunziger Jahre regierte der Diktator Mobutu. Der Mann mit der Leopardenmütze plünderte mit seinen Gefolgsleuten das Land, während die Bevölkerung in Armut lebte. Gewalt und Einschüchterung waren an der Tagesordnung. Doch die Musiker fanden trotz aller Widrigkeiten ihren Weg – vielleicht auch ihren Ausweg aus dem täglichen Elend:

"Zu Beginn hatte das Orchester keine qualifizierten Lehrer. Es gab genau zwei: mich und noch einen anderen. Ich bin Autodidakt. Ich habe mir selbst beigebracht, Geige, Kontrabass und Cello zu spielen."

Albert ist ein Allround-Genie auf den Instrumenten. Doch wie viele andere im Orchester sagt er: Musik steht erst an zweiter Stelle – das wichtigste ist die Religion der Kimbanguisten.

"Ich glaube, dass die Musik direkt zu unseren Ursprüngen zurückgeht. Ohne Musik würde es auch keine Kirche geben. Und wir sind der Überzeugung, dass Gesang wie ein doppeltes Gebet ist. Die Musik bringt uns an einen anderen Ort und sie erhebt uns in unseren Gebeten."

Der Heilige und Namensgeber der Religionsgemeinschaft, Simon Kimbangu, lebte bis vor rund 60 Jahren. Er soll einige Wunder vollbracht und Menschen mit lebensbedrohlichen Krankheiten geheilt haben. Hunderte pilgerten in sein Dorf, auch um die Predigten zu hören. Endlich hatten die Kongolesen – damals noch unter der Herrschaft der belgischen Kolonialherren – ihren eigenen Erlöser. Einen schwarzen Propheten, den Gott ihnen gesandt hatte, damit sie nicht länger den weißen Missionaren folgen mussten. Kimbangus Verkündigungen waren revolutionär.

"Er hat uns gesagt, dass eines Tages Schwarz zu Weiß und Weiß zu Schwarz werden würde. Und dabei ging es nicht um die Hautfarbe, die sich ändert. Er wollte ausdrücken, dass eines Tages Schwarze an Stelle der Weißen sein werden. Denn zu dieser Zeit waren wir ja noch Sklaven."

Als Barack Obama US-Präsident wurde, feierten die Kimbanguisten tagelang: Die Prophezeiung ihres Heiligen hatte sich erfüllt. Obama-Poster schmücken die Wände im Hof der Religionsgemeinschaft, das Bild des Präsidenten prangt auf den Hüllen der Orchester-CDs. Der Glauben scheint da ganz weltlich – wie auch beim Appell jeden Nachmittag.

Neben den Chören proben junge Kimbanguisten das Marschieren. Ihr Trainer Rigobert Ufutubuna gibt den Rhythmus vor, zu dem sie auf- und ablaufen. Die Gesichter der Mädchen und Jungen sind ernst, die Bewegungen zackig. Schließlich haben sie eine wichtige Aufgabe:

"Wir müssen die Sicherheit der Kirche organisieren, sagt Rigobert. Das ist wie bei den Tempelwächtern. Die gab es schon unter Salomo. In dieser Tradition hat Vater Kimbangu für seine Kirche von Beginn an vier Aufseher eingesetzt."

Der Drill ist auch ein Mittel, junge Gläubige zu disziplinieren. Stechschritt, damit niemand auf Abwege kommt. Der 13-jährige Christian ist stolz auf seine Ausbildung.

"Das hier ist sehr wichtig für mich. Sie bringen uns bei, wie wir unsere Kirche und die Gläubigen schützen können. Außerdem geht es darum, Autoritäten zu respektieren. Es ist eine gute Schule für das Leben."

Wenn sie ein wenig älter sind, können die Mädchen und Jungen in den Wachdienst eingeteilt werden. Dann behüten sie nachts das Gelände mit der kleinen Kapelle, den Übungsräumen des Orchesters und vor allem dem Wohnhaus des jetzigen Kirchenoberhaupts. Armand Diangienda ist der Enkel des Propheten. Mit einigen anderen Nachfahren hat er um das Erbe gestritten und dabei nicht schlecht abgeschnitten.

Die Familie residiert nobel. Es heißt, es gibt im Haus gleich mehrere Plasma-Fernseher und ausgesuchte Antiquitäten. Doch Neid auf dieses süße Leben scheinen die Kimbanguisten nicht zu kennen. Wenn die Limousine mit der Familie anrollt, werfen sie sich ehrfürchtig in den Staub, berühren höchstens vorsichtig den Lack, um gleich darauf wieder eilfertig ihre Fingerspuren wegzupolieren. Dem Oberhaupt gebührt schließlich Glanz.

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