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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.04.2010

Die Bohéme zu Sowjetzeiten

Olga Martynova: "Sogar Papageien überleben uns", Literaturverlag Droschl, Wien 2010, 204 Seiten

Sankt Petersburg (AP Archiv)
Sankt Petersburg (AP Archiv)

Das zweite Mal ist alles schwieriger. Marina Alexandrova liebt in Leningrad Andreas, den deutschen Austauschstudenten. Doch 1986/87 können sie nicht zusammenbleiben. Andreas reist zurück in den Westen und heiratet eine andere. 20 Jahre und eine Scheidung später macht er Marina einen Heiratsantrag, über den die ebenfalls geschiedene Literaturwissenschaftlerin nachdenkt auf einer Vortragsreise durch Deutschland über die avantgardistische Künstlervereinigung der Oberiuten um Daniil Charms. Das ist die Ausgangssituation des Romans "Sogar die Papageien überleben uns" von Olga Martynova.

Der einem Roman von Joseph Roth entlehnte Titel erinnert an die Endlichkeit des Lebens. Doch Martynova, die 1962 in Sibirien geboren wurde, in Leningrad aufwuchs und seit 1991 als Lyrikerin und Journalistin in Deutschland lebt, schreibt keine düstere Reflexionsprosa über verpasste Chancen. Vielmehr weitet sie Marinas Kurzaufenthalt in Deutschland zu einem Raum voller Erinnerungen an "Andrjuscha" und Freunde, an Geschichten, Gedichte, Schicksale und historische Ereignisse zwischen Deutschen und Russen.

Die Vortragsreise bleibt schemenhaft, sie zerfällt in viele kurze und kürzeste Szenen, die dank präziser Sprachbilder (Sektgläser haben eine Gänsehaut) nicht selten auf beglückende Weise leuchten. Alles scheint gleich wichtig zu sein, alles ist jetzt. Biblische sieben Tage währt dieser in sieben Kapitel gegliederte Bewusstseinsraum.

In ihm werden Zeit und Raum ständig überwunden und zugleich thematisiert: In der Perestroika, heißt es, gab es "Dinge aus dem früheren Leben", der vorsowjetischen Zeit, und "Dinge aus dem anderen Leben", aus dem Westen. Als Marina damals mit Andreas Sylvester auf der zugefrorenen Newa feierte und ihm glücklich "Zum Raum wird hier die Zeit" zurief, erkannte der Deutsche nicht Wagner, sondern "Chronotop", den Begriff des Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin für die raumzeitliche Ordnung einer Erzählung.

Das junge Liebespaar ging bei der Leningrader Intellektuellenbohème ein und aus, wo man vertraut war mit fernen oder toten Dichtern wie Joseph Brodskij, Vladimir Nabokov und Anna Achmatowa. In einer Wohnung lagerten Katzenfelle, gegerbt während der Belagerung Leningrads durch die Deutschen und Andreas' Vater. Damals verhungerte nicht nur der inhaftierte Dichter Daniil Charms, weil irgendwann alle Katzen verspeist waren. All dies führt zwanglos zu einem besonderen Blau auf den Gemälden eines Franzosen aus dem 18. Jahrhundert und zu Ereignissen im 5. Jahrhundert vor Christi. So heftig vagabundiert Martynovas Ich-Erzählerin durch die Zeiten, dass man gern einen Blick auf die Orientierungshilfe unterhalb der Kapitelüberschrift wirft. Dort stehen in drei Zeilen immer 27 Jahreszahlen; die jeweils behandelten sind fett gedruckt.

Olga Martynova zeigt ein ungewöhnliches Sowjetrussland mit Leningrader Bohèmiens, mittelasiatischen Hippies und skurrilen Dichtern um Daniil Charms und Alexander Wwedenskij. Deren Bruder im Geiste ist Marinas Deutschlandbegleiter Fjodor. Seine sanft dadaistischen Gedichte und Erzählungen zersetzen allen Ernst, was Marinas Entscheidung über den Heiratsantrag nicht gerade einfacher macht. Scheinbar mühelos lässt Olga Martynova in diesem ungewöhnlich schwebenden Buch die Zeit zum (Erzähl-)Raum werden.

Besprochen von Jörg Plath

Olga Martynova: Sogar Papageien überleben uns
Roman, Literaturverlag Droschl, Wien 2010
204 Seiten, 19 Euro

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