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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.02.2013

Die Brutalität der Sklavenindustrie

Michael Zeuske: "Die Geschichte der Amistad", Philipp Reclam jun. Verlag

Von Simone Schmollack

Eine Sklavin hält ihren jungen "Master" auf den Armen, 1850
Eine Sklavin hält ihren jungen "Master" auf den Armen, 1850 (AP Archiv)

Der weltweite Sklavenhandel war die größte Migration der Menschheitsgeschichte, fast acht Millionen Afrikaner wurden allein in die USA umgesiedelt. Der Menschenhandel boomte, ein äußerst lukratives Geschäft. Michael Zeuske nähert sich dem Thema sehr gründlich - und fast ein bisschen zu ausführlich.

Michael Zeuske bezeichnet ihn als frühe Globalisierung: den weltweiten Menschenhandel. Der Historiker, der an der Universität Köln lehrt, muss es wissen: Er ist Experte für Sklaverei. Sein neues Werk wiegt schwer. Nicht nur, weil es rund 250 eng beschriebene Seiten hat. Sondern, weil es die Ausmaße und die Brutalität der Sklavenindustrie genau beleuchtet.

Knapp 13 Millionen Menschen sollen bis Ende des 19. Jahrhunderts allein über den Mittelatlantik verschleppt worden sein. Etwa 11 Millionen wurden nach Nord- und Südamerika verschickt. Die Frauen, Männer und Kinder kamen zunächst vor allem aus Westafrika, später aber auch aus Zentral- und Ostafrika und sogar aus Indien.

Es waren vor allem Länder wie die Vereinigten Staaten, Portugal, Spanien, Frankreich und Großbritannien, die am Sklavenhandel verdienten. Aber auch die Niederlande, Schweden und Dänemark waren beteiligt.

"Durch die 'Kapitalakkumulation aus menschlichen Körpern'" entstand die weltweit größte Migration der Menschheitsgeschichte. Diese erzwungene Einwanderung habe Amerika geschaffen: Zwischen 1450 und 1830 kamen 6 bis 8 Millionen Afrikaner nach Amerika und nur etwa 2 bis 3 Millionen nach Europa. Und bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden laut Zeuske über 30 Millionen Kulis aus Indien und China in entfernte Gebiete transportiert.

Unverhohlen hat der französisch-italienische Sklavenhändler Théodore Canot Sklaven als Währung beschrieben:

"Überdies hat der finanzielle Instinkt von Afrika, anstatt Banknoten oder die edlen Metalle als Tauschmittel zu verwenden, festgesetzt, dass ein menschliches Wesen, die persönliche Verkörperung von Arbeit, das Kostbarste auf dieser Welt ist."

Als ideale Sklaven kamen gesunde Männer und Frauen zwischen 15 und 30 Jahren in Frage. Ihr Wert wurde in piezas oder piezas de indias gemessen, was übersetzt "Ein Stück Indien" heißt. Als hembra pieza wurde eine Frau bezeichnet. Mulecones waren Jugendliche. Eine Originalquelle beschreibt das so:

"Vierundfünfzig gesunde Neger, die man befand, piezas de indias zu sein. Und weiter gingen zweiundzwanzig gesunde schwarze Weiber und ein Baby durch, die man auch befand, piezas de indias zu sein ... dazu acht Mulecones, darunter zwei gesunde Weibchen, die mit je drei Köpfen für zwei piezas berechnet wurden."

Wer einmal Sklave war, der blieb Sklave. Manche bekamen ein Brandmal auf den Körper und waren damit ein Leben lang gekennzeichnet. Durch den Menschenhandel wurde eine neue Form der Leibeigenschaft geschaffen – an Land.

Aber auch an Bord entstanden - wie man heute sagen würde - neue Arbeitsplätze. Neben den Matrosen, Köchen und Ruderern gab es auf den Sklavenschiffen bald Despenseiros, sogenannte Verteiler. Ihre Aufgabe war es, Essen und Wasser in den Laderäumen der Schiffe zu verteilen, dort, wo die Sklaven um Nahrung, Wasser und Platz kämpften. Diese Aufgabe wollte niemand übernehmen, vermutlich wurde sie zugewiesen, wie 1821 in einem Protokoll des Schiffes Astreia festgehalten wurde:

"Verteiler ... Jose Joaquim, stammt aus Lissabon, 24 Jahre."

Eine große Rolle beim Sklavenhandel spielte Kuba. Das lateinamerikanische Land war bis 1898 spanische Kolonie. Offiziell war der Sklavenhandel auf der Insel seit 1820 aufgrund von Verträgen zwischen Großbritannien und Spanien verboten. Die Abolition, die Abschaffung des Handels mit Menschen, kam auf Kuba aber erst gegen 1886 zum Tragen.

Trotz oder wegen des Verbots boomte dort der Menschenhandel, bis zu 1,3 Millionen schwarze Frauen und Männer kamen auf die Insel. Man glaubte, Afrikanerinnen und Afrikaner seien schwere bäuerliche Arbeit unter glühender Hitze gewohnt, auf Kuba mussten sie auf den Zuckerplantagen arbeiten. Für sie wurden astronomische Summen bezahlt.

Die kubanische Sklaverei ist vor allem durch den Fall Amistad bekannt geworden: Die La Amistad war ein spanisches Segelschiff, das sich 1839 auf dem Weg von einer kubanischen Stadt in eine andere befand. Mit an Bord: 40 afrikanische Sklaven. Die meuterten unterwegs und töteten bis auf zwei Mann die gesamte Besatzung.

Das Schiff erreichte die Küste der Vereinigten Staaten, wo die Männer zunächst gefangen genommen und wegen Meuterei angeklagt, nach mehreren Aufsehen erregenden Prozessen jedoch frei gelassen wurden. Regisseur Steven Spielberg hat die Geschichte verfilmt.

Die Menschenkäufer und -verkäufer hatten ganze Händlernetze aufgebaut. Dennoch setzten sie alles daran, ihre Spuren zu verwischen. Sobald die riesigen Schiffe einen amerikanischen oder europäischen Hafen erreichten, mussten sie Dokumente fälschen oder verschwinden lassen. Die Schiffe hatten neben den üblichen Waren wie Tabak, Silber und Waffen auch fast immer Sklaven an Bord. Ohne Papiere aber, die den Kauf und Verkauf von Waren verzeichneten, war auch damals kein Handel möglich.

Sklavenhändler hatten, so drückt es Michael Zeuske aus, eine "Tag"-Seite und eine "Nacht"-Seite. Zur Tag-Seite finden sich viele historische Spuren: Dokumente und Informationen, in denen sich die Menschenschmuggler als großzügige Unternehmer präsentierten. Die "Nacht"-Seite, die der Verbrechen an der Menschlichkeit, ist schwerer aufzuklären.

Dem Historiker ist das vielfach gelungen. Viele Jahre hat er in Archiven in Havanna, Lissabon, Madrid, Sevilla und London gewühlt. Dabei hat er Handschriften gefunden, die noch nie zuvor publiziert waren. Jetzt kann man sie nachlesen. Wohl nicht umsonst bezeichnet Zeuske seine Arbeit auch als "historische Kriminalistik".

Das macht es dem Leser allerdings schwer, den Ausführungen stets aufmerksam zu folgen. Im Buch wimmelt es von Zahlen, Namen, Orten, Handelswegen und Seerouten. Detailliebe und Fleißarbeit in allen Ehren - ein Buch für Einsteiger ist es dadurch eher nicht. Vielmehr ein Lexikon für Experten und Nerds.

LESART: Michael Zeuske, "Die Geschichte der Amistad"Michael Zeuske: "Die Geschichte der Amistad" (Philipp Reclam Jun.)Michael Zeuske: Die Geschichte der Amistad. Sklavenhandel und Menschenschmuggel auf dem Atlantik im 19. Jahrhundert
Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2012
255 Seiten, 11,95 Euro