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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 12.11.2012

Die beste Film-Hexenküche der Welt

"Hobbit" feiert Premiere in Neuseeland

Von Andreas Stummer

Der britische Autor und "Hobbit-Erfinder" J.R.R. Tolkien, 1967
Der britische Autor und "Hobbit-Erfinder" J.R.R. Tolkien, 1967 (AP)

"Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson hat in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington ein hochmodernes Kino-Imperium aufgebaut: mit Ateliers, Schnitt- und Tonstudios sowie Hitech-Einrichtungen zur Nachbearbeitung. In dieser Film-Hexenküche hat Jackson einen Hit nach dem anderen produziert: "King Kong", "Avatar" und jetzt "Der kleine Hobbit".

Im Gewerbegebiet der Miramar-Halbinsel am Stadtrand von Wellington, nur ein paar Autominuten süd-östlich der City. Gabelstapler stapeln, Lieferwägen liefern. Der Weg ins Hollywood Neuseelands führt vorbei an fensterlosen Lagerhallen, Gartenbaumärkten und Autowerkstätten. Miramar ist ein Vorort, in dem Wirklichkeit und Phantasie nur ein paar Schritte auseinanderliegen. Denn inmitten von Kleinbetrieben und Großhändlern schlägt das Herz der neuseeländischen Filmindustrie.

Mit Rucksack und Reiseführer unterm Arm posieren Pierre und Marie aus Marseille vor dem Eingang der Stonestreet Studios, Neuseelands bedeutendstem Filmatelier. Sandkasten und Spielplatz von "Herr der Ringe"-Regisseur und Oscar-Gewinner Peter Jackson. 33.000 Quadratmeter Fläche und eine Tonbühne so groß wie zehn Tennisplätze. Aber auch ein Schild am Eingang: "Dreharbeiten – kein Zutritt !".

Pierre: "Wir versuchen überall nur ein wenig durch den Zaun zu schauen, weil wir so große Fans der Herr der Ringe-Filme sind. Auch wenn wir nicht allzu viel sehen. Es gibt hier so viel zu entdecken."

Nur ein paar Straßen weiter ist der WETA-Workshop – die Oscar-prämierte Design-Werkstatt für zehntausende Requisiten und Kostüme, Spezialeffekte, Kreaturen, Modelle und das Make-Up der Tolkien-Trilogie. Gleich nebenan liegt WETA Digital, die weltführende Hexenküche für Visuelle Effekte. Auch mehrfache Oscargewinner. Miramar ist Neuseelands Kino-Bermuda-Dreieck. Nach dem "Herrn der Ringe" entstanden hier das Remake von "King Kong" und: "Avatar", der größte Kassenerfolg aller Zeiten. "Die Abenteuer von Tim und Struppi" und jetzt Tolkiens Zwergenaufstand "Der kleine Hobbit". Noch vor 15 Jahren war Miramar nur Wellingtons letzte Ausfahrt vor dem Flughafen, heute ist es das Mekka des modernen Effekte-Kinos.

Ecke Camperdown Road/Weka Street: Es ist Hochbetrieb in der WETA-Höhle, dem Mini-Museum und Souvenirshop der Spezialeffekte-Werkstatt. Zeit, einer Busladung Touristen die 20 Minuten-"WETA: Hinter den Kulissen"-DVD einzulegen.

Mark Fry: "Wir haben hier mehr als 100.000 Besucher im Jahr. Dabei ist nicht mehr Platz als in einem geräumigen Wohnzimmer. Die Menschen kommen aus aller Welt. Männer, Frauen jung und alt. Es ist großartig."

Mark Fry ist der Ladenhüter der WETA-Höhle, der Herr der Dinge. Er wacht über hunderte Original-Requisiten aus den Tolkien-Verfilmungen: Kostüme in Vitrinen, Schwerter, Helme und Kettenhemden hinter Glas. Zauberer Gandalf, mit Spitzhut, in Lebens-, der blutrünstige Urukhai-Krieger Lurtz in Überlebens-größe. Alle "Herr der Ringe"-Charaktere aus Mittelerde – mehr als 30 – gibt es als Actionfiguren. Nicht "Made in China" und aus Plastik – "Wir sind nicht Star Wars !", erinnert Mark - sondern handgearbeitet im WETA-Workshop nebenan.

Auch wenn er genauso oft gefragt wird, ob sein grauer Nikolaus-Zwirbelbart, das Regenbogen-T-Shirt und die blasslila Schuhe nicht auch ein Kostüm wären – Mark Fry hat zu jedem Stück im Laden eine Geschichte. Er war sogar Statist im ersten "Herr der Ringe"-Film. Aber ob nun Schlüsselanhänger für zwei Euro, "den einen Ring" mit Elben-Gravur für knapp 1000 oder mehr als 10.000 Euro für Hobbit Frodo’s Schwert – handgeschmiedet und, weltweit, eines von nur 25: Für WETA ist die Höhle ein gutes Geschäft, für Kinofans eine unbezahlbare Pilgerstätte.

Mary O’Gorman: "Ich finde es großartig was unsere Filmleute machen. Sie haben einen Pionier-geist, der in vielen Neuseeländern steckt. Wir versuchen aus dem bißchen, das wir haben, das Beste zu machen. Mit Talent und Einfallsreichtum. Die Filme, die hier in Wellington entstehen, sind eine Verbeugung vor dem neusee-
ländischen Charakter."

An der Eingangstür zur WETA-Höhle kauert ein alter Bekannter: Eine Skulptur von Gollum, dem heimlichen Star der "Herr der Ringe"-Kinotrilogie. Als visueller Spezialeffekt ist Gollum ein Meilenstein. Halb Mensch, halb digitale Kreatur. Dargestellt von einem Schauspieler aber vollendet als Computeranimation. Von WETA Digital. Die Technik heißt "Performance Capture". Bewegung, Mimik und Gestik eines Darstellers in einem Ganzkörperanzug werden dabei, über Marker, auf ein digitales Skelett übertragen und dann, im Computer, mit der virtuellen Figur kombiniert. Was früher künstlich und unnatürlich wirkte, war bei Gollum eine Sensation, die Grenze zwischen realer und künstlicher Welt unsichtbar geworden. 2002 gewann WETA Digital dafür den Oscar für Visuelle Effekte.

Joe Letteri: "Ich war stolz darauf, welche digitalen Film-Techniken wir für den Herrn der Ringe entwickelt hatten. Aber wir wollten mehr. Wir arbeiteten hart daran noch glaubwürdigere Kreaturen zu kreieren und – wie für Avatar - neue Welten oder nie gesehene Landschaften zu erschaffen. Aber alle diese Ideen hatten ihren Anfang in der Herr der Ringe-Trilogie."

Joe Letteri, vierfacher Oscargewinner und Präsident von WETA Digital, ist ein Computer-Spezialeffekte-Mann der ersten Stunde. Er trickste schon am Rechner das Blaue vom Himmel herunter als viele noch dachten Microsoft wäre ein Weichspüler. Letteri, ein gebürtiger Amerikaner, arbeitete in den USA am "Krieg der Sterne" und den Dinosauriern in "Jurassic Park". Nach dem "Herrn der Ringe" machte er mit dem WETA-Team "King Kong" zum digitalen Affen und erschuf die blauen Navi’i und den Planeten Pandora in "Avatar". Jetzt aber kehrten Letteri und WETA Digital für den kleinen Hobbit wieder dahin zurück, wo alles angefangen hat. Nach Mittelerde.

Joe Letteri: "Es war phantastisch, denn seit dem "Herrn der Ringe" sind zehn Jahre vergangen. Seitdem haben wir unsere Techniken so weiterentwickelt, dass wir heute machen können, was damals unmöglich war. Wir gingen also zurück in eine vertraute Welt – und machten sie besser. Nur wenige Filme bieten einem diese Möglichkeit."

Fünf Oscars und zwei Nominierungen in nur zehn Jahren: Die Erfolgsgeschichte von WETA Digital ergäbe selbst einen guten Film. Sie begann 1984 bei den Dreharbeiten zu Peter Jacksons "Heavenly Creatures". Jackson und ein paar Freunde gründeten WETA Digital im Hinterzimmer eines Wohnhauses in Wellington. Einer war der Computergraphiker Matt Aitken. Er hatte damals nicht einmal genug Speicherplatz, um eine einzige Einstellung zu sichern. Heute hat WETA Digital die Rechnerkapazität einer Kleinstadt. Die Neuseeländer haben nicht nur die Art wie heute Filme gemacht werden, revolutioniert, sondern auch welche Filme gemacht werden können. "Avatar" war eine Reise ins Nie-gesehene, "Tim und Struppi" kam zu 100% aus dem Computer. "Unserer Phantasie", sagt WETA-Veteran Matt Aitken, "sind keine Grenzen mehr gesetzt.

Matt Aitken: "Unser Markenzeichen ist jeden unserer Charaktere und jede unserer Welten so realistisch und glaubwürdig wie möglich machen. Das erreichen wir mit tradi-tionellem Filmemachen – nur eben im Computer. Unsere Effektkünstler be-leuchten ihre Szenen wie ein Kameramann, sie sind Kulissenbauer, designen ihre eigenen Requisiten und computer-animieren ihre Charaktere. Das Umfeld mag sehr technisch sein, aber unser Team ist voller Allroundkünstler."

WETA Digital ist wie die Vereinten Nationen für Visuelle Effekte. Die mehr als 1000 Mitarbeiter kommen aus über 80 Ländern. Der amerikanische Computer-graphiker Guy Williams arbeitet seit jetzt 13 Jahren bei WETA, angefangen mit dem "Herrn der Ringe", zuletzt für das Superhelden-Klassentreffen "The Avengers". Heute ist er Mitte 30, hat eine Neuseeländerin geheiratet, zwei Kiwi-Kinder bekommen und in Wellington ein Haus gebaut. Williams lebt bei WETA seinen eigenen amerikanischen Traum. Nur in Neuseeland.

Guy Williams: "All das internationale Talent, das hier zusammenkommt und mit Leidenschaft bei der Arbeit ist – das ist WETA’s größte Stärke. Wir arbeiten oft bis in die Nacht, wir machen freiwillig Überstunden. Diese Filme zu machen ist ein Privileg. WETA setzt deiner Kreativität keine Grenzen. Es kommt nur das bestmögliche Filmbild auf die Leinwand. Was will man mehr als Künstler?"

Bei WETA Digital an visuellen Effekten zu arbeiten braucht Geduld. An einer einzigen Einstellung wird oft über Wochen herumgetüftelt, bevor sie kopiert werden kann. Das wird, nur fünf Gehminuten die Straße hinunter, bei Park Road Post erledigt. Einem 10.000 Quadratmeter großen Komplex, den Wellingtons Taxifahrer nur "das Traumhaus" nennen. Einstöckig, klare Linien, eine cremefarben getünchte Fassade mit Holzelementen und dunklen Naturschindeln: Das Gebäude sieht aus als hätte es US-Stararchitekt Frank Lloyd Wright entworfen. Innen, im Foyer und den weitläufigen Gängen: Schwere Ledersofas, Edelholz-Parkettböden und ausgesuchte Teppiche. "Park Road Post" ist ein Kino-Nachbearbeitungshaus – die Luxus-Version. Hier wird ein Film geschnitten, vertont, kopiert und mit Musik versehen. Kurz – zum Leben erweckt.

Eine Führung durch den 180 Sitze-Kinosaal von Park Road Post, das Herzstück des Gebäudes. Geschäftsführer Cameron Harland spielt Platzanweiser. Dolby-Raumton, 3 D-Projektoren, unverschämt weiche Sessel: Park Road Post ist keine Filmfabrik, sondern eine Kino-Boutique. Cameron Harland nennt es "Das Haus, das "Der Herr der Ringe" gebaut hat. Denn nach mehr als zwei Milliarden Euro Kasseneinspiel für die Tolkien-Trilogie hat Peter Jackson bei der Ausstattung an nichts gespart.

Cameron Harland: "Wir haben die besten Tonmisch-Studios, die man für Geld kaufen kann. Die besten Farbkorrektur-Einrichtungen und unser eigenes Kopier-Labor. Alles bequem in einem Gebäude. Aber das Besondere an unserem Postproduktionshaus ist, dass es, von Grund auf, von einem Filmemacher entworfen wurde."

In einem der beiden Haupt-Tonstudios von Park Road Post. Eine haushohe Leinwand, gedämpftes Licht. Das Studio ist so geräumig wie ein Kinosaal, Sitzreihen aber gibt es nicht. Mitten im Raum ist ein gut zehn Meter langes Mischpult montiert. Dahinter, in einem Drehstuhl, sitzt ein alter Hase: John Neill, 61. Der Mann für den guten Ton bei Park Road Post.

Die Konsole hat mehr Knöpfe und Regler als die Kommandobrücke der Enterprise, Computer-Bildschirme links und rechts. Wird eine Großproduktion wie "Der kleine Hobbit" abgemischt, dann arbeitetet hier ein siebenköpfiges Team plus Assistenten. Über Wochen und Monate, oft rund um die Uhr. Als Leiter der Sound-Abteilung sorgt John Neill dafür, dass seine Misch-Tonmeister, Sound Designer und Tontechniker dabei auch auf dem Klangteppich bleiben.

Ein Knopfdruck am Mischpult und Neill jagt eine Szene aus "King Kong" durch die Digital-Lautsprecher. Der Ton ist so klar, jeder Atemzug klingt wie ein Wasserfall, jede Bewegung auf der Leinwand wie ein Erdbeben.

Als John Neill vor fast 40 Jahren in der neuseeländischen Filmindustrie angefangen hat, genügte es beim Drehen nur den Dialog der Schauspieler und Hintergrundgeräusche aufzunehmen. Damals noch in Mono und auf Tonbandspulen. Hinterher vielleicht noch ein paar handgemachte Soundeffekte – fertig war die Tonspur. Doch mit dem "Herrn der Ringe", "King Kong", "Avatar" und "Tim und Struppi" sind die Filme nicht nur digital und ein paar Nummern größer, sondern auch lauter geworden.

John Neill: "Wir haben nicht mehr einfach nur zwei Schauspieler, die sich unterhalten. Wir müssen einer ganzen Armada von Phantasie-Kreaturen eine Stimme geben. Das ist jedesmal eine große Herausforderung. Inzwischen haben wir Sound Designer, die nichts anderes machen. Und sie sind großartig."

Das ohrenbetäubende Gekreisch der Ringreiter, das Gebrüll von Orcs oder der Schlachtenlärm tausender Statisten: Für die Tongestaltung der Tolkien-Trilogie bekam das Sound-Team bei Park Road Post zwei Oscars. Doch was vor zehn Jahren noch bahnbrechend war ist heute schon wieder ein alter Hut. "Der kleine Hobbit" kommt in "Dolby Atmos" in die Filmtheater. Ein neues Soundsystem, bei dem sogar Tonmeister John Neill, Hören und Sehen vergeht.

John Neill: "Ich liebe meinen Job, weil ich jeden Tag mit immer modernerer Technik herumspielen darf. Mit dem neuen Tonsystem kann jeder einzelne Lautsprecher im Kinosaal individuell aktiviert werden. Das heißt: Wir können jetzt einzelne Geräusche an jeder beliebigen Stelle im Raum platzieren. Nicht wie bisher nur auf die Seite oder nach hinten. Das Geräusch wird genau da zu hören sein wo wir es wollen."