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Die exzentrische Dichterin

Zum 125. Geburtstag der britischen Schriftstellerin Edith Sitwell

Von Eva Pfister

Edith Sitwell und ihr Bruder, der Schriftsteller Osbert Sitwell, nehmen am 7.3.1924 am "Jazz"-Kaffestand im "At Homes" der Arts League of Service in der Robert Street, Adelphi eine Erfrischung zu sich.
Edith Sitwell und ihr Bruder, der Schriftsteller Osbert Sitwell, nehmen am 7.3.1924 am "Jazz"-Kaffestand im "At Homes" der Arts League of Service in der Robert Street, Adelphi eine Erfrischung zu sich. (picture alliance / dpa)

Edith Sitwell, die heute vor 125 Jahren geboren wurde, war eine der originellsten Gestalten der britischen Avantgarde. In ihrer Lyrik beeinflusst von den französischen Symbolisten, begann sie in den 20er-Jahren gemeinsam mit ihren Brüdern zu experimentieren und verblüffte das Publikum mit ausgefallenen Auftritten. Nicht weniger aufsehenerregend war die exzentrische Erscheinung der adligen Dame, und gefürchtet war ihre spitze Zunge, mit der sie unerbittlich gegen ihre Feinde zu Felde zog.

"Façade", "By the Lake"
"Dead, the leaves that like asses'ears hung on the trees
When last we wandered and squandered joy here"

Übersetzung:
"Tote Blätter hingen wie Eselsohren an den Bäumen
Als zuletzt wir hier uns in Freude versäumten"


Die englische Lyrikerin Edith Sitwell ist nicht nur in Tonaufnahmen und Büchern verewigt, sondern auch in Londoner Museen. In der National Portrait Gallery finden sich Gemälde und Fotografien der exzentrischen Lady, und im Victoria & Albert-Museum kann man ihren Schmuck bewundern. Die hochgewachsene Frau mit der Adlernase hüllte sich gerne in Brokat, Samt und Seide und trug Ringe mit überdimensionierten Edelsteinen. Lakonisch kommentierte sie ihr Aussehen:

"Wenn man ein Windhund ist, sollte man nicht versuchen, als Pekinese aufzutreten."

Edith Louisa Sitwell wurde am 7. September 1887 in Scarborough an der Yorkshire-Küste geboren, als erstes Kind aristokratischer Eltern, von denen sie sich nicht geliebt fühlte.

"Ich war in Ungnade, weil ich ein Mädchen war. Schlimmer noch war, dass sich während meines Heranwachsens zeigte, dass ich den Vorstellungen, die mein Vater von weiblicher Schönheit hatte, nicht entsprechen würde."

Wegen Haltungsschäden wurde sie jahrelang in ein Korsett eingesperrt, das sie ihre "stählerne Bastille" nannte. Es schränkte ihre Bewegungsfreiheit so stark ein, dass sich die Bein- und Rückenmuskeln zurückbildeten. In ihrer Autobiografie zog Edith Sitwell das Fazit:

"Ich besitze kein körperliches Leben mit Ausnahme zweier meiner Sinne - Hören und Sehen."

Zum Hören ist auch ihre Lyrik gedacht, die von Klang und Rhythmus lebt. Sitwell berief sich auf Vorbilder wie Arthur Rimbaud, den sie ihren "engsten Seelenverwandten" nannte, und arbeitete intensiv an der Musikalität ihrer Verse.

"Der Rhythmus ist einer der wichtigsten Vermittler zwischen Traum und Wirklichkeit. Man kann sagen, er habe in der Welt der Klänge dieselbe Bedeutung wie das Licht in der des Sehens. Er gestaltet und gibt neuen Sinn."

Mit 25 Jahren zog Edith nach London. Gemeinsam mit ihren beiden Brüdern, ebenfalls Schriftsteller, stürzte sie sich in den Kulturbetrieb. Die Sitwell-Corporation gab eine Anthologie zeitgenössischer Literatur heraus und förderte junge Künstler, unter ihnen den Komponisten William Walton, nach dessen Musik Edith ihre Verse schrieb.

Façade: Jodelling Song
"We bear velvet cream,
Green and babyish
Small leaves seem; each stream
Horses' tails that swish"

Übersetzung
"Rahm ist hier wie Samt
Grün und kinderweich
Das Blätterdach; der Bach
Wie ein Pferdeschweif"


Walzer, Polka, Kinderreim, aus 21 solcher Nummern besteht das Werk Façade, das 1922 in London uraufgeführt wurde. Die Dichterin stand dabei hinter einem Vorhang und rezitierte ihre Verse durch ein Megafon. Das Publikum buhte, aber der Auftritt machte Edith Sitwell bekannt. Umstritten blieb sie ihr Leben lang, sie musste viel Kritik einstecken, teilte aber auch gerne aus; ihre spitze Feder war gefürchtet. Den Bloomsbury-Kreis etwa nannte sie einen "Hort weithin hallenden Schweigens" und an dessen Frauen ließ sie auch kein gutes Haar.

"Die Gesichter der meisten waren wie rehfarbene Filzhüte, auf die sich versehentlich jemand gesetzt hatte. ... bemerkenswert waren sie lediglich wegen ihrer unerschöpflichen Begeisterung, sich mit jedem als Ochse verkleideten Frosch in jedem Graben hinzulegen."

Um Geld zu verdienen, verfasste Sitwell in den 30er-Jahren, die sie in Paris verbrachte, ein Buch über englische Exzentriker und eine Biografie über Königin Victoria. Ihre besten Gedichte schrieb sie über den Krieg. Von den Bombenangriffen auf London handelt ihr bekanntes Gedicht "Still falls the Rain":

Still fällt der Regen
Finster wie die Welt des Menschen,
Schwarz wie unser Verlust,
Blind wie die neunzehnhundertvierzig Nägel am Kreuz.


1954 verlieh Königin Elizabeth der "größten lebenden Lyrikerin Englands" den Titel "Dame Commander" des "Order oft the British Empire". 1964 starb Dame Edith Sitwell im Alter von 77 Jahren, kurz nach der Fertigstellung ihrer Autobiografie "Mein exzentrisches Leben".

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