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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.07.2006

Die erfundene Wahrheit, die wahre Erfindung

Zu Gertrude Steins 60. Todestag erscheint die "Autobiographie von Alice B.Toklas" als Neuauflage

Rezensiert von Gabriele v. Arnim

Die "Mutter der Moderne" im Jahr 1935 (AP)
Die "Mutter der Moderne" im Jahr 1935 (AP)

Ist dieses Buch nun ein Roman oder sind es die Memoiren der Gertrude Stein? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Klar ist, dass die Amerikanerin ihre eigenen Erlebnisse in Paris von 1933-35 aus Sicht ihrer Sekretärin und Freundin Alice B. Toklas beschreibt, um offener über sich selbst erzählen zu können.

Die "Mutter der Moderne" hat man Gertrude Stein gern genannt, diese kleine, korpulente, scharfsinnige Amerikanerin, die in Paris lebte, Kunst und Menschen sammelte und in mancher Hinsicht das Schreiben revolutioniert. Weil sie nicht interessiert war an Worten, sondern an Sätzen, nicht an Emotionen, sondern an Informationen, weil sie blank schrieb, mäandernd, in Wiederholungen, assoziativ und abrupt. Weil sie das Komma fast verbannte aus ihren Texten, damit es ihren Rhythmus nicht störte. Ein unverkennbarer Stil. Prosa wie ein Sprechgesang, zu dem manche jungen Performance- Künstler schon Tänze choreographierten.

Die "Autobiographie von Alice B.Toklas" heißt eines ihrer berühmtesten Bücher. Und übrigens das erste, das Erfolg hatte, da war Gertrude Stein schon fast 60 Jahre alt. Dort erzählt sie aus ihrem Leben, von ihren Freundschaften mit Pablo Picasso, Juan Gris und George Braques, mit Henri Matisse und Paul Cezanne, mit Guillaume Apollinaire, Jean Cocteau, Ernest Hemingway oder Scott Fitzgerald.

Vorgeblich erzählt nicht sie, sondern ihre Freundin Alice Babette Toklas, über Jahrzehnte ihre Gefährtin, Muse, Untertanin. So kann Gertrude Stein sich spiegeln und verrätseln aber auch ungenierter sagen, wie großartig Gertrude Stein ist, weil sie es ja Alice B. Toklas sagen lässt.

Das Haus der Gertrude Stein und ihres Bruder (den allerersten Picasso kaufte er, nicht sie) in der Rue de Fleurus wurde zu Anfang des 20.Jahrhunderts zu einem legendären Salon, in dem sich Intellektuelle und Künstler meist am Samstagabend versammelten, bestrickt von der nonchalanten Atmosphäre in dem gastlichen Haus, wo ein freier Geist herrschte und keine finanzielle Not und gebannt von der wagemutigen Amerikanerin, die Bilder kaufte, die viele andere belachten. Die Sammlung, die beste Galerie Europas nannte Hemingway sie, wurde schnell berühmt.

Die Autobiographie von Alice B.Toklas ist ein Buch über Kunst, übers Schreiben und über Menschen, es ist auch voller Klatsch und Sottisen. Die Autorin hatte einen untrüglichen Blick für essentielle Nebensächlichkeiten. "Genau vor uns war Guillaume Apollinaire. Er war im Frack und küsste emsig die Hände verschiedener einflussreich aussehender Damen. Er war der erste aus seiner Clique, der in die große Welt hinaustrat, einen Frack trug und Hände küsste. Wir waren sehr amüsiert und sehr erfreut ihn dies tun zu sehen."

Sie erzählt wunderbar kuriose kleine Geschichten von den jungen Männern, die später berühmt werden sollten. Von Matisse, der sich die teuren Früchte für das Stillleben, an dem er arbeitete, eigentlich nicht leisten konnte und daher in einem eiskalten Atelier mit Mantel malte, damit das Obst länger hielt. "Matisse arbeitete jeden Tag und jeden Tag und jeden Tag und er arbeitete schrecklich hart." So singt ein Text in Steinscher Manier.

Sie erzählt, wie Picasso "schlank dunkelhaarig, lebendig mit großen Augentümpeln und einer heftigen, aber nicht groben Art", ihr bei einem Essen ein Stück Brot aus der Hand reißt, das sie sich gerade genommen hatte. Es ist meins, rief er. "Sie lachte und er sah verlegen aus. Das war der Anfang ihrer Vertrautheit." Picasso wurde ein enger Freund. Die beiden haben sich gegenseitig porträtiert. Er hat sie gemalt, und sie hat über ihn geschrieben.

Mit T.S. Eliot führte sie eine "ernste Unterhaltung, vor allem über getrennte Infinitive und andere grammatikalische Fehler und, warum Gertrude Sein sie benutze."

Ist die Autobiographie von Alice B. Toklas nun ein Roman oder sind es Memoiren? Sicher ist: Das Wahre könnte erfunden, das Erfundene wahr sein. Und auf jeden Fall ist das Buch eine faszinierende, funkelnde und zuweilen übrigens auch ermüdende Lektüre, weil die Autorin dann ihre überaus zahlreichen Besucher zusammenbindet wie Wiesenblumen zu einem Kranz, der rasch welkt. Doch überwiegend ist das Buch eine höchst amüsante Chronik einer Zeit, in der Intellekt und Kunst sich gegenseitig nährten. Man könnte Sehnsucht bekommen nach solchen Verhältnissen.

Gertrude Stein starb am 27. Juli 1946. Alice B.Toklas hat sie um 20 Jahre überlebt. Sie sind zusammen auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris begraben.


Gertrude Stein: Autobiographie von Alice B. Toklas
Aus dem Amerikanischen von Roseli und Saskia Bontjes van Beek
Arche Verlag, 2006
331 Seiten, 19,90 Euro

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