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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.03.2012

Die Ausgeburt des Bösen in einem problematischen Film

Die Kampagne "Kony 2012" will einen Kriegsverbrecher jagen, doch Afrika-Experten reagieren skeptisch

Christoph Klitsch-Ott im Gespräch mit Joachim Scholl

Joseph Kony im November 2006
Joseph Kony im November 2006 (dpa / picture alliance / Stuart Price/Pool)

Millionenfach wird ein halbstündiger Film über die Verbrechen des afrikanischen Warlords Joseph Kony auf Youtube angeklickt. Doch die Informationen des Films zu Kony und den Kindersoldaten in Uganda sind veraltet, sagt der Leiter des Afrika-Referats der Hilfsorganisation Caritas, Christoph Klitsch-Ott.

Joachim Scholl: Er ist eine halbe Stunde lang und tritt voll auf das Gefühlspedal – der Film "Kony 2012". Es geht um den afrikanischen Warlord und gesuchten Kriegsverbrecher Joseph Kony und als Kindersoldaten missbrauchte Kinder. Seit einer Woche steht der Film im Netz. Gedreht von der amerikanischen NGO, von der Nichtregierungsorganisation "Invisible Children". Und über 75 Millionen Mal wurde er seither allein auf Youtube angeklickt. Sabina Fritz über Kony 2012 und die Aktion, die dahintersteht.

Sabina Fritz: Millionen Menschen sehen sich plötzlich einen Film über Kindersoldaten in Uganda an, darunter viele Jugendliche. Ein Film, der 30 Minuten lang ist, wird zur Sensation bei einer Generation, die sonst eher nach 30 Sekunden umschaltet. Lehrer in Amerika zeigen den Film im Unterricht. Hinter dem Film steckt Jason Russell, ein Amerikaner, der vor allem gelernt hat, Filme zu machen. Sein Projekt beginnt mit einem Versprechen: "Ich verspreche dir, wir werden sie stoppen."

Russell gibt dieses Versprechen Jacob, einem Jungen aus Uganda, der am liebsten sterben möchte. Er sieht nur Leid, keine Zukunft, seinem Bruder wurde der Kopf abgehackt. Hinter den Gräueltaten steckt Joseph Kony, Anführer einer Rebellengruppe, die seit Jahrzehnten in Afrika tötet, verstümmelt und vergewaltigt. Einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt. Jason Russell möchte Joseph Kony stoppen. Einen Massenmörder finden mit einem Film, mit Plakataktionen, mit Tanzpartys, T-Shirts und Armbändchen – eine verrückte oder eine geniale Idee? In einem Radiointerview sagt Russell dazu: "Man muss daran glauben, dass die Aufmerksamkeit und das Wachrütteln etwas bewirken, denn der Präsident der Vereinigten Staaten beobachtet das."

Jason Russell kämpft seit neun Jahren dafür, dass die Rebellen in Uganda gestoppt werden. Er hat die Organisation "Invisible Children" gegründet, "Unsichtbare Kinder". Um diese Kinder, die unvorstellbares Leid erlebt haben, an die Öffentlichkeit zu bringen. Er hat Prominente wie Angelina Jolie, Bono und George Clooney für sein Projekt gewinnen können. "Ich möchte, dass angeklagte Kriegsverbrecher die gleiche Berühmtheit erleben wie ich. Das ist nur fair", sagt der Schauspieler. Es bleibt nur die Frage, was Russell und seine Organisation tatsächlich bewirken können. Kritiker behaupten, von dem Geld, das die Organisation einsammelt, gehen nur 30 Prozent nach Afrika. Der Riesenerfolg über den Film des Mörders Joseph Kony ist jedenfalls ein neuer Beweis für die Macht des Internets. Das Netz wird zum Weltpolizisten, nimmt das Recht selbst in die Hand. Vielen geht das zu weit. Andere fragen sich, ob, wenn man sich diesen Film anschaut oder sich einen "Stop Kony"-Anstecker kauft, wirklich etwas bewirken kann. Die Wette läuft jedenfalls.

Scholl: Sabrina Fritz über "Kony 2012", die Internetkampagne, an deren Ende die Verhaftung des Kriegsverbrechers Joseph Kony stehen soll. Aus einem Studio in Freiburg ist uns jetzt Christoph Klitsch-Ott zugeschaltet, er ist Referatsleiter für Afrika bei der deutschen Caritas und seit vielen Jahren in Projekten aktiv in Afrika, um Kindersoldaten zu helfen. Guten Morgen, Herr Klitsch-Ott!

Christoph Klitsch-Ott: Guten Morgen!

Scholl: Diese halbe Stunde Film ist von jener mitreißenden amerikanischen Art geprägt: Wir alle haben ein Ziel, zusammen sind wir stark, und so können wir es erreichen. Er ist emotional, hochpathetisch und verbreitet sich vielleicht gerade deshalb wie ein Lauffeuer. Hätten Sie sich, Herr Klitsch-Ott, für Ihre Arbeit in der Vergangenheit auch einen solchen Film gewünscht?

Klitsch-Ott: Tja, ich bin da natürlich gespalten. Der Film hat natürlich einen Wahnsinnserfolg, leitet das Interesse auf ein Problem, das in Afrika besteht: Kindersoldaten. Er ist hochemotional, und er spielt natürlich auf der Klaviatur, was jeder Kampagnenorganisator kennt: Information führt zu Wissen, Emotion führt zur Handlung. Das ist der Versuch dieses Filmes, aber er wirft natürlich auch sehr viele Probleme auf.

Scholl: Welche Probleme sind das?

Klitsch-Ott: Na ja, er ist sehr emotional, auf der anderen Seite arbeitet er die wenigen Informationen, die man über diesen Film bekommt – die sind zum Teil sehr alt, Bilder, die zum Teil sieben, acht Jahre alt sind, werden da verwendet, ohne in den Zusammenhang gestellt zu werden. Es gibt im Grunde genommen keine Hintergrundinformationen zu diesem Konflikt. Es wird einfach nur so Kony als die Ausgeburt des Bösen dargestellt, in eine Reihe mit Hitler gestellt, also was, sage ich mal auf deutsch im Hintergrund, schon problematisch ist. Bis hin zu der Tatsache, dass der Film eigentlich verschweigt, dass der Krieg in Norduganda seit fünf, sechs Jahren vorbei ist, dass dort Frieden herrscht. Es gibt natürlich riesige Probleme im Wiederaufbau, aber Kony mit seiner "Lord's Resistance Army" ist seit mindestens fünf Jahren in den Nordostkongo und in die Zentralafrikanische Republik abgetaucht. Letztendlich muss man sagen, man hat seit vier, fünf Jahren kein bestätigtes Lebenszeichen von Kony. Ob er überhaupt lebt, weiß keiner.

Scholl: Ist es also ein bisschen eine unzulässige Fokussierung mit diesem Joseph Kony? Mit Sicherheit ist er ein Verbrecher, dem man das Handwerk legen muss, aber hat man dann überhaupt den Richtigen im Visier? Dem Film zufolge löst sich ja das ganze Problem, sowie man diesen Mann festgenommen hat.

Klitsch-Ott: Genau. Das ist auch so eine Nachricht, so eine Message aus dem Film: Wir fangen Joseph Kony und dann ist das Kindersoldatenproblem gelöst. Für Norduganda, um das es ja eigentlich geht, ist Joseph Kony kein Problem mehr. Es geht dort um Wiederaufbau, es geht natürlich um die Ex-Kindersoldaten, denen man helfen muss, aber auch die ganzen Menschen, die aus den Flüchtlingslagern schon längst wieder zurück sind. Denen muss man beim Wiederaufbau helfen. Das Problem Kindersoldaten findet heute ganz woanders statt, also aktueller wäre vielmehr die Hutu-Rebellenbewegung im Ostkongo, die Kindersoldaten rekrutiert, wo wir wirklich über hier und heute reden würden.

Scholl: Sie, Herr Klitsch-Ott, sind seit 1993 mit diesem Problem der Kindersoldaten befasst, Sie haben an verschiedenen Projekten mitgearbeitet. Eines davon war in dieser Region in Norduganda, wo Joseph Kony sein Unwesen getrieben hat, von 1998 bis 2005. Lief dieses Projekt der Caritas? Was war das? Was war das für eine Arbeit?

Klitsch-Ott: Wie hatten dort mit unseren lokalen Caritas-Partnern ein Zentrum aufgebaut, ein Transitzentrum für Ex-Kindersoldaten, die vor der Lord's Resistance Army fliehen konnten oder befreit wurden. Dort sind etwa 2000 Kinder im Laufe der Jahre durchgegangen. Sie wurden dort medizinisch, psychologisch betreut, und dann hat man versucht, sie in ihre Ursprungsfamilien zurück zu integrieren, die Familien dabei zu unterstützen, diese Kinder wieder aufzunehmen. Es gibt darüber auch einen sehr schönen, nein, einen guten Dokumentarfilm, der auf der Berlinale vor Jahren auch gelaufen ist, "Lost Children". Das Projekt kam zu einem Ende mit dem Abzug von Kony in 2005.

Scholl: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Christoph Klitsch-Ott von der Caritas. Er befasst sich mit dem Problem der Kindersoldaten. Und unser Anlass ist der Film "Kony 2012". 75 Millionen Menschen haben ihn sich schon im Internet angeschaut. Sie sagten vorhin, Herr Klitsch-Ott, das Problem hätte sich jetzt verlagert. Im Ostkongo läuft ein ähnliches Projekt wie damals in Norduganda. Sie betreuen das. Am kommenden Sonntag fahren Sie wieder hin, wie wir gehört haben. Was ist das für eine Arbeit, was machen Sie dort?

Klitsch-Ott: Dort haben wir auch ein Projekt für Ex-Kindersoldaten, nicht verbunden mit der Lord's Resistance Army, das existiert nicht mehr, sondern weiter im Süden. Es geht dort um Kinder, die in verschiedenen Milizen im Ostkongo, ja – Militärdienst leisten mussten, gezwungen wurden, dort hinzugehen. Wir betreiben dort mit der lokalen Caritas vier Transitzentren. Das Programm ist ähnlich wie damals in Norduganda. Es geht darum, die Kinder aufzunehmen, ihre Familien wiederzufinden, sie medizinisch und psychologisch zu betreuen, etwas Berufsausbildung, Schulbildung zu vermitteln und zu versuchen, diese Kinder wieder in ihre Familien und Dörfer zu reintegrieren.

Scholl: Die kleinen Kinder, die in jenem amerikanischen Film zu Wort kommen, die sprechen auch genau von diesen Wünschen, also wieder eine Familie zu haben, wieder in die Schule zu gehen. Wenn wir noch einmal auf den Film zurückkommen, Herr Klitsch-Ott, dort tritt zum Beispiel auch der tapfere Luis Moreno Ocampo auf, der Chefankläger beim Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag. Der sagt an einer Stelle: "20 Jahre hat Joseph Kony Verbrechen begangen. Niemand hat es gekümmert. Jetzt schon." Wird diese Aufmerksamkeit, die jetzt anscheinend millionenfach vorhanden ist, nicht doch auch ihr Gutes haben auch für Ihre Arbeit, Herr Klitsch-Ott? Es mag ein zweifelhafter Film sein, aber produziert vielleicht doch einen positiven Effekt. Was meinen Sie?

Klitsch-Ott: Ich hoffe das. Ich hoffe, dass es bei der Aufmerksamkeitsschwelle bleibt, dass sich daraus auch wirklich Aktionen ergeben. Bei aller Problematik des Filmes hoffe ich, dass von diesen 75 Millionen, die sich diesen Film angeguckt haben, natürlich auch Leute langfristig engagieren für Afrika, für das Problem der Kindersoldaten, für Gewaltkonflikte auf dieser Welt. Und wenn dieser Film dazu beigetragen hat, dann hat er trotz seiner Problematik sicherlich etwas bewirkt.

Scholl: Kritik wird ja laut an der Spendenpraxis. Könnte es sein, dass das Geld, das vielleicht jetzt millionenfach gespendet wird, auch von Ihren Spendengeldern abgezogen wird?

Klitsch-Ott: Ich hoffe natürlich nicht! Ich hoffe, dass das dazu führt, dass für diese Problematik, für die es sehr schwer ist, Spendengelder einzuwerben, die Aufmerksamkeit bleibt und Spenden auch generiert werden können. Und es ist ja ein Film, der von vielen jungen Leuten angeschaut wird, sehr viele Jugendliche, die ja generell eher keine Spender sind – wenn da ein Interesse bleibt, auch langfristig sich mit den Problemen der Welt zu beschäftigen und auch mal zu spenden, wenn sie dann mal Geld verdienen, ist da sicherlich auch was geholfen.

Scholl: Kriegsverbrecherjagd im Internet. Millionen Menschen schauen sich den Film "Kony 2012" an. Das war Christoph Klitsch-Ott, bei der Caritas für Afrika und die Kindersoldaten aktiv. Ich danke Ihnen für das Gespräch, und alles Gute für Ihre Reise in den Kongo!

Klitsch-Ott: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.