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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 23.10.2010

Die blockierte Gesellschaft

Massenproteste in Frankreich - Wahrnehmung in Deutschland

Von Pascal Thibaut, Radio France International

Paris: Proteste gegen die Rentenreform in Frankreich, bei der das Renteneintrittalter von 60 auf 62 angehoben werden soll. (AP)
Paris: Proteste gegen die Rentenreform in Frankreich, bei der das Renteneintrittalter von 60 auf 62 angehoben werden soll. (AP)

Zur Zeit erfüllen die Franzosen mit Bravour die Klischees, die man hierzulande erwartet: Die Chaoten-Gallier rebellieren mal wieder. Dieses Mal gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Mit allen Nebenerscheinungen. Und zeichnen so das Bild einer blockierten und unreformierbaren Gesellschaft.

"Ca m'énerve". "Das nervt mich". Die mit starkem deutschem Akzent gesungene Single der Kunstfigur Helmut Fritz sorgte in Frankreich für einen Hit. In seinem Lied machte sich der Sänger -eigentlich ein Franzose aus Lothringen- über die Schicki-Micki-Welt der Pariser Pseudo-VIPs lustig.

Vielleicht kommt noch der germanisch angehauchte Beobachter der französischen Society auf die Idee der société bloquée, also der blockierten Gesellschaft einen Song zu widmen. Ein Remake von "Ca m'énerve" könnte ich mir gut über die leeren Tankstellen, die Staus auf den verstopften oder blockierten Straßen oder die festsitzenden Züge und Flugzeuge vorstellen.

Zurzeit erfüllen meine Landsleute mit Bravour die Klischees, die man aus Frankreich hierzulande erwartet. Die Chaoten-Gallier rebellieren ein Mal mehr, gehen en masse auf die Straße, nehmen gewisse Kollateralschäden in Kauf. Die frustrierte Jugend kann zum Beispiel zurzeit im wirklichen Leben die etwas rabiaten Spielregeln mancher Videospiele umsetzen. Mit einer für Deutschland unvorstellbaren Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen von rund 25 Prozent ist ein solcher Frust vorprogrammiert.

Die französische Rebellion mit ihren orgiastischen Zügen ist sie nicht etwa für Gallien das was der Exil-Franzose wiederum hierzulande mit Erstaunen in Köln oder München saisonal beobachtet, wenn alle Tabus einer fest geregelten Gesellschaft während des Karnevals oder des Oktoberfests fallen. Diesseits des Rheins schneidet man Krawatten, jenseits des selbigen Flusses Köpfe, früher blutig – heute politisch.

Ja, Politik spielt auch dabei eine Rolle, auch wenn die Straßen sich regelmäßig zu einer großen Bühne mit bestens einstudierten Stücken und Ritualen verwandeln. Jemand hat gesagt, die Geschichte würde sich nicht wiederholen, dafür aber regelmäßig stottern. In dieser Disziplin sind wir Weltmeister.

Mit einer Mischung aus Ekel und Faszination beobachten die Deutschen ihre Nachbarn beim Brechen zahlreicher Rekorde. Während die Reisebeilagen der hiesigen Zeitungen die abgedroschenen Klischees über das Savoir-Vivre, das Baguette und sonstige Jeanette pflegen, zeichnen die Politikseiten das Bild einer blockierten und unreformierbaren Gesellschaft.

Ja, ein bisschen Neid ist manchmal auch dabei, besonders im linken Lager, wenn eine Streikwelle wie die jetzige das Nachbarland überrollt und häufig die Regierenden in die Knie zwingt. Wann musste aus diesem Grund ein Kanzler, geschweige denn eine Kanzlerin, vor dem Volk zittern? Politische Streiks sind hier verboten, die Gewerkschaften sind eher zahm und können ihre Basis besser bändigen. Im föderalen Deutschland herrscht eher die Maxime "local is beautiful". Man versteht bei Protesten Bahnhof besser als Hartz 4 und ein ehemaliger Salzstock in einer abgelegenen Gegend pfeffert die Wut der Atomgegner.

Dafür basiert die hiesige politische Kultur viel mehr auf Dialog und Konsens. Dies macht die Entscheidungsprozesse viel mühsamer. Am Ende werden aber verabschiedete Maßnahmen nicht von der Straße als vierte Gewalt weggefegt, zumindest bei bundesweiten Themen.
An eine massive Streikwelle gegen die Rente für 67 kann ich mich auf Anhieb nicht erinnern. Und die französischen Protest-Gene scheinen eher im Süden Europas zu herrschen. Trotz Tunnel unter dem Ärmelkanal wurden diese Keime nicht nach England exportiert, auch jetzt nach den angekündigten Riesensparmaßnahmen der Londoner Regierung.

In Frankreich erscheint daher die Schlachtung der heiligen Kuh, der Rente mit 60, für viele Kommentatoren – in Deutschland und anderswo- als schwer verständlich, da das Renteneintrittsalter bei uns auf bescheidene 62 Jahre erhöht wird. Übrigens hatte eine Mehrheit der Franzosen vor ein paar Monaten die Reform unterstützt. Und wenn heute 70 Prozent von ihnen mit den Protestierenden sympathisieren, so sind sie nicht bei Weitem so zahlreich, wie die, die ein Aufgeben des Vorhabens fordern.

Im Land des Cartesianismus hat der Rationalismus seine verwirrende Logik. Aber, um bei den großen Denkern zu bleiben, sagte nicht etwa Blaise Pascal: "Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt."

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