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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.12.2012

"Die Deutschen sind genauso neurotisch wie ich"

Tuvia Tenenbom über seine Erlebnisse in der Bundesrepublik

Der Schriftsteller und Regisseur Tuvia Tenenbom (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Der Schriftsteller und Regisseur Tuvia Tenenbom (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

In seinem neuen Buch beschreibt der jüdische Autor Tuvia Tenenbom seine Streifzüge durch verschiedene deutsche Milieus. Im Interview spricht er über Wohlfühlsozialismus, die deutsche Fixierung auf den Nahost-Konflikt und seine Abneigung gegen Political Correctness.

Sigrid Brinkmann: Tuvia Tenenbom wurde in Tel Aviv geboren, er ist in Jerusalem aufgewachsen und lebt seit gut 30 Jahren als Theatermacher und Journalist in New York. In Ägypten, Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt er sich gelegentlich als Deutscher aus, in Israel als die rechte Hand eines ultraorthodoxen Rabbis, in Polen ist er Amerikaner, in Deutschland mal Pole, mal Jordanier, mal Tuvia aus Manhattan. Für die Wochenzeitung "Die Zeit" schreibt der 55-jährige regelmäßig Kolumnen: Offen für alles und jeden, unternimmt er ethnologische Streifzüge quer durch die Welt.

Der Rowohlt Verlag lud Tuvia Tenenbom vor drei Jahren ein, sich eine Weile unter die Deutschen zu begeben, um deren Mentalität zu erkunden. Dies war eine besondere Herausforderung, denn viele seiner polnischen und deutschen Angehörigen wurden in den Konzentrationslagern umgebracht. Nach unversöhnlichen Gesprächen über einige Kapitel des Manuskripts - so den Besuch des Neonazi-Clubs 88 -, wechselte der Autor den Verlag. Am Montag erscheint nun bei Suhrkamp der komische, selbst-ironische und bisweilen böse Reisebericht "Allein unter Deutschen".
Tuvia Tenenbom war bei radikalen Linken, bei Rechtsextremen, Musikern, Theatermachern, Junkies, Schülern, Managern und Zeitungsmachern. Es gab feste Verabredungen und spontane Änderungen der Route. Ich habe ihn gefragt, ob er gern Augenblicksentscheidungen trifft?

Tuvia Tenenbom: Meist habe ich mich treiben lassen und bin meiner Intuition gefolgt. Bei ein paar Leuten musste ich mich selbstverständlich vorher ankündigen. Bei Helmut Schmidt kann man nicht so einfach hereinspazieren, aber ich bin davon ausgegangen, dass sich mir das Land schon zeigen wird. Ich handle nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip: Ich treffe jemanden und überlasse mich dann der Lust, an einen anderen Ort zu fahren.

Brinkmann: Im Buch sprechen Sie es aus: Die Identität öfter mal zu wechseln, ist ein "erhebendes Gefühl". Kommt man, wenn man sich als jemand anderer ausgibt, schneller zum Kern?

Tenenbom: Normalerweise stelle ich mich schon als der vor, der ich bin, und sage, dass ich für ein Buch recherchiere. Aber den Club 88 kann man nicht betreten und sagen: "Hi, ich bin Tuvia und zufällig Jude, guten Abend, wie geht's?" Oder die Demonstrationen am 1. Mai. Die Linksradikalen hatten mich wirklich gefressen, und ich dachte mir, lass mal sehen, wie sie zu mir sind, wenn ich ihnen erzähle, dass ich Jordanier bin. Plötzlich mochten sie mich. Wie dumm ist das denn! Nein, in der Regel habe ich gesagt, wer ich bin.

Brinkmann: Was auffällt, ist, dass Sie die Leute, die Sie unvorhergesehen trafen, leicht zum Reden bringen; und ziemlich schnell versteigen sich Ihre Bekanntschaften in Verschwörungsgedanken: Die Linksradikalen aus der HH Flora witterten überall Nazis, konnten Sie aber zu keinem Einzigen hinführen. Anarchos und Rechtsradikale treffen sich in ihrem Hass auf die Polizei. Fromme Protestanten verteidigen geschäftstüchtige Esoteriker. Sind die Deutschen ein Volk mit schwammigen Ideen und vielen Idiosynkrasien?

Tenenbom: Das würde ich nicht sagen. Warum reden die Leute so ungezwungen, wenn du eine Telefon-Umfrage machst? Man fragt ab, man nimmt automatisch so eine offizielle Haltung ein und lässt nicht wirklich durchblicken, um was es einem geht. Aber wenn Du zufällig Leute triffst – selbst wenn du ihnen sagst, dass du Journalist bist und ein Buch schreibst -, dann sitzt du mit ihnen, du plauderst, du trinkst und isst, ein paar Bier, ein paar Kaffees, und plötzlich kommt doch was anderes zum Vorschein. Diese Demonstrationen hier, bei denen radikale Linke ganz in Schwarz auf schwarz angezogene Rechtsextreme treffen, und sie jagen sich gegenseitig auf der Straße – so was habe ich in New York in 30 Jahren nicht gesehen. Ich habe mich oft gefragt: Wogegen oder wofür demonstriert Ihr denn? Sie essen gut, trinken ein Bier nach dem anderen – komm erzähl mir nichts vom Sozialismus, solange du dir all das leisten kannst.

Brinkmann: Als Autor der "Zeit" gehörten Interviews mit dem Herausgeber Helmut Schmidt sowie mit Giovanni di Lorenzo zum Pflichtprogramm. Der Altkanzler hatte einen jüdischen Großvater und wird für Sie zu Rabbi Helmut, der "in gut jüdischer Tradition vergangenen Kummer mit gegenwärtigem mischt". Sie konstatieren verblüfft und entnervt zugleich, dass Sie während Ihrer mehrmonatigen Reise keinen einzigen "judenfreien Tag" hatten. Die Deutschen, finden Sie, seien geradezu besessen von Juden. Warum entsetzt Sie das?

Tenenbom: Ganz einfach, du kannst in jedes andere Land reisen, aber nirgendwo wirst du auf diese Besessenheit, diese Fixierung stoßen. In Amerika gibt es Überlebende des Holocaust, sie und ihre Nachkommen verschwenden keinen Gedanken an Deutschland. Geh nach Tel Aviv, nach Jerusalem, wie viele Leute erzählen dir da was von Deutschland? Du kommst hierher und wirst mit der Geschichte der Juden und dem Nahost-Konflikt zugedröhnt. Vielleicht begeistern sich die Leute hier einfach für Außenpolitik, aber wenn du das Gespräch auf Russen, Tschetschenen, Türken und Kurden bringst, dann wissen sie nicht allzu viel. Die Mehrheit jedenfalls. Nein, sie geht in Workshops, die sich mit dem Judentum beschäftigen, sie besuchen Vorlesungen, und wenn es in Online-Beiträgen um die Geschichte Israels geht, schauen Sie sich mal an, wie viele Kommentare es dazu gibt. Günter Grass schreibt ein Gedicht. Wen interessiert das eigentlich? Aber nein, er spielt sich wie ein Politiker auf, und schon wird das zum öffentlichen Gespräch. Woher rührt diese Obsession? Ich finde das nicht normal.

Brinkmann: An wen und an welche Begegnungen denken Sie gern zurück?

Tenenbom: Ich denke an vieles gern zurück. Letztlich habe ich das Buch ja nicht mit Hass geschrieben. Ich mag dieses Land, die Leute. Es ist wahrscheinlich das einzige Land auf diesem Planeten, das ich gelegentlich besuche und sage: "Hey, das sind meine Leute." Die Deutschen sind genauso neurotisch wie ich. Ich denke, ich verstehe sie – mehr als andere. Was ich bedauere – wie soll ich's ausdrücken: Ich wünschte mir, dass sie mich so mögen wie ich sie.

Brinkmann: Die letzten Worte des Buches sind: Shake it, baby, I love you, child: Das heißt, die Deutschen befinden sich noch im Kinderstadium –

Tenenbom: Ein Kind zu sein, kindlich zu sein, das ist doch etwas Schönes! Wenn Leute mich fragen, wie alt ich bin, sage ich: vierzehn!

Brinkmann: Allein unter Deutschen: so ist die Entdeckungsreise übertitelt: Fühlten Sie sich wortwörtlich allein?

Tenenbom: Ja, leider, weil ich die Leute ja eigentlich mag, die deutsche Kultur, aber diese Überemphase in Bezug auf Juden hat dazu geführt, dass ich mich nach ein paar Monaten hier selber nicht mehr aushalten konnte. Ich habe mir gesagt: O Gott, bring Hitler zurück und lass ihn die Juden umbringen - mich auch. Ich will kein Jude mehr sein, ich will "rein" sein. "Die Juden haben einen eigenen Staat, und alles, was sie tun, ist Palästinenser umbringen, sie kontrollieren die Finanzmärkte, sie haben Obama im Griff". Wenn du das immer wieder hörst, denkst du am Ende: Vielleicht ist ja was dran, dass die Juden gemeine Menschen sind. Ich bin hässlich, ich bin schmutzig, denn ich habe jemandem etwas weg genommen. Plötzlich möchte man Deutscher sein, ja, sowas passiert.

Brinkmann: Zwischendrin und gegen Ende Ihres über 400 Seiten starken Buches packt Sie dann Verzweiflung, gemischt mit Rage, wenn Sie über die Maskeraden klagen, über unser Bedürfnis geliebt und ständig beglückwünscht zu werden, über den unausgesprochenen Judenhass. Und dann gipfelt alles in dem Superlativ: "Sie sind das narzisstischste Volk auf Erden". So einen Satz zu schreiben ist das eine, ihn stehen zu lassen etwas anderes. Gab es einen Moment des Zögerns?

Tenenbom: Ja, wir haben darüber gesprochen, aber schlussendlich dachte ich, es ist nur anständig, wenn ich den Leuten sage, was ich in jener Zeit fühlte. Ich habe ja schließlich keine Werbebroschüre geschrieben. Willst du das Buch gegen mich verwenden? Ja, dann mach es. Ich kann den Hass, der mir bisweilen entgegenschlug, doch nicht verschweigen. Ich strebe kein Amt an und suche keinen wichtigen Posten. In der ungeschönten Beschreibung drückt sich doch auch Respekt aus. Ich sag's brutal und lustig. Das ist ja kein wissenschaftliches Buch. Ich beweise nichts. Ich bin eine einzelne Stimme und man muss mein Urteil nicht teilen. Ich habe es so gefühlt im Sommer 2010 und wollte das genauso ausdrücken. Deshalb habe ich den Satz stehen lassen.

Brinkmann: Sie hassen die political correctness.

Tenenbom: Die political correctness mag ich nirgends. Israel wird oft stark kritisiert, und ich bin oft ganz und gar nicht einverstanden mit der israelischen Politik, aber andere Staaten wie Tschetschenien beispielsweise werden geschont. Da soll mir keiner von Gerechtigkeit reden. Ich komme mit jedem klar. Selbst mit einem Typen wie Ahmanideschad habe ich kein Problem. Es gibt nichts Härteres auf dieser Welt, als ein gerechter Mensch zu sein, ein Liberaler durch und durch. In meinem ganzen Leben bin ich keinem begegnet. Liberal sein heißt, dass du jedermanns Meinung respektieren musst. Du hast über niemanden ein Urteil zu fällen. Zeigen Sie mir einen leibhaftigen Liberalen! Den gibt's nicht. Vergessen Sie die politische Korrektheit. Sei ehrlich! Das ist alles, was ich verlange.

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