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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.06.2007

"Die arme Leitkultur"

Von Gesine Palmer

Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee (rechts) und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim. (AP)
Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee (rechts) und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim. (AP)

Manche Debatten scheinen Eintagsfliegen zu sein - und halten sich dann doch erstaunlich lange. Zuerst erscheint das Wort, um das sie geführt werden, einfach zu anstößig - und dann ist es gerade deswegen so einprägsam, dass es sich langfristig mit dem virulenten Problem verbindet.

Man weiß nicht so genau, ob die Leitkultur und das Problem der Integration von Einwanderern so gut zusammen halten, weil sie so gut zusammen passen, oder ob sie so aneinander hängen, weil sie einfach nicht herausfinden, warum sie einander nicht verstehen. Unterdessen gewöhnt sich das Publikum daran, sie gemeinsam zu sehen, und immer, wenn man gerade vom einen spricht, kommt man relativ schnell auch auf das andere.

Das germanisierte Drohwort Leitkultur ist eine Pocahontas: Der syrischstämmige Immigrant und Göttinger Professor Bassam Tibi hat sie mitgebracht. Vielleicht lohnt es sich, die so stolze wie elende Häuptlingstochter zu fragen, was sie selbst zu sagen hätte. Was Tibi in die Debatten geworfen hat, ist ein Wort, das den Wunsch anzeigte, sich anlehnen zu dürfen. Die von familiären Fehden und religiös begründeter Gängelung verfolgten Nahost-Flüchtlinge wünschen sich in Europa eine Zone der Ruhe.

Freilich wollen sie bei uns nicht wieder bevormundet werden, sondern in Anlehnung an die sogenannten Werte der Aufklärung sowohl vor hiesigen als auch vor mitgebrachten Repressionen in Sicherheit leben. Ob das funktionieren kann, hängt im Wesentlichen davon ab, wie man die Frage beantwortet, die der Leitkulturdebatte zugrunde liegt: Braucht man mehr als Recht, um die Rechte der Einzelnen gegeneinander und gegen rechtswidrige Bräuche zu schützen?

Tibis Idee von der Leitkultur geht davon aus, dass man mehr brauche. Aber von Werten spricht er dann genauso naiv wie die deutschen Hofschranzen, die sich der von Tibi zunächst Gesamteuropa vorgestellten seltsamen Häuptlingstochter gleich bemächtigt und sie als deutsche Hofdame bekleidet haben. Die Werte sollen angeblich allen zur Verfügung stehen, wie Tibi und die anderen Kämpfer für eine deutsche Leitkultur gemeinsam irrtümlicherweise meinen. Ein beherztes Bekenntnis reiche aus, und schon befinde man sich im Besitz der Leitkultur.

Das Deutsche liebt die Doppelwörter. Und es liebt wie jede Sprache die Personifizierung von abstrakten Begriffen. Darum konnte es sich diese kleine naive Wortbildung so herzlich aneignen. Leitung, das klingt schon mal nicht nach Führung, und es hat doch alles, was man für die Durchsetzung von gesellschaftlichen Führungsansprüchen braucht. Und Kultur, das klingt bunt und schön und nach etwas, das die Herzen anspricht, ohne die doch keine Gesellschaft zusammenhält. Das Wort Leitkultur verführt zu einer kleinen Illusion von Zwanglosigkeit, ohne dass man auf die Sicherheit einer waltenden Hand verzichten müsste.

Dabei macht Bassam Tibi – freilich nur indirekt – auf eine Schwierigkeit aufmerksam, die dem munteren Gerede von der Leitkultur meist unbemerkt anhaftet: Der zweite Teil des Doppelwortes ist überhaupt nicht disponibel. Zu einer Kurdin kann ich mich nicht machen. Und wenn ich eine wäre, könnte ich mich auch durch 1000 Bemühungen und Konversionen nicht zu einer Nichtkurdin machen.

Wenn Kultur wirklich das ist, was uns auf vielfache und nicht von uns allein bestimmbare Weise als einzelne Menschen mit den bewusst gesetzten Zielen und Gepflogenheiten von Politik, Moral und Wissen(schaft) verbindet – dann müssen wir sie wohl einfach so lassen. Wir werden sie nicht einfangen können, solange wir an ihrer Entwicklung wirklich interessiert sind. Wollen wir sie unterjochen, verkriecht sie sich in Nischen und Winkel, aus denen sie uns dann und wann fremd ansieht. Wollen wir sie groß machen und ihr eine Leitungsfunktion antragen, wird sie vielleicht einwilligen. Aber alles, was einstmals frei an ihr erschien, wird dann plötzlich zum Insignium ihrer Untertänigkeit. Je mehr sie leiten soll, desto mehr wird sie zur Magd der politischen Führung, und wenn sie gar als Landsknechtin dazu dienen soll, den Fremden im In- und Ausland zu zeigen, wer das Sagen hat, dann bricht der Charme der Pocahontas jäh zusammen.

Wir haben zwei Probleme, und die bleiben zwei: Das eine ist das Problem, das manche Immigranten mit den rechtsstaatlichen Prinzipien haben. Nach unserer Auffassung sind diese den Familienloyalitäten klar übergeordnet. Einen vernünftigen Grund, hinter diese Prinzipien zurückzugehen, habe ich noch nirgends gehört. Das andere ist das Problem der kulturellen Unterschiede. Diese betreffen den literarischen und musikalischen Kanon und die vielen Haupt- und Nebenwege familiärer und nachbarschaftlicher Kommunikation. Ich behaupte, dass sich ein Geschmack an der Freiheit in allen kulturellen Kontexten bei Einzelnen entwickelt, bei Anderen nicht. Wo immer man diese Entwicklung stört, weil man einen anderen Geschmack aufdrängen will, zerstört man nicht nur die Kulturleistung des Fremden, sondern am Ende auch die eigene.


Gesine Palmer, Religionsphilosophin und Autorin, Berlin.
Studium der Pädagogik, Ev. Theologie, Judaistik, Philosophie und Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Berlin und Jerusalem. Dr. phil. Seither Lehrtätigkeit an der FU, Projektmitarbeit an der FEST in Heidelberg, Lehraufträge an den Universitäten Potsdam und Heidelberg, an der Universität Luzern und an der Universität Bayreuth, Fortbildungs- und Vortragstätigkeit.

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