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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.09.2013

Die Coolness des Universalhistorikers

Yuval Noah Harari: "Eine kurze Geschichte der Menschheit", DVA, München 2013, 528 Seiten

Aus luftiger Vogelperspektive gleitet Yuval Noah Harari über die Jahrtausende. (picture alliance / dpa)
Aus luftiger Vogelperspektive gleitet Yuval Noah Harari über die Jahrtausende. (picture alliance / dpa)

Der Mensch hat die Fähigkeit zu schöpferischem und zu zerstörerischem Handeln. Anschaulich zeichnet der Historiker Yuval Harari die Geschichte des Menschen nach und zeigt alle großen, aber auch ambivalenten Momente der Menschwerdung: eine üppige Vielfalt an Wissen.

Der Mensch ist umgeben von den Produkten seiner Fantasie: Das Grundgesetz, die Unternehmen Microsoft oder Apple, die Vereinigten Staaten von Amerika oder die eigene Ehe - alles das existiert gar nicht wirklich, sondern wurde mithilfe einer träumenden Sprache als Mythos in die Welt gesetzt. Nicht aus Atomen und Eiweißen besteht die menschliche Kultur, sondern aus puren Geschichten.

"Eine kurze Geschichte der Menschheit" heißt der Sachbuch-Bestseller aus Israel, der jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Erfolg des Geschichtsprofessors Yuval Noah Harari liegt, wie die kleine Kostprobe seines Denkens oben zeigt, neben der farbigen Sprache vor allem in seinem außergewöhnlichen Blickwinkel begründet.

Aus luftiger Vogelperspektive gleitet Harari über die Jahrtausende und bietet viel: spektakuläre Panoramen, plötzliche Sturzflüge in Details, unkonventionelle Interpretationen und eine üppige Vielfalt an Wissen aus Archäologie, Biologie, Religionssoziologie, Wirtschaft und Mathematik.

Los geht die Flugreise bei den Affenmenschen und endet im Übermorgen. Dazwischen zeigt sich das vermeintlich so harte Leben der frühen Steinzeit als Wohlleben in Glück und Überfluss. Die "landwirtschaftliche Revolution" dagegen erweist sich als heimliche Versklavung des Menschen durch die Ackerpflanze. Bald darauf entfalten die drei großen Bindekräfte der Menschheit ihre Macht: das Geld, weil es jede kulturelle Barriere überwindet, die imperiale Gewalt, weil sie unterschiedlichste Lebensweisen unter ein Banner zwingt, und die missionierenden Religionen, weil sie universale Werte formulieren.

"Ohne römische Gewaltherrschaft kein Seneca"

Das 20. Jahrhundert glänzt, trotz Kriege und Völkermorden und von tragfähigen Zahlen untermauert, als friedlichste aller Zeiten. Und das letzte Kapitel kündet gut gelaunt vom Ende des Homo sapiens durch Gentechnik und Mensch-Maschine-Chimären.

Der unwiderstehliche Reiz dieses Buches liegt in der Coolness des Universalhistorikers. Zwar nimmt er die Abgründe der Geschichte mitfühlend in den Blick - ausgerottete Sprachen und Kulturen, die Vernichtung von Werten, die in Geld nicht aufzurechnen sind, die Qualen der Nutztiere, eine untergehende Artenvielfalt, die Zeitdiktatur der Industrialisierung. Gleichzeitig gewinnt der Autor noch den brachialsten Wendungen der Geschichte helle Seiten ab: ohne die Mühsal des Ackerbaus keine frühen Hochkulturen. Ohne römische Gewaltherrschaft kein Seneca, kein Pompeji. Ohne die Zerschlagung Roms kein Erblühen der romanischen Sprachen. Ohne britischen Kolonialismus keine indische Demokratie. Geschichte, sagt Yuval Noah Harari, folgt keinem Plan und ist niemals gerecht.

Bei so viel Vogelperspektive überkommt den lesenden Menschen am Rande des Weltalls mitunter doch eine betrübte Verzagtheit: Solch große Bahnen zieht die Geschichte, unbeeindruckt von dem bisschen Sand, das man in ihr Getriebe werfen könnte? Da klettert man doch lieber zurück in Yuval Noah Hararis Flugzeug und lässt sich über die Wolken tragen - oder nicht?

Besprochen von Susanne Billig

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
DVA, München 2013
528 Seiten, zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen, 24,99 Euro

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