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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 25.08.2013

"Die armen Herrscher"

Von Lutz Nehk

Papst Franziskus besucht die Mittelmeerinsel Lampedusa (picture alliance / dpa / Ciro Fusco)
Papst Franziskus besucht die Mittelmeerinsel Lampedusa (picture alliance / dpa / Ciro Fusco)

Seitdem der Papst Franziskus heißt, haben die Katholiken die Armut in ihrem Auftragsbuch zu stehen. Aber der Begriff ist zwiespältig. Armut ist nicht allein ein hohes Ideal des christlichen Lebens. Sie ist auch ein Missstand, den man als Christ nicht hinnehmen kann. Das Leben in Armut und das Bekämpfen der Armut war das Lebensprogramm engagierter christlicher Herrscher, wie der hl. Elisabeth und des hl. Ludwig. Es beleibt eine aktuelle Herausforderung.

In der katholischen Kirche wird über die Armut gesprochen. Manch einer wird das für einen Witz halten, angesichts der prächtigen Kirchen, der vielen Kunstwerke und bischöflichen Residenzen, die die Kirche besitzt und sich auch heute noch neu zulegt. Die Kirche ist an oberster Stelle in dunkle Finanzgeschäfte verwickelt. Ein Gedanke an Armut kommt hier eher nicht auf. Es ist ein Name, der dem katholischen Nachdenken über die Armut die Impulse gibt: Franziskus. Wenn ein Papst sich diesen Namen gibt, das erste Mal in der ganzen Papstgeschichte, dann ist das ohne Zweifel ein Programm. Franziskus steht für all das, was im Gegensatz zu Reichtum, Macht, Prunk, Luxus und Privilegien steht. Und all das lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Armut. Das haben wir Katholiken nun von unserer Papst-Fixiertheit: Wir können das von Papst Franziskus auf die Tagesordnung gesetzte Thema Armut nicht einfach ignorieren.

Armut - das ist ein sehr vielschichtiger Begriff. Zwei Aspekte sind für mich wichtig. Armut ist ja zunächst einmal ein Missstand. Keiner will arm sein und keiner soll arm sein. Und doch weisen Untersuchen immer wieder aus, dass die Armut wächst. Von Jahr zu Jahr werden mehr Menschen arm. Das ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass auch der Reichtum immer mehr zunimmt. Auch wenn es sich verkürzt und undifferenziert anhört, die Formel stimmt: Die Armen werden immer ärmer und die Reichen werden immer reicher. Dieser "Missstand Armut" ist ein europäisches und ein globales Problem. Was im kleinen Bereich für Personen und Personengruppen gilt, das gilt im europäischen und weltweiten Bereich für Länder. Deutschland ist selbst in Europa eine Ikone des Wohlstands, der Stabilität und des wirtschaftlichen Erfolgs. Wer es nach Deutschland schafft, hat es geschafft.

Was auf der einen Seite ein Missstand ist, das wird auf der anderen Seite als ein Ideal gesehen: Armut als freiwillig gewählter Lebensentwurf. Hier ist nicht Besitz, sondern die Besitzlosigkeit das Ziel des Strebens. Es geht aber nicht nur um ein Entsagen des materiellen Reichtums, sondern auch um eine Haltung. Es geht um das Dienen statt Herrschen, den Verzicht auf Macht statt einer satten Ausstattung mit Connections, Vernetzungen und Freunden mit Einfluss.

Das Armutsideal gibt es in vielen Religionen. Im Christentum ist es biblisch gut begründet. Jesu beginnt die Bergpredigt, seine große Programmrede mit den Seligpreisungen, und hier steht die Armut an erster Stelle.

Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie.
Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. (Mt 5, 1-10)


Die "Armen vor Gott" sind sehr verschieden gedeutet worden. Es können die geistig Niedergeschlagenen sein, die es haben lernen müssen demütig zu sein. Es können aber auch die gepriesen werden, die freiwillig arm sind, die um des Himmels willen willentlich auf Güter und Reichtum verzichten. Gepriesen wird aber in erster Linie die Armut als eine geistige Haltung vor Gott. Alle Hilfe wird von Gott erwartet. Der Mensch ist ein Bettler vor Gott, der weiß, dass er das Heil des Himmels nicht herbeizwingen kann. (1)

Jesu predigt die "Armut vor Gott" und er wurde von den Menschen als einer wahrgenommen, der selbst bewusst arm lebte. Diesen "armen Jesus" stellt der Apostel Paulus der Gemeinde von Korinth als Ideal vor Augen:

Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen. (2Kor 8,9)

Die Armut ist für Jesus eine absolute Bedingung der Glaubwürdigkeit. Seine frohe Botschaft richtet sich in erster Linie an die Armen. Er sieht sich in der alttestamentlichen Tradition des Propheten Jesaja. In der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth ließt er aus dem Buch des Propheten vor und schließt mit dem Worten: Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt.

Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. (Lk 4, 18-19)

Diesem Selbstbewusstsein entspricht seine Haltung all denen gegenüber die Macht haben und Macht missbrauchen, die sich in ihrem Reichtum gefallen, die eine Freude daran haben, sich über andere zu erheben.

Schon vor seiner Geburt verkündet seine Mutter Maria, was die Welt von diesem Menschen erwarten kann, den sie zur Welt bringen wird. In ihrem Lobgesang über die Größe Gottes rühmt sie die machtvollen Taten dieses Gottes, als dessen Sohn ihr Kind geboren wird.

Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; 52 er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. 53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk 1,51)

Die selbst gewählte Armut Jesus ist für ihn nicht allein eine geistliche Übung der Mystik und Askese, der Gottgefälligkeit und der Erniedrigung. Sie ist ein machtvolles Zeichen der Solidarität mit den Armen: Arm mit den Armen und arm für die Armen. Das ist die Bedingung der Nachfolge, die sehr schwer fallen kann.

Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. (Mk 10, 17-21)

Verkauft eure Habe und gebt das Geld den Armen. Das ist eine klare Ansage Jesu und eine Bedingung der Nachfolge. In den Briefen des Neuen Testaments lässt sich eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema erkennen. Doch dann gibt es eine Wendung in der Geschichte der Kirche. Sie zieht in die Paläste ein. Ihre Gottesdienste werden ein Abbild des höfischen Zeremoniells. Geistliche und weltliche Macht verschmelzen. Da ist es wirklich schon ein Wunder, dass jemand wie Francesco Bernadone nicht kurzerhand vom Tisch der Kirchengeschichte gefegt wurde. Vielmehr scheint es ein Aufatmen zu geben, dass es jemand wagt, das Thema Armut anzusprechen. Nicht intellektuell in theologischen Expertenrunden. Nicht als eine in Betracht zu ziehende Möglichkeit der Erneuerung. Solche Gespräche gab es allemal und solche Ideen auch. Franziskus macht es leiblich. Er wirft seinem Vater die schönen Kleider vor die Füße und wird der Heilige der Armut. Das Jahr 1206 wird zu einem Wendepunkt der Kirche. Es erscheint wie ein Beleg der Sehnsucht der Kirche nach einer Alternative zu Macht, Prunk und Ausschweifung zu sein, dass sich mit Franz von Assisi das Armutsideal wie ein Lauffeuer verbreitet. Es erreicht die höchsten Kreise der europäischen Herrscherhäuser.

Elisabeth von Thüringen. Als sie 1207 in Ungarn geborgen wurde, hatte Franziskus gerade seine Entscheidung getroffen auf sein Erbe zu verzichten und ein Leben in vollkommener Armut zu führen. Es war ein franziskanischer Laienbruder, der sie mit den Idealen des Franz von Assisi bekannt machte. Die historischen Quellen berichten davon, dass sich Elisabeth sehr zu diesem Ideal hingezogen fühlte und ihren Lebensstil, ihre Kleidung und Frömmigkeit daran ausrichtete. Elisabeth war die erste Frau, die in Deutschland dem dritten Orden, dem Laienorden der Franziskaner beitrat. Viele Legenden umranken den Kern der Lebensgeschichte. Doch ist jede Legende auch eine Interpretation der historischen Fakten.

Während Elisabeth sehr streng gegen ihren eigenen Leib war, so dass sie manchmal nur trocken Brot aß, mitten in der Nacht zum Gebet aufstand, ein härenes Bußhemd auf dem bloßen Leibe trug, so war sie unendlich gütig gegen Arme und Kranke und wurde deshalb bald allgemein die Beschützerin der Armen genannt. Sie ging selbst in die ärmsten und unsaubersten Hütten, um das menschliche Elend aufzusuchen, ja, sie betrat dieselben gleichsam mit Andacht und brachte nicht nur Erquickung für den Leib, sondern auch für die Seele durch ihr liebevolles, gottseliges Zusprechen.

Ein Zeitgenosse der heiligen Elisabeth von Thüringen ist König Ludwig IX. von Frankreich. Sein Geburtsjahr 1214 liegt in einer Zeit, in der der Orden der "minderen Brüder" schon einen festen Platz in der Kirche hatte und ein Frauenorden, die Klarissen, gegründet wurde. Auch von Ludwig wird gesagt, er habe dem Laienorden der Franziskaner angehört. Auf jeden Fall war er ein großer Förderer der neuen Orden der Kirche, der Franziskaner und der Dominikaner.

Ludwig war ein König mit einer starken Hand. Seine Kreuzzüge werden aus heutiger Sicht natürlich sehr kritisch beurteilt. Sein caritatives Programm hingegen scheinen sein Leben nachhaltiger zu prägen. Immer wieder kommt sein Biograph Johann von Joinville auf dieses Thema zu sprechen: "Die Liebe des heiligen Ludwig zu den Armen".

Seit seiner Kindheit war der König barmherzig gegen die Armen und Leidenden; wohin immer er ging, es war bei ihm so eingeführt, dass hundertzwanzig Arme jeden Tag in seinem Haus verpflegt wurden mit Brot und Wein, Fleisch und Fisch. In der Fastenzeit und im Advent nahm die Zahl zu. Und mehrmals kam es vor, dass der König selbst sie bediente, ihnen das Fleisch vorschnitt und ihnen dann, wenn sie wieder gingen, mit eigener Hand Geld gab.

Ludwig, so berichtet der Biograph Joinville, machte bei der Speisung der Armen und Gebrechlichen keinen Unterschied zwischen dem, was er selber aß und dem, was er an die Leute austeilte. Ludwig IX. starb am 25. August 1270.

Jesu hat einmal gesagt: "Die Armen habt ihr immer bei euch …" (Mk 14,7), und er hat damit Recht behalten. Die Armen bleiben eine Herausforderung und sie werden zunehmend zu einem Gradmesser dafür, was denn in einem Staat unter "Allgemeinwohl" verstanden wird. Elisabeth und Ludwig, Herrscher vergangener Zeiten, haben sich persönlich für die Armen arm gemacht. Politiker heute werden gut dafür bezahlt, dass sie dem Wohl des Volkes dienen. Das aber besteht immer auch und zu einem immer größer werdenden Anteil aus den Armen. 1997 haben die beiden großen Kirchen ein "Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland" verfasst. Eine von 10 Thesen lautet: "Der Sozialstaat dient dem sozialen Ausgleich. Darum belastet er die Stärkeren zugunsten der Schwächeren." Das ist Arbeit für die Politikerinnen und Politiker. Und auch die Kirchen werden sich mehr denn je dem Thema Armut stellen müssen. Denn so sagen sie es selbst:

Die christliche Nächstenliebe wendet sich vorrangig den Armen, Schwachen und Benachteiligten zu. So wird die Option für die Armen zum verpflichtenden Kriterium des Handelns.


Musik und Literatur dieser Sendung
• CD: Seven Suites of Swedish folk tunes, Komponist und Interpret: Jakob Lindberg, BIS CD – 1199 Stereo, Recording data 2000-05-24/27
• Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium, 1.Teil, Herder, Freiburg 1986
• Alban Stolz, Legende oder Der christliche Sternenhimmel, Limburg a.d.L. 1915, Verlang von Gebr. Steffen
• Erich Koch (Hg.), Das Leben des heiligen Ludwig. Die Vita des Loinville, Übersetzung von Eugen Mayer, Düsseldorf 1969, Patmos
• Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit, Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, 1997

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

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