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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.06.2009

Die Außenseiter

Oda Lambrecht / Christian Baars: "Mission Gottesreich - Fundamentalistische Christen in Deutschland", Ch. Links Verlag 2009, 248 Seiten

Boom einer vormodernen Form des Glaubens.  (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Boom einer vormodernen Form des Glaubens. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Während die großen Kirchen an Mitgliedern verlieren, erhalten die evangelikalen Gemeinschaften und Pfingstkirchen Zulauf. Sie scheinen Orientierung zu bieten in verwirrenden Zeiten. Die Autoren Oda Lambrecht und Christian Baars nehmen die Bewegung und ihre Anhänger kritisch unter die Lupe.

Die großen Kirchen schrumpfen und entwerfen Notfallpläne für die Zeit, wenn sie nur noch mit der Hälfte ihrer jetzigen Mitglieder rechnen können. Es gibt jedoch auch eine Ausprägung des Christentums, die zur Zeit einen echten Boom erlebt: die besonders frommen. Evangelikale, Pfingstkirchen, bibeltreue Christen nennen sie sich im evangelischen Bereich. "Fundamentalisten" sagen Oda Lambrecht und Christian Baars in ihrem Buch, und das ganz bewusst.

Damit bewegen sie sich auf historisch sicherem Boden. Denn der Begriff stammt nicht etwa aus der Debatte um den radikalen Islam, sondern vom Ende des 19. Jahrhunderts, aus der Auseinandersetzung von Bibelgläubigen mit den neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaft in den USA. Damals schienen die Grundlagen des Glaubens bedroht, die "fundamentals". Genau diese Fundamente zurrten überzeugte Christen dann fest, zum Beispiel mit dem Verweis auf die Überlegenheit der biblischen Schöpfungslehre über die Evolutionstheorie. "Fundamentalisten" war ihr positiv besetzter Kampfname, so wie es "Protestanten" einst für die Kritiker der römischen Papstkirche war.

Natürlich verwenden die Autoren den Begriff nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern auch wegen der Bedeutung, die heute meist im Vordergrund steht: Fundamentalisten, das sind religiöse Überzeugungstäter, Fanatiker gar, die neben ihrer Wahrheit direkt von Gott nichts gelten lassen. Und genau so verhalten sich auch die Anhänger der wachsenden evangelikalen Gemeinschaften und Pfingstkirchen, sagen Lambrecht und Baars. Um ihre These zu untermauern, haben sie Gottesdienste und Missionsfeste besucht, die Selbstdarstellungen der Gemeinden ausgewertet und zahlreiche Interviews geführt, mit Gläubigen und Kritikern. Auch wenn trotzdem die Einschätzung fragwürdig bleibt, dass wirklich alle Vertreter dieser Glaubensrichtung Fundamentalisten im Wortsinne sind - auf jeden Fall sammeln die Autoren eindrucksvolle Belege dafür, dass hier eine konservative bis reaktionäre, leicht zu begeisternde und schlagkräftige Bewegung wächst, die zumindest in Teilen gerne mehr Einfluss auf die Gesellschaft gewinnen würde und von der man immer noch zu wenig weiß.

Lambrecht und Baars geben einen Überblick über Missions-, Bildungs- und Medienaktivitäten. Sie fragen an zwei neuralgischen Punkten inhaltlich nach: bei der Einstellung zur Sexualität, besonders der vehementen Ablehnung der Homosexualität, und zur Schöpfungs- beziehungsweise Evolutionslehre. Damit zeichnen sie das Bild einer sehr engen Welt, in der oft der Gemeindeleiter vorgibt, an welchen Idealen von keuschem Leben und unkritischer Bibelgläubigkeit sich die Gläubigen zu orientieren haben. Wer nicht mehr mitkommt, steigt aus.

Warum nun genau so eine unfreie, vormoderne Form des Glaubens einen solchen Boom erlebt? Die Autoren vermuten Orientierungsbedarf in verwirrenden Zeiten. Außerdem würden sich gerade Menschen in persönlichen Krisensituation von diesen Gruppen ansprechen lassen, obwohl hier die Untersuchungslage nicht eindeutig ist. Die eine, überzeugende Erklärung finden Oda Lambrecht und Christian Baars nicht. Vielleicht gibt es sie nicht. Vielleicht fragen die Autoren dafür aber auch zu sehr von außen, denn sie treten in ihrem Buch sehr deutlich als Journalisten von außen auf, die zwar neugierig auf eine oft befremdliche Form von Glauben sind, aber letztlich doch auch selber religiös unmusikalisch.

Deswegen sind die Unterscheidungen zwischen allgemein Christlichem und spezifisch Evangelikal-fundamentalistischem oft ein wenig zu unscharf. Die generelle Tendenz aber haben die Autoren sicher richtig beobachtet: Der Einfluss der Evangelikalen wächst, auch auf die Landeskirchen, und sollte ohne Alarmismus sicher gut beobachtet und nicht einfach nur ins harmlos-exotische verwiesen werden.

Besprochen von Kirsten Dietrich

Oda Lambrecht / Christian Baars: Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland
Ch. Links Verlag, Berlin 2009
248 Seiten, 16,90 Euro

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