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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.01.2012

Die Babyklappe vor dem Aus?

Deutscher Ethikrat sieht soziale und rechtliche Defizite und will bessere Hilfen für in Not geratene Mütter

Christiane Woopen im Gespräch mit Britta Bürger

Eine Krankenschwester vom St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam vor einer Babyklappe (Archivbild von 2003) (picture alliance / dpa - Nestor Bachmann)
Eine Krankenschwester vom St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam vor einer Babyklappe (Archivbild von 2003) (picture alliance / dpa - Nestor Bachmann)

Vor gut zehn Jahren wurden die sogenannten Babyklappen eingeführt, mit denen Müttern, die sich in Notsituationen befinden, die anonyme Abgabe ihres Neugeborenen ermöglicht wird. Der Deutsche Ethikrat lehnt Babyklappen ab und fühlt sich durch eine Studie des Bundesfamilienministeriums bestätigt.

Britta Bürger: Gut zehn Jahre nach Einführung der sogenannten Babyklappe hat das Bundesfamilienministerium jetzt die erste Studie über anonyme Geburten in Auftrag gegeben. Die offizielle Vorstellung ist erst im Februar, aber schon jetzt ist eine Zusammenfassung veröffentlicht worden, die den Sinn und Nutzen der Babyklappen offensichtlich infrage stellt. In Köln begrüße ich jetzt Christiane Woopen, Professorin für Ethik und Theorie der Medizin an der Universität Köln und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, der schon länger die Abschaffung der Babyklappen fordert. Guten Morgen, Frau Woopen!

Christiane Woopen: Guten Morgen, Frau Bürger!

Bürger: Fühlen Sie sich durch die neue Studie in Ihrer Ablehnung der Babyklappen bestätigt?

Woopen: Ja, wir fühlen uns sehr bestätigt in unseren Analysen und auch in unseren Schlussfolgerungen. In der Zusammenfassung greift das Deutsche Jugendinstitut fast jede einzelne Empfehlung, die der Deutsche Ethikrat gegeben hat, auf, sie halten sich nur bei einer konkreten Vorstellung einer neuen Gesetzgebung zurück, aber ansonsten sind wir uns vollkommen einig in dem, was aus den Daten unter Würdigung der Gesamtumstände folgt.

Bürger: Wir haben es gerade gehört, es gibt erhebliche juristische Bedenken gegenüber den Babyklappen. Gegen welche Gesetze verstößt denn diese Art der anonymen Geburt?

Woopen: Das können unterschiedliche Gesetze sein. Das kann das Strafrecht sein, das kann das Zivilrecht sein, das kann das Personenstandsrecht sein, da muss man die Einzelumstände entsprechend in Betracht ziehen.

Bürger: Laut der Studie werden 314 Kinder nie erfahren können, wer ihre Eltern sind, warum halten Sie das für besonders bedenklich?

Woopen: Das ist insofern bedenklich, als die Kinder – so viel man weiß aus Studien und auch aus dem Gutachten, dass das Deutsche Jugendinstitut dazu in Auftrag gegeben hatte – in ihrer Identitätsbildung schwere Nachteile haben und auch erhebliche Defizite im Selbstwertgefühl entwickeln können, mit allen damit verbundenen Ab- und Umwegen im späteren Lebenslauf, die sich daraus ergeben können.

Bürger: Haben Sie denn vor allem gegenüber den Babyklappen Bedenken, oder halten Sie anonyme Geburten generell für problematisch? Denn dass die Kinder ihre Herkunft nicht erfahren können, das gilt ja dann in jedem Fall, oder?

Woopen: Das gilt in jedem Fall, deswegen hält die Mehrheit des Deutschen Ethikrates auch tatsächlich alle Formen der anonymen Kindesabgabe für problematisch. Sicher ist aber die Babyklappe von den drei Möglichkeiten die problematischste, weil sie Mutter und Kind, beide vollumfänglich alleine läst.

Bürger: Auch die Mutter, die danach ihre sozialen Probleme in keiner Weise gelöst findet, beziehungsweise keine Unterstützung dafür hat. Ist das denn im Fall einer anonymen Geburt im Krankenhaus anders?

Woopen: Zum einen wird eine Mutter und das Kind bei einer anonymen Geburt gesundheitlich versorgt, die Geburt findet jedenfalls unter medizinischer Betreuung statt, und dadurch, dass es einen Kontakt zu der Mutter gibt, hat man auch die Chance, vielleicht sie in eine Beratungssituation hineinzuholen, wo man ihr Hilfe anbieten kann, um mit der Situation zurechtzukommen und sie vielleicht so zu lösen, dass sie das Kind entweder zu sich nehmen kann oder eine reguläre Adoptionsfreigabe erfolgt.

Bürger: Ein Ergebnis der Studie überrascht ja besonders, erschreckt auch besonders: Bei rund einem Fünftel, heißt es, der abgegebenen Kinder wissen die Träger angeblich nicht, wo diese Kinder geblieben sind. Was bedeutet das denn genau, das klingt ja regelrecht kriminell?

Woopen: Ja, der Verdacht drängt sich auf, dass dahinter möglicherweise auch Machenschaften stecken können, die ein Rechtsstaat überhaupt nicht dulden kann. Er kann aber allein schon nicht dulden …

Bürger: Was meinen Sie damit?

Woopen: Ich meine damit zum Beispiel Adoptionen ins Ausland oder keine Schutzpflicht für die Kinder auszuüben insofern, als dass er gar nicht weiß, was mit diesen Kindern tatsächlich passiert, unter welchen Umständen sie leben und wo sie sich aufhalten, ob ihr Leben und ihre Gesundheit tatsächlich geschützt sind.

Bürger: Kirchen, Krankenhäuser und Vereine helfen Frauen bei einer anonymen Geburt, insgesamt sind es 350 Träger. Wenn es jetzt in diesem Umfeld so etwas wie illegales Geschäftemachen mit Adoptionen gibt, heißt das, da gibt es bestimmte Träger, die Sie per se auch problematisch finden?

Woopen: Also in der Landschaft hat man schon seine Vermutungen, welche Träger möglicherweise solider und welche weniger solide sind. Es gibt zweifellos sehr solide Träger von Angeboten anonymer Kinderabgabe, die das mit großer Sorgfalt machen und mit großer Hingabe auch darin, die Frauen zu erreichen und ihnen tatsächlich Hilfe zukommen zu lassen. Aber es gibt auch andere, und da muss man jetzt einmal genauer hinschauen.

Bürger: Sie haben ja anscheinend schon genau hingeschaut, was sind das für Träger?

Woopen: Also Sie werden verstehen, dass ich jetzt im Radio nicht irgendwelche Aussagen über einzelne Träger machen möchte, was die Studie aber zeigt, ist ja, dass es Intransparenz gibt. Und insofern denke ich, ist die Notwendigkeit zu handeln jetzt ganz klar belegt. Berücksichtigen muss man vielleicht noch, dass ja gar nicht alle Träger geantwortet haben …

Bürger: 20 Prozent, glaube ich, nicht.

Woopen: Ja, sogar noch mehr zum Teil … Und man muss auch berücksichtigen, dass nicht alle Träger, die geantwortet haben, ihre Zahlen offengelegt haben. Das heißt, die Zahlen, die jetzt hier kursieren mit 974 abgegebenen Kindern et cetera, das sind die Mindestzahlen, das sind die, die wirklich erfasst wurden. Was wir nicht wissen, sind die Zahlen derer, die nicht erfasst oder nicht angegeben wurden.

Bürger: Einige Jugendämter kritisieren auch eine teilweise offensive Werbung für die anonyme Geburt, um eine Art Nachfrage zu schaffen, durch die dann illegale Adoptionen möglich werden. Wie sieht denn so eine offensive Werbung aus?

Woopen: Das sind beispielsweise Anzeigen in Zeitungen, das sind große Leuchtbuchstaben mit dem Begriff "Babyklappe" oben auf Hochhäusern, wo darauf hingewiesen wird, das sind Radiosendungen. Und man darf nicht vergessen, dass kürzlich sogar der Bundespräsident ein Bundesverdienstkreuz verliehen hat an eine Dame, die eine Babyklappe betreibt. Es ist ein "Bambi" verliehen worden für jemanden, der sich als Pflegemutter in Kombination mit einem Trägerverein um die Sorge um ein abgegebenes Kind kümmert. Also das ist eine schwierige öffentliche Diskussion, in die man hineingerät, weil es schwer ist zu vermitteln, welche Problematik diese Einrichtungen mit sich bringen, weil sie auf den ersten Anschein so positiv wirken und man sehr genau hingucken muss, um die Problematik erst mal anzuerkennen.

Bürger: Es gibt ja auch eine positive Seite für Frauen, die es ja wirklich nötig haben, in der Anonymität zu bleiben.

Woopen: Was die Studie auch ergeben hat, ist ja, dass die Frauen zwar gegenüber bestimmten Gruppen oder Personen anonym bleiben wollen – entweder dem sozialen Umfeld oder Behörden oder dem Arbeitgeber gegenüber –, die meisten haben aber nicht das Bedürfnis, dem Kind gegenüber anonym zu bleiben, und werden oft in eine Situation hineingedrängt, die gar nicht durch die Anonymität selber geschützt ist.

Was die Studie sehr schön zeigt, jedenfalls sofern es jetzt in der Zusammenfassung zu sehen ist, ist, dass ganz im Gegenteil diese Anonymität auch erhebliche Belastungen mit sich bringt, weil es ja dazu führt, dass die Schwangerschaft verheimlicht werden muss, dass die Frau nicht in eine medizinische Versorgung während der Schwangerschaft hineinkommt, dass sie im Unklaren bleibt über den Verlauf, das Datum der Geburt und den Verlauf der Geburt. Das heißt, sie wird ganz und gar alleine gelassen.

Würde sie nicht den Weg der Anonymität wählen, sondern gäbe es niedrigschwellige Angebote, die sie in Anspruch nimmt, damit ihr wirklich Hilfe zuteil wird, unter Gewährleistung selbstverständlich der Vertraulichkeit, oder dass ihr die Anonymität gegenüber den Personen und Institutionen gewährleistet wird, wo sie es braucht, dann würde sie Hilfe bekommen und ihre Bedürfnisse wären trotzdem erfüllt.

Bürger: Die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder will ja noch in diesem Jahr einen Gesetzesvorschlag einbringen – was erwarten Sie konkret von ihr?

Woopen: Also wir würden uns wünschen, dass sie die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates sehr gründlich liest und die Empfehlungen sich zu Herzen nimmt und dass dann – also das sind ja eine Vielzahl von Empfehlungen, im Vordergrund steht ja nicht die Schließung der Babyklappe, sondern im Vordergrund steht das Anliegen, den betroffenen Müttern und Schwangeren in Not wirklich die angemessenen Hilfen zur Verfügung stellen zu können –, und dass sie das dann mit den beteiligten Trägern, Institutionen und auch natürlich den zuständigen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in den Ländern mit den Ministerien sorgfältig umsetzt.

Bürger: Das heißt, Sie sagen nicht, die Babyklappen sollen generell geschlossen werden?

Woopen: Das ist nicht die einzige Maßnahme – das ist schon das gewünschte Ergebnis, dass Babyklappen geschlossen werden, aber das lässt sich natürlich … das ist nicht die Lösung des Problems jetzt, sondern es müssen die Hilfen den Frauen nahegebracht werden. Es muss bekannt gemacht werden, welche Hilfen es alles schon gibt, sie müssen noch niedrigschwelliger erreicht werden können – das ist beispielsweise das Internet, es gibt Telefon-Hotlines, es gibt ein breites Netz an Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, die entsprechend so auch ausgebaut werden können, dass sie in diesem Kontext tätig werden können, so dass den Frauen klar ist, sie kriegen vor Ort unmittelbar in der einen oder anderen Form, also Telefon, Internet oder persönliches Gespräch, die Hilfe, die sie benötigen. Und dann kann man auch Babyklappen abschaffen.

Wir brauchen auch eine größere Akzeptanz für Adoptionen in der Gesellschaft, denn die Frauen kommen sich manchmal vor, als seien sie dann Rabenmütter, wenn sie das Kind abgeben. Viel mehr muss man es aber sehr wertschätzen, wenn Schwangeren klar wird, dass sie selber das Kind nicht gut versorgen können, und es dann abgeben, um ihnen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Das ist das eigentlich Wünschenswerte.

Bürger: Stehen die Babyklappen vor dem Aus? Darüber sprach ich mit Christiane Woopen, der stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates. Frau Woopen, danke fürs Gespräch!

Woopen: Danke, Frau Bürger!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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