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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 10.03.2006

"Die christliche Religion ist auf der richtigen Spur"

Bischof Reinhard Marx über Kirche und Jugend

Moderation: Holger Hettinger

Papst Benedikt XVI. auf dem Weltjugendtag in Köln (AP)
Papst Benedikt XVI. auf dem Weltjugendtag in Köln (AP)

Nach Einschätzung von Bischof Reinhard Marx ist die Jugend weltweit an religiösen Fragen interessiert. Der Weltjugendtag in Köln habe gezeigt, dass viele Jugendliche offen für die "ganze Botschaft des Glaubens" seien, sagte der Vorsitzende der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. Die Kirche müsse künftig im Umgang mit Jungendlichen noch stärker auf die spirituelle und geistliche Ebene eingehen.

Hettinger: Was hat die Kirche der Jugend zu sagen? Und wie gehen die Jugendlichen mit diesen Botschaften um? Gestern ist hier in Berlin die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zu Ende gegangen. Im Mittelpunkt des Treffens stand die Frage nach dem Verhältnis zur Jugend, in einer Zeit, die für Spiritualität viel Raum bietet. Das war beim Weltjugendtag in Köln spürbar, doch der ist längst vorbei, die Jugendlichen sind wieder in ihren Heimatgemeinden. Im Studio ist Dr. Reinhard Marx, der Bischof von Tier. Euer Exzellenz, welche Konzepte habe Sie und das Bischofskollegium entwickelt, um die Begeisterung des Weltjungendtages weiter zu tragen in den religiösen Alltag?

Marx: Zunächst einmal haben wir eben gespürt beim Weltjugendtag, dass die Jugend weltweit ansprechbar ist für religiöse Fragen. Die alte Theorie, die wir, ja, manchmal auch unreflektiert nachgebetet haben - je weiter eine Gesellschaft sich entwickelt, umso weniger Religion hat sie -, ist ja verkehrt. Das heißt nicht, dass es der Kirche unbedingt damit besser geht. Aber dass überhaupt junge Menschen und zwar in dem Alter, wo sie sich die großen Fragen stellen - Wer bin ich? Wie sieht meine Berufsplanung aus? Was ist mein Wertesystem? -, also zwischen 15 und 25, auch die religiöse Frage stellen, das war für uns, glaube ich, ein großartiges Erlebnis, eine Erfahrung. Einer weltweiten Jugend. Es ging ja nicht nur um die Jugend in Europa.

Und insofern haben wir uns beim Studientag jetzt auch überlegt: Was bedeutet das für die Seelsorge? Wir haben auch gemerkt, es hat sich einiges verändert in den letzten 30 Jahren, wir müssen stärker auf diese spirituelle, geistliche Ebene mit den Jugendlichen eingehen. Wir haben in den 70er Jahren sehr stark auch eine diakonische Pastorale betrieben, die Jugend soll sich selber finden - und ich glaube, dass das wichtig bleibt. Das darf man nicht einfach abstreichen. Aber wir dürfen heute mutiger sagen: Wir möchten den jungen Menschen helfen, dass sie Christus finden. Das ist in den letzten Jahrzehnten etwas schamhaft verschwiegen worden. Vielleicht weil die Christen, die Katholiken, die Hauptamtlichen schüchtern waren im Bekenntnis ihrer eigenen Botschaft. Das hat sich verändert etwas. Und das haben wir einen ganzen Tag lang diskutiert. Was bedeutet das für Jugendkirchen, für die Verbandsarbeit, für die Arbeit an spirituellen Zentren? Da hatte man doch den Eindruck - bei aller Ambivalenz, man kann nicht einfach sagen: Aha, jetzt geht es wieder aufwärts; so einfach sind die Dinge nicht -, bei aller Ambivalenz spürt man, es gibt große Chancen, gerade diesen jungen Erwachsenen zu begegnen.

Hettinger: Diesen jungen Erwachsenen zu begegnen, die ja durchaus auch eine kritische Position zur Kirche einnehmen. Wir leben in einer Zeit, in der die angebotenen Gesellschaftsbilder und angebotenen Gesellschaftslösungen ganz divergent sind, die sich fundamental unterscheiden. Und die Mentalität vieler junger Menschen ist die: Ich pick mir einfach aus dem Angebot das heraus, was mir am meisten zusagt. Das ist doch schwierig, so etwas in Einklang zu bringen mit dem normativen Anspruch, den die katholische Kirche auch für sich und ihre Lehre erhebt?

Marx: Das ist schwierig, weil es eben auch sozusagen nur die halbe Miete ist. Wenn man sich nur etwas rauspickt, was zu einem passt, dann nimmt man möglicherweise den gesamten Schatz nicht so wahr, der im Glauben drinsteckt. Das betrifft übrigens nicht nur die jungen Leute. Das ist ein allgemeiner Trend in unserer Gesellschaft, dass man sich für sein Lebensdesign oder seine Lebensplanung das heraussucht, was möglichst wenig unangenehm ist und was irgendwie zu mir passt.

Und wir haben aber trotzdem den Eindruck gewonnen, dass Jugendliche stärker auch fragen: Was ist denn der katholische Glaube? Was heißt denn Christentum? Und dass sie auch nicht nur Lust an der Kritik haben. Das war vielleicht in der vergangenen Generation eher so. Mir haben alte Weihbischöfe erzählt jetzt während der Bischofskonferenz: Wenn ich jetzt mit Firmbewerber und Firmlingen diskutiere, werde ich viel offener gefragt als es noch vor 10, 20 Jahren der Fall war. Man wundert sich eigentlich, weil die ja alle auch aus Elternhäusern kommen, die kritische 68er waren. Also sie sind nicht unkritischer, aber offener. Auch für die ganze Botschaft des Glaubens. Sie wollen wissen: Was ist denn nun die Botschaft? Sag mir ruhig alles, verschweige nichts! Mach also nicht jetzt hier so eine halbe Geschichte, sondern sag ruhig: Was ist Deine Botschaft? Und dann kann ich entscheiden, ob ich da einverstanden bin oder was ich noch für Fragen habe.

Aber dieses Eiern, was wir in den letzten Jahrzehnten manchmal hatten, dass man sich nicht selber zugetraut hat, auch das Ganze des Evangeliums zu nennen und die Botschaft des Glaubens auch zu bezeugen, das, glaube ich, hat sich geändert oder müsste sich ändern. Und die jungen Leute sind da durchaus aufmerksam, weil sie merken: Ja, ja, mit einer reinen Patchwork-Existenz geht es vielleicht auch nicht.

Hettinger: Wie kann man das schaffen, dass diese unbequemen Teile, dass die Zumutungen des Glaubens auch in Reichweite sind für die Menschen?

Marx: Nur durch Zeugen. Wir haben ja die Illusion als Kirche in Deutschland gehabt: Wenn wir Geld haben, machen wir Stellenpläne, wir machen hauptamtliche Stellen und können damit auch die Evangelisierung vorantreiben. Da ist immer etwas dran. Schön, wenn man Geld hat und man kann also Dinge in Bewegung setzen. Aber das Wesentliche sind natürlich Personen, die brennen. Die wirklich gläubig sind. Die nicht einfach nur sagen: 38,5-Stunden-Woche, das war jetzt mein Teil, Schluss, Aus. Sondern die wirklich mit dem ganzen Leben in die Botschaft und das Zeugnis hineingehen. Das ist es, was wir brauchen.

Hettinger: Welche Haltungen sind das, denen Sie begegnen? Gerade die spirituelle Erfahrung ist eine Sache, ein Leben im Deutschland des Jahres 2006 eine andere. Dass gesellschaftliche und soziale Probleme so stark in den Vordergrund treten, hat ja dann auch zur Konsequenz, dass Menschen mit einem gewissen eskapistischen Motiv der Kirche begegnen. Was tun Sie, damit der Kontakt zur Wirklichkeit in dieser Form nicht abreißt?

Marx: Der christliche Glaube hat ja immer diesen realistischen Blick auf die Welt. Und gut, es gibt manche, die andere religiöse Formen für sich als angemessen empfinden. Zum Beispiel eben solche, wie Sie sie nennen, eskapistische Formen, wo man sagt: Na ja, ich will einfach meine Ruhe haben, ich tauche mal ab, ich höre ein bisschen Musik, ein bisschen Weihrauch und dann tauche ich irgendwo in die Stille hinein. Aber das ist keine christliche Spiritualität. Wir haben mit einem Gott zu tun, der Mensch geworden ist. Der uns ganz nahe kommt. Der uns auch in die große Weite, in das Abenteuer des Glaubens und Denkens hineinführt. Aber immer auch zum Nächsten hin. Und in die Realität. Ein Gott, der die Realität liebt, das ist es nun mal. Und da mag es sein, dass manche sagen: Nein, so eine Religion möchte ich nicht. Aber wir können auch faszinierend deutlich machen, dass es doch eigentlich richtiger ist, so zu leben. Auf der einen Seite wirklich in das Geheimnis Gottes sich hineinziehen zu lassen - aber nicht, indem man sich abwendet.

Ich sage manchmal so: Wenn einer wirklich christlich fromm ist, dann hat er auch eine Sensibilität für die Wunden der Welt und für das, was im Nächsten vorgeht. Und das macht das Leben ja lebenswert. Die Erfüllung finden wir ja nur - der Papst hat es in seiner Enzyklika "Gott ist die Liebe" ja großartig ausgeführt -, wir finden ja nur die Erfüllung, indem wir lieben und geliebt werden. Also insofern ist die christliche Religion, glaube ich, schon auf der richtigen Spur.

Hettinger: Eine weitere Position, die verhandelt wurde bei der Tagung der Deutschen Bischofskonferenz in den letzten Tagen, waren die Ergebnisse der Initiative "Hier beginnt die Zukunft: Ehe und Familie". Wir sehen uns mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Formen konfrontiert, wie Familie gelebt werden kann. Es scheint, dass die katholische Kirche hier eine sehr stark fixierte Wertsetzung hat. Wo ziehen Sie die Trennlinie zwischen Zeitgeist - den man ignorieren kann - und gesellschaftlicher Entwicklung, die man in irgendeiner Form aufnehmen muss, um nicht vollständig ins Hintertreffen zu kommen?

Marx: Man braucht Ziele. Und auch Ideale. Daran halten wir fest. Vielleicht sind wir da alte Romantiker als Kirche - und sagen nicht, natürlich: Die Realität interessiert uns nicht. Die Realität ist genau anzuschauen, weil Gott in die Realität eingestiegen ist in Jesus Christus. Deswegen müssen wir gerade das Leben, was nicht gelingt, was schwach ist, was krank ist, was zerbrochen ist, annehmen. Das ist ja unsere Ausrichtung. Aber das heißt ja nicht, dass wir sagen: Aha, wie es ist, ist es prima.

Sondern man muss ja Ziele haben. Und deswegen halten wir auch in der Familienpastorale und in unserer Vorstellung von Ehe daran fest, dass das gut ist. Dass Mann und Frau eine Familie bilden und Familie und Ehe zusammengehören. Und dass dann, wenn dieses Miteinander zerbrochen ist, dass dann Hilfen da sein müssen, nicht Verurteilungen und das Gericht über Menschen, die selber ja daran leiden an einem Scheitern. Aber nicht das Scheitern verklären. Das wollen diese Menschen ja selber nicht. Wir halten daran fest, Ehe und Familie gehören zusammen. Und dazu gehören Kinder. Das ist auch in hundert und in tausend Jahren noch ein großes Leitbild.

Hettinger: Weitere Positionen, die verhandelt wurden auf der Tagung der Deutschen Bischofskonferenz, waren auch Ansätze zur Umsetzung des Zuwanderungsgesetzes. Da begibt sich doch die Katholische Kirche in die harten - ich weiß nicht, ob Niederungen jetzt der richtige Begriff ist -, aber in die harten Reiche der Politik, der tagesaktuellen Politik? Wie politisch darf und soll Kirche sein?

Marx: Ja, wir sollten schon aufpassen, wenn eben Gesetze in eine Nähe hineinkommen, die Menschenrechte berühren - sage ich mal vorsichtig -, dann müssen wir einfach etwas tun. Wir sollten nicht als Kirche jetzt Techniker der Gesetzgebung sein. Wir werden zwar oft gefragt dann auch bei den Hearings und geben unseren Beitrag über das Katholische Büro, über das, was Bischöfe sagen in Artikeln, und so weiter. Das ist richtig. Wir können nur den Politikern die Verantwortung nicht abnehmen. Aber es ist unsere Aufgabe dann schon, zu schauen: Welche Auswirkungen haben Gesetze?

Wir waren ja mit dem Zuwanderungsgesetz ganz zufrieden eigentlich. Jedenfalls waren wir froh, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Das war ja schon mal ein Punkt, der mit sehr viel Mühe überhaupt erreicht worden ist. Und deswegen wollten wir nicht noch da also Sand in das Getriebe hineinstreuen. Aber wir erleben jetzt, dass eben manche Dinge in der Praxis doch so Auswirkungen haben, dass wir als Kirche uns äußern müssen. Die Caritas und die Diakonie haben ja die Erfahrungen. Wie sieht das aus mit den Abschiebehäftlingen, mit den Verhältnissen dort, Familiennachwuchs? Es gibt bestimmte menschenrechtliche Standards, die wir einfach nicht unterschreiten sollten, auch bei noch so viel Sorgen um Sicherheit und ähnlichen Dingen. Also da kommen wir in Einzelfällen an Punkte, wo wir einfach als Kirche sagen: Das kann so nicht weitergehen. Und deswegen haben wir uns dazu geäußert. Und werden vielleicht auch noch in den nächsten Monaten noch mal genauer eine Erklärung dazu abgeben wollen.

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