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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.06.2011

Die Boote der Kindheit

José Saramago: "Über die Liebe und das Meer", Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, 103 Seiten

José Saramago
José Saramago (AP)

Der Nobelpreisträger José Saramago war auch ein Lyriker. 1966 erschien ein Band Poesie, zwei weitere Bände folgten. Jetzt gibt es Saramagos Gedichte auf Deutsch. Aber viele Texte wirken belanglos oder nicht zu Ende gedacht.

Er liebte Gleichnisse, poetisch-politische Parabeln, er nutzte sie meisterhaft, und gleichermaßen meisterhaft handhabte er die Sprache: der Erzähler José Saramago (1922-2010). Sein Prosastil - mit Rhythmus und Klang, voller Anarchie und gleichzeitig streng geformt, entschlackt, reduziert - hatte etwas Unverwechselbares: etwas Lyrisches. Nun erfahren wir: Der Nobelpreisträger war auch Lyriker. 1966 erschien ein Band Poesie, zwei weitere Bände folgten; erst in den Siebzigern wurde der Portugiese als Romancier zum Berufsschriftsteller.

In Deutschland erschien Saramagos Werk jahrzehntelang bei Rowohlt; nach einem Streit wechselte der Autor kurz vor seinem Tod zu Hoffmann und Campe. Um die andere Seite des Stars zu erhellen und sicher auch aus kommerziellem Kalkül druckte der Verlag nun erstmals ein Bändchen Poesie, eine Auswahl auf 100 Seiten, rund 80 Gedichte, basierend auf zwei Leitmotiven. "Über die Liebe und das Meer" – den Titel und die Themen setzte Übersetzerin Niki Graça. Mal mit, mal ohne Reim philosophiert der Lyriker J.S. über "die Boote der Kindheit", den Fluss der Zeit, das Alter, er erzählt von Liebesmythen und mythischen Gestalten, er besingt die Anmut der Frauen wie die Wildheit der See (und umgekehrt), er lobt Naturgewalt und Leidenschaft, die drastische Erotik.
Der Nobelpreisträger José Saramago war auch Lyriker. 1966 erschien ein Band Poesie, zwei weitere Bände folgten. Jetzt gibt es Saramagos Gedichte auf Deutsch. Es gibt schöne Seiten, aber viele Texte wirken belanglos oder nicht zu Ende gedacht.

In manchen Gedichten werden Wasser und Meer zu Metaphern für die menschliche Existenz: "Von Schiffbrüchen weiß ich mehr als das Meer, / Kraftlos tauche ich aus manchem Abgrund hoch", heißt es. Starke Verse fand der Meister auch für sein Handwerk: "Ich ziehe am Ufer einen Strich in den Sand: / Nur wenig später spült die Flut ihn weg. / Genauso geht es dem Gedicht."

Schöne Seiten hat das kleine Buch. Aber: Viele Texte wirken belanglos oder nicht zu Ende gedacht ("Rätsel sind nicht so wie sie erscheinen, / Und Worte reichen selten zum Erklären"). Manche Zeile kommt allzu blumig, affektiert daher, Verse holpern, und man weiß nicht: Liegt es am Versmaß der alten Lusitaner oder an der Übersetzung? "Dem Meer dreh ich den Rücken zu, versteh es ja, / Zu meinem Menschsein ich zurück mich kehre. / Wie viel da ist im Meer, finde ich staunend / In meinem kleinen Sein, das ich wohl sehe." Man lese diese Zeilen laut: unmöglich. Da ist viel Sand zwischen Treibgut und Perlen.

Nein, als Poet versteht der Portugiese kaum zu überzeugen, doch das sagt nichts über den Künstler und sein Werk. Man kann Saramagos Lyrik so verstehen, wie er sie vielleicht selbst verstand - als Versuchsfeld für die Sprache der großen Romane: "Ich glaube nicht, dass wir erblindet sind, ich glaube, wir sind blind, Blinde, die sehen, Blinde, die sehend nicht sehen."

Besprochen von Uwe Stolzmann

José Saramago: Über die Liebe und das Meer. Gedichte
Aus dem Portugiesischen von Niki Graça
Hoffmann und Campe, Hamburg 2011
103 Seiten, 15 Euro