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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 01.09.2011

Die dritte Himmelsrichtung im Ost-West-Konflikt

Vor 50 Jahren fand in Belgrad die Gründungskonferenz der Bewegung Blockfreier Staaten statt

Von Norbert Mappes-Niedieck

Dreiergipfel der Blockfreien Staaten 1966: Der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser (3.v.r., Kopf nach vorne gebeugt), der jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito und die indische Präsidentin Indira Gandhi (2.v.l.) (picture alliance / dpa / Vyarawalla)
Dreiergipfel der Blockfreien Staaten 1966: Der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser (3.v.r., Kopf nach vorne gebeugt), der jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito und die indische Präsidentin Indira Gandhi (2.v.l.) (picture alliance / dpa / Vyarawalla)

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Weltpolitik allein die Angelegenheit der Großmächte USA und UdSSR. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges trafen 1961 in Belgrad die Anführer der Staaten zusammen, die sich der Aufteilung der Welt zwischen Ost und West nicht fügen wollten.

Tribüne der jungen Völker.

"In Belgrad wurde Anfang September die Gipfelkonferenz der Blockfreien Staaten abgehalten. 25 Staaten aus vier Kontinenten waren durch ihre Staatsoberhäupter oder Regierungschefs vertreten – im besten Sinne des Wortes eine Tribüne der jungen Völker. Von Afghanistan bis zum Jemen reichte der bunte Kreis. Neben dem Gastgeber Tito waren der indische Präsident Nehru, der Staatspräsident der Vereinigten Arabischen Republik, Nasser, und Indonesiens Staatspräsident Sukarno die gewichtigsten politischen Persönlichkeiten."

Schon mit dem Respekt vor wichtigen Würdenträgern, wie sie Journalisten damals überall auf der Welt noch auszeichnete, aber doch auch mit einem Hauch skeptischer Neugier gegen die "Exoten" verfolgte die deutsche und die europäische Öffentlichkeit, was sich da in der Hauptstadt Jugoslawiens tat. Das Jahr 1961 markierte den Höhepunkt des Kalten Krieges.

Keine drei Wochen vor der Belgrader Konferenz hatte die DDR-Führung in Berlin begonnen, die Mauer zu bauen. Kein halbes Jahr zuvor war die US-Regierung mit ihrer Invasion in der kubanischen Schweinebucht und dem Versuch Fidel Castro zu stürzen, gescheitert – der Auftakt für eine Krise, die die Welt im Jahr darauf an den Rand eines Atomkriegs brachte. Washington und Moskau waren eng ineinander verkeilt. Politiker aus Ost und West stritten über den Berlin-Status, über Atomtests, über den Krieg in Vietnam – erbittert, immer von der eigenen moralischen Überlegenheit überzeugt und immer mit ausgefeilten völkerrechtlichen Argumenten.

Und nun trafen sich in Belgrad Afrikaner mit ihren bunten Dschellabas, der Indonesier Sukarno mit seiner schwarzen und der Inder Nehru mit seiner weißen Kappe und Tito in seiner Marschallsuniform - und statt um Entwicklungshilfe zu betteln, mischten sie sich in Angelegenheiten ein, die sie scheinbar nichts angingen und von denen sie angeblich wenig verstanden. In die deutsche Frage zum Beispiel:

"Für mich ist es offensichtlich, dass bestimmte Tatsachen des Lebens anerkannt werden sollten. Und eine Tatsache des Lebens ist es, dass es zwei Einheiten, zwei Mächte, zwei Länder gibt: die Regierung von Westdeutschland, die Bundesregierung, und die Regierung von Ostdeutschland."

Was der damals schon über-70-jährige Nehru, gemeinsam mit Gandhi Vater der indischen Unabhängigkeit und Symbolfigur der Entkolonialisierung, da forderte, löste in Bonn ärgerliches Kopfschütteln aus. Der Ghanaer Kwame Nkrumah ging sogar noch einen Schritt weiter:

"Aus meiner Sicht ist der Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland dringend und lange überfällig."

und was der Jugoslawe Tito damals zur deutschen Frage zu sagen hatte, klang so eindeutig kommunistisch, dass man ihn in Bonn gleich wieder dem roten Block zuordnen konnte:

"In Ostdeutschland hat die ganze gesellschaftliche Entwicklung eine sozialistische Richtung genommen, und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens tragen immer deutlicher einen neuen Charakter. Auf der anderen Seite zeigt das erneuerte Westdeutschland mit seinem typisch kapitalistischen System, verflochten mit Resten faschistischen und revanchistischen Bewusstseins, eine sehr beunruhigende Tendenz."

Das Geltungsbedürfnis oder allenfalls der Hunger habe die Blockfreien zusammengetrieben, stand in westlichen Kommentaren zu lesen – verbunden mit der Erwartung, dass die "Exoten" nun alsbald die Hand aufhalten würden. Aber auch der Kreml zeigte den versammelten wirtschaftlichen und nuklearen Habenichtsen in Belgrad demonstrativ seine Verachtung: Am Tage des Konferenzbeginns brach die Sowjetunion demonstrativ ein Teststopp-Abkommen mit den USA und zündete nach vier Jahren Pause wieder eine Atombombe.

Über die Rolle, die Blockfreie in einer Welt der Blockkonfrontation spielen sollten, wurden sich die Staatschefs in Belgrad und auch später nicht einig. Während die einen, angeführt vom Indonesier Sukarno eine "positive Neutralität" anstrebten, eine Neutralität der aktiven, gemeinsamen Einmischung in die Streitigkeiten der Blöcke, wollten die anderen, angeführt vom Inder Nehru, bloß den Erhalt größtmöglicher Souveränität für die einzelnen Staaten erreichen.

Aber alle zusammen sahen sie als Erste das Ringen der Blöcke nicht mehr als Kampf zwischen Gut und Böse, sondern als verhängnisvollen Dualismus, der eine Gefahr für die ganze Menschheit bedeutete. Und sie fügten dem Osten und dem Westen eine dritte Himmelsrichtung hinzu: den Süden. Fünfzig Jahre später gibt es die Blöcke nicht mehr. Die Bewegung der Blockfreien, heute eine Art Süd-Koordinierung innerhalb der UNO, ist dagegen auf 118 Staaten angewachsen.

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