Montag, 1. September 2014MESZ09:42 Uhr

Lesart

OriginaltonDas Lektorat
Eine Lesebrille liegt auf einem Bücherstapel.

"Originalton" heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung "Lesart" - kurze Texte, um die wir Schriftsteller bitten. In dieser Woche befasst sich Bodo Morshäuser mit dem "Kerngeschäft" eines Autors.Mehr

Erster WeltkriegMit ihren jungen Augen
Ausgelöst durch die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten am 28. Juni 1914 in Sarajevo brach im August 1914 der große Krieg (später als 1. Weltkrieg bezeichnet) aus. Es kämpften die Mittelmächte, bestehend aus Deutschland, Österreich-Ungarn sowie später auch das Osmanische Reich (Türkei) und Bulgarien gegen die Tripelentente, bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Rußland sowie zahlreichen Bündnispartnern. Die traurige Bilanz des mit der Niederlage der Mittelmächte 1918 beendeten Weltkriegs: rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste.

Das Buch "Kleine Hände im Großen Krieg" von Yury und Sonya Winterberg versammelt Tagebuchaufzeichnungen, in denen Kinder und Jugendlichen von ihren Gefühlen und Erlebnissen während des Ersten Weltkriegs erzählen. Eine eindringliche Annäherung an das Thema.Mehr

Kurz und KritischPost von der Front

Der Journalist Theodor Wolff wandte sich früh gegen den Krieg und versuchte zu intervenieren. Ernst Jünger wiederum rang als Soldat um die Anerkennung seines Vaters - und schrieb Feldpostbriefe.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

weitere Beiträge

Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.11.2008

Die DDR und die Westmedien

Jochen Staadt & Tobias Voigt & Stefan Wolle: "Operation Fernsehen"

Rezensiert von Hans-Joachim Föller

In der DDR ein übliches Bild: Über Antennen wurden die Westmedien empfangen.
In der DDR ein übliches Bild: Über Antennen wurden die Westmedien empfangen. (Stock.XCHNG / Fernando Ifran)

In den meisten Teilen der DDR waren Fernseh- und Radioprogramme aus dem Westen zu empfangen. Aus Sicht der SED-Führung stellte das eine Bedrohung dar. Der Band "Operation Fernsehen" zeigt auf, mit welchen Methoden die Staatssicherheit gegen die Westmedien vorging und wie viel Einfluss sie tatsächlich ausüben konnte.

Einen stürmischen Herbst erlebte der Mitteldeutsche Rundfunk zehn Jahre nach der deutschen Vereinigung in den letzten Monaten des Jahres 2000. Wegen seiner nachsichtigen Stasi-Überprüfungen war der ARD-Sender in die Schlagzeilen geraten. Es rauschte im Zeitungsblätterwald. Über viele Monate enthüllten verschiedene Medien die Vergangenheit inoffizieller Stasi-Mitarbeiter, die im Dienst des Senders standen. Das Spottwort vom MDR-Stasi-Stadl machte die Runde. Die erfolgreichste ARD-Anstalt, wie sich der Sender gerne pries, hatte ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, das auf den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausstrahlte. Dadurch angestoßen, vergab die ARD den Auftrag an den Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, den Einfluss des MfS auf den Rundfunk in der DDR sowie in der Bundesrepublik Deutschland zu erforschen. Juristische Querelen verzögerten zunächst die Veröffentlichung. Nun präsentiert das Buch "Operation Fernsehen" wesentliche Erkenntnisse der Untersuchung über die Tätigkeit der Stasi im Rundfunk beider deutscher Staaten.

Zu den wesentlichen Kennzeichen totalitärer Herrschaftssysteme gehört ein Medienmonopol. Zwar hatte die SED in der DDR die Zügel der Informationspolitik fest in der Hand. Doch ein wirkliches Informationsmonopol ergab sich daraus nicht. Denn in fast allen Bezirken konnten Westsender empfangen werden.

"Die SED-Führung sah in den westdeutschen Hörfunk- und Fernsehsendungen eine elementare Bedrohung der von ihr angestrebten weltanschaulichen Hegemonie. SED und MfS bekämpften die Hörfunk- und Fernsehanstalten der ARD als Propaganda- und ,Diversionszentralen’ der Bundesregierung. Die Aufgabe dieser Medien bestand nach Auffassung von SED und MfS in der Verherrlichung des kapitalistischen Systems, in der Propagierung der westlichen Lebensweise sowie in der Aufwiegelung von DDR-Bürgern gegen die sozialistische Ordnung."

Dieses Zerrbild enthält einen wahren Kern. Die Autoren sprechen denn auch von einer paralysierenden Wirkung, die von der ständigen Präsenz der Westsender für den ostdeutschen Staat ausgegangen sei. Die SED setzte deshalb alles daran, diese Quelle der Destabilisierung unter ihre Kontrolle zu bekommen. Zu diesem Zweck sammelte das MfS mit Hilfe von IM Informationen in westdeutschen Sendern. Beispiel Ortrud und Karl-Heinz Reinsch vom Saarländischen Rundfunk. Offiziell schrieb sie Hörspiele, während er an einer Programmstrukturreform arbeitete. Daneben berichtete das Agentenduo über ARD-Intendantensitzungen und übermittelte Gebäudepläne. Ergänzend dazu erarbeitete die Stasi durch Telefonkontrolle in ganz Deutschland Informationen über die ARD und ihr leitendes und programmprägendes Personal. Wenn Mitarbeiter des RIAS und des Senders Freies Berlin mit der ARD telefonierten, hörte die Stasi immer mit. Erfasst wurden Briefe von ARD-Mitarbeitern aus der DDR, aber auch Empfänger, Verwandte, Freunde und Bekannte von Briefsendungen westlicher Journalisten in der DDR. Trotz dieser außerordentlichen Bemühungen – und das ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie – ist es dem MfS nicht gelungen, Entscheidungen auf der ARD-Leitungsebene oder in einem der dazugehörenden Sender zu beeinflussen. Zudem war der Einsatz inoffizieller Mitarbeiter geringer als zunächst vermutet. Politisch vergebens waren diese Strategien des SED-Staates allerdings nicht, wie die Zeithistoriker herausfanden.

"SED, MfS und anderen DDR-Organsationen war es jedoch immer wieder möglich, auf politische Kampagnen zu innen- und außenpolitischen Fragen in der Bundesrepublik Einfluss auszuüben. In solchen Zusammenhängen erzielte das MfS durch seine Tätigkeit – vermittelt über öffentliche Meinungsbildungsprozesse – auch in westdeutschen Hörfunk- und Fernsehsendern Wirkung."

"Operation Fernsehen - Die Stasi und die Medien in Ost und West""Operation Fernsehen - Die Stasi und die Medien in Ost und West" (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht)Günstig für eine Weichzeichnung der Diktatur war das politische Klima in Zeiten der Entspannungspolitik, dem sich manche westdeutsche Journalisten nicht entziehen konnten oder wollten. So schilderte die ehemalige Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks und heutige Bundestagsabgeordnete der Partei "Die Linke", Luc Jochimsen, die DDR als wahres Frauenparadies. Die Interviewpartner waren – ohne Wissen der Journalistin – von SED und Stasi hinsichtlich ihrer ideologischen Zuverlässigkeit ausgesucht. Besser war es jedoch, wenn der, der einen Film drehte, der DDR auch als IM verbunden war. So bejubelte Heinz Stuckmann, Deckname "Dietrich", für die WDR-Fernsehserie "Deutscher Alltag" ausgiebig die Vorzüge des DDR-Wohnungsbaus. Nach wie vor brisant ist ein Fall aus dem ZDF, dessen Aktenbelege den Forschern ungeplant in die Hände fielen: Dietmar Schumann, der schon als DDR-Journalist in der Sowjetunion, Ungarn und sogar in Österreich unterwegs war. Unter dem Decknamen "Basket" führte die HVA den Moskauer Korrespondenten. Der soll über Gespräche mit dem ZDF-Kollegen Dirk Sager berichtet haben, außerdem über die Politiker Hans-Jochen Vogel und Richard von Weizsäcker. Nach Darstellung der Forscher gehen 37 Informationen auf "Basket" zurück. Schumann bestritt inzwischen, wissentlich für das MfS tätig gewesen zu sein und ist weiter auf Sendung.

Ausführlich und anhand von Fallstudien beschreiben die Autoren Behinderungen und Kontrollen, denen die ARD-Korrespondenten in der DDR ausgesetzt waren. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Untersuchung der Überwachung der elektronischen Medien in der DDR, die offenkundig besonders eng gestrickt waren. Danach hat es sowohl auf durch das Leitungspersonal als auch in den Redaktionen selbst eine offizielle als auch inoffizielle Zusammenarbeit mit der Zuständigen Abteilung des MfS gegeben. Dieses Erbe wirkt noch nach:

"Die Lösung aus jahrzehntelanger MfS-Verstrickung und Parteizugehörigkeit erwies sich für die Sendeanstalten der neuen Bundesländer und ihre Mitarbeiter als ein schwieriger, langwieriger und oft schmerzhafter Prozess."

Und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Für eine interne und eine öffentliche Diskussion liefert dieses Werk eine wichtige Grundlage über eine der Kerninstitutionen der Demokratie. Mit ihrer Studie haben die Verfasser einen sehr verdienstvollen Beitrag zur Erhellung der SED-Medienpolitik im Rundfunk geliefert.

Jochen Staadt & Tobias Voigt & Stefan Wolle: Operation Fernsehen - Die Stasi und die Medien in Ost und West
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2008