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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.12.2007

Die Doping-Mafia

William Fotheringham: "Put me back on my bike"; Werner Franke / Udo Ludwig: "Der verratene Sport"

Rezensiert von Günter Herkel

William Fotheringham:  Put me back on my bike.  Die Tom Simpson Biographie. (Covadonga-Verlag, Bielefeld)
William Fotheringham: Put me back on my bike. Die Tom Simpson Biographie. (Covadonga-Verlag, Bielefeld)

Es war eine Mischung aus Dehydrierung und Doping, die Tom Simpson bei der Tour de France 1967 sterben ließ. Mit der Biografie des Radprofis, "Put me back on my bike", zeigt William Fotheringham, dass Doping im Radsport schon lange systematisch betrieben wird. Das Sachbuch "Der verratene Sport" widmet sich dagegen den Verstrickungen von Pharmaunternehmern, Sponsoren und Medizinern.

Mit reichlich Alkohol und Amphetaminen im Blut klettert Tom Simpson am 13. Juli 1967 bei brütender Hitze die steilen Rampen des Mont Ventoux hinauf. Rund drei Kilometer vor dem Gipfel fährt er plötzlich Schlangenlinien, stürzt, steigt mit Hilfe eines Mechanikers wieder auf, quält sich noch ein paar hundert Meter, dann bricht er tot zusammen.

Werner Franke, Udo Ludwig: Der verratene Sport. Die Machenschaften der Doping-Mafia. (Verlag Zabert Sandmann)Werner Franke, Udo Ludwig: Der verratene Sport. Die Machenschaften der Doping-Mafia. (Verlag Zabert Sandmann)Tom Simpson ist der erste Doping-Tote der Tour de France - zum Verhängnis wird ihm ein tödlicher Cocktail aus Dehydrierung und Doping, Hitzschlag und Herzversagen. William Fotheringham zeichnet ein intensives Porträt dieses besessenen Sportlers. In den ersten Kapiteln noch eher konventionelles Heldenepos vom unwiderstehlichen Aufstieg des Bergarbeitersohns zum umjubelten Champion, verwandelt sich der Text unversehens in ein Sittengemälde des Profiradsports in den sechziger Jahren. Michael Reinsch, Sportredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ):

"Das Verdienstvolle an diesem Buch ist: Er schreibt nicht mit der, ich will das jetzt mal die heutige Empörung nennen, sondern er skizziert wirklich gewissenhaft die Mentalität der Radprofis von damals. Und ich muss gestehen, dass ich damals gedacht habe: Man müsste eigentlich mal das gleiche Buch schreiben über Rudi Altig."

Jener deutsche Radfahrer, der sich bereits bei seiner ersten Tour-de-France-Teilnahme neben drei Etappensiegen auch das Grüne Trikot des besten Sprinters sicherte. Simpsons Tod markierte einen Wendepunkt in der Geschichte des Radsports. Zwar hatte die französische Nationalversammlung bereits zwei Jahre zuvor, also 1965, einstimmig erstmals ein Anti-Doping-Gesetz verabschiedet. Aber echte Konsequenzen blieben aus. Fotheringham nennt die Haltung der Betroffenen und Verantwortlichen ein "Mischung aus angedrohtem Zwang und tatsächlicher Laxheit". Es wurde weiterhin geschluckt und gespritzt was das Zeug hielt. Da machten auch der Deutsche Rudi Altig und andere Tour-Größen keine Ausnahme.

"Rudi Altig war ein Zeitgenosse und ein Konkurrent und Freund von Tom Simpson, Jacques Anquetil, die fuhren alle damals zusammen, und die fuhren offenbar auch alle mit dem gleichen Stoff im Blut und im Hirn, und die hatten überhaupt kein schlechtes Gewissen. Es gibt in der Überlieferung den Spruch: ’Wir sind keine Sportler, wir sind Radprofis.’ Das soll Rudi Altig gesagt haben, als irgendwelche Sportfunktionäre damals mit dem frivolen Ansinnen von Dopingtests auf ihn zukamen."

Tom Simpson wird der Satz zugeschrieben: "Wenn zehn Tabletten mich umbringen, gebt mir neun!" Simpson nahm Amphetamine, es gibt Hinweise auf Steroide, Strychnin und Kokainsalbe. Der Zweck heiligte die Mittel: Den "totalen Krieg" beim Kampf um Geld, Rekorde, Anerkennung. Nach der Verabschiedung des Anti-Doping-Gesetzes mussten die Radsportverbände reagieren. Sie taten es, wenngleich mit gebremstem Schaum. Daran hat sich offenbar bis in die Gegenwart wenig geändert.

"Verbände agieren - heute wahrscheinlich mehr denn damals - auch mit so einer Art Corporate Identity. Es ging nicht darum, die Betrüger rauszuschmeißen und zu entlarven, gerade im Radsport nicht, da gehörte das ja dazu, sondern es ging darum, den Sponsoren und dem Publikum einen Persilschein vorzeigen zu können."

Im Fall Simpson strickten Mannschaftskameraden und Freunde noch lange an der Legende des sauberen Sportlers. Als sei der Brite nur unsachgemäßer oder zu später ärztlicher Behandlung zum Opfer gefallen. Fotheringham kommentiert den Tod auf dem Mont Ventoux mit einer Mischung aus Pathos und Zynismus:

"Indem er ausgerechnet auf dem Giganten der Provence starb, gelang es einem nach Überlebensgröße strebenden Sportler unabsichtlich, einen ganzen Berg zu annektieren, den größten Gedenkstein, den die Natur zu bieten hat. Wenn Simpson wollte, dass man sich an ihn erinnert, hätte es keinen besseren Ort geben können."

"Put me back on my bike": Eine glänzend geschriebene Biografie über einen Sportler, der nach einer blendenden Karriere an seinen mörderischen Ansprüchen und den Gesetzen seiner Branche scheiterte, zugleich eine ernüchternde Dokumentation der Verhältnisse im Profiradsport der sechziger Jahre, ein Beleg dafür, dass dieser Sport seine Unschuld in Sachen Doping nicht erst in jüngster Zeit verloren hat.

Gänzlich unpathetisch kommt dagegen eine andere Publikation daher: "Der verratene Sport" - eine Gemeinschaftsarbeit von zwei der bekanntesten Doping-Experten dieses Landes. Professor Werner Franke, Molekularbiologe und der Spiegel-Redakteur Udo Ludwig analysieren darin laut Untertitel "Die Machenschaften der Doping-Mafia. Täter, Opfer, und was wir ändern müssen". Das Ergebnis der Analyse klingt niederschmetternd:

"Das Sportsystem ist dermaßen verrottet, dass es nicht mehr zu retten ist. Ärzte, die sich gleichzeitig an Anti-Doping-Kampagnen beteiligen und Sportler dopen; Sportler, die dopen und der Öffentlichkeit schwören, noch nie betrogen zu haben; Wissenschaftler, die mit den Kontrolllaboren zusammenarbeiten und ihr Wissen dann den Dopingringen weitergeben; Sponsoren, die sauberen Sport verlangen, aber nur die Siege prämieren; Fernsehanstalten, die ihre Dopingberichterstattung in die politischen Magazine abschieben und dann, der Quote wegen, stundenlang unkritisch über dopingverseuchte Sportarten berichten; Funktionäre, die in Fensterreden den reinen Sport fordern, aber alle Athleten aussortieren, die gegen dopende Konkurrenten verlieren - all dieses Beispiele lassen nur einen Schluss zu: Der Sport ist tot. Einen fairen Wettkampf gibt es nicht mehr."

Belege für diesen Befund liefern die Autoren reichlich und minutiös dokumentiert. Da ist die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Leipziger Diplomsportlehrers Thomas Springstein. Bedenkenlos und mit viel krimineller Energie puscht er die ihm anvertrauten Nachwuchssportlerinnen zur Medaillenreife: Anabolikadoping zwecks Sportlermast - mit Katrin Krabbe und Grit Breuer als prominentesten Opfern und Mitmachern. Da ist der Fall Jan Ulrich, ein Sportler, der - unter dem Applaus von Werbewirtschaft, Sportmanagement und Fernsehsendern - zum Pistenheros aufsteigt und als tragische Figur endet. Spannend wie ein Krimi liest sich das Kapitel über die Enttarnung der US-Firma Balco, die jahrelang eine Vielzahl von Weltklasseathleten, darunter die Medaillenspringer Marion Jones und Tim Montgomery, illegal mit Anabolika versorgte.

Vehement wenden sich die Autoren gegen das Gerücht, bei den Dopingkontrollen im deutschen Leistungssport handle es sich um die härtesten der Welt. Auch FAZ-Redakteur Michael Reinsch hat da so seine Zweifel:

"Die Bundesrepublik Deutschland hat im vergangenen Sommer sogenannte Antidoping-Gesetze erlassen. Wenn man das mal genau ankuckt, ist es nicht mehr als eine Verschärfung des Arzneimittelgesetzes, das allerhand verbietet, aber Doping nun ausgerechnet nicht."

Sanfte Korrekturen bringen nichts, lautet die Diagnose von Franke und Ludwig. Gegen die Machenschaften der Doping-Mafia aus Funktionären, Trainern, Medizinern und Agenten hilft nur eine gründliche Sanierung des Systems. Einige ihrer Vorschläge sind unmittelbar nachvollziehbar: die Verschärfung der Sperren für überführte Sportler und Trainer oder die Förderung von Doping-Prävention. Andere wie etwa die Abkoppelung der Sportförderung von Medaillengewinnen oder Endlaufplatzierungen klingen einstweilen utopisch. Auch die Bildung einer Internationalen Eingreiftruppe mit weitreichenden Kompetenzen für Dopingkontrollen erscheint nicht sehr realistisch.

"Die Vorstellung, dass Biathleten durch die Alpen reisen mit einer elektronischen Fußfessel oder dass Athleten irgendwo in den Rocky Mountains oder in Kenia trainieren und immer über einen GPS-Sender für eine internationale Eingreiftruppe ortbar sind, halte ich schon für ziemlich schwierig. Man begibt sich da letztlich auf ein Feld und in Zwänge, die mit Menschenwürde nicht mehr viel zu tun haben."

Von den Medien, speziell den elektronischen Medien, erwarten Franke und Ludwig die Ächtung dopingverseuchter Sportarten. FAZ-Mann Michael Reinsch widerspricht:

"Es ist natürlich grober Unfug, wenn man als Journalist sich von Missständen abwendet. Die Aufgabe eines Journalisten ist es, genauer hinzukucken. Ein Journalist muss dahin gehen, wo es weh tut. Der muss eben kucken, wer dopt. Und wenn die Tour de France gerade auseinander fliegt wegen Dopings, dann muss ein Journalist erst recht hingehen."

Die kommende Tour de France, erst recht die Olympischen Spiele in Peking werden zeigen, ob die Warnungen von Franke und Ludwig gefruchtet haben. Ein mutiges und zugleich bestürzendes Aufklärungsbuch über die Machenschaften der Doping-Mafia, das die Netzwerke aus Spitzensportlern, Trainern, Ärzten, Pharmaunternehmen, Sponsoren, Medien und Veranstaltern entlarvt. Schon jetzt das Standardwerk über Doping.


William Fotheringham: Put me back on my bike
Die Tom Simpson Biographie

Covadonga Verlag

Werner Franke / Udo Ludwig: Der verratene Sport
Die Machenschaften der Doping-Mafia

Verlag Zabert Sandmann

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