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Reportage

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In einem Krankenhaus laufen Mitarbeiter über den Flur. 

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Reportage / Archiv | Beitrag vom 12.02.2013

Die Angst vor Zahlen

Wenn der Matheunterricht zum Horror wird

Von Andreas Audretsch

Siebenjähriger Schüler scheitert an einfacher Rechenaufgabe.
Siebenjähriger Schüler scheitert an einfacher Rechenaufgabe. (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)

In diesen Tagen gibt es in den Schulen die Halbjahreszeugnisse. Wenig Chancen auf eine gute Note in Mathe haben Kinder, die an Dyskalkulie leiden. Etwa vier bis acht Prozent der Schüler in Deutschland sind von Rechenschwäche betroffen - helfen können gezielte Therapien.

Henriette, elf Jahre alt, sitzt an einem kleinen runden Tisch und stapelt hölzerne Blöcke - die großen stehen für die Zahl 1000, die kleineren für die Zahlen 100, zehn und eins. Gegenüber der Schülerin sitzt Jana Köppen. Seit 15 Jahren ist sie Therapeutin für Lesen, Schreiben und Rechnen beim Dudeninstitut für Lerntherapie in Berlin-Treptow.

Das Institut hat deutschlandweit über 50 Standorte, hier in Berlin ist der Hauptsitz. Jana Köppen streicht die blonden Haare zur Seite und schiebt Henriette zwei der großen und einige kleinere Holzblöcke hin.

Köppen: "Du hast schon geguckt, sag mal welche Zahl haben wir da jetzt?"
Haupert: "Also, es sind ja zwei Tausenderwürfel und vier Hunderterplatten und fünf Zehnerstangen und sechs Einerwürfel, deshalb würde ich sagen 2456 wäre die Zahl."
Köppen: "Genau"

Henriette leidet unter Dyskalkulie, einer Rechenschwäche. Der Matheunterricht war für sie der reine Horror, bis sie vor zwei Jahren mit einer Therapie begann. Mittlerweile traut sie sich zu rechnen.

Henriette Haupert: "Also ich hatte vor Aufgaben und Arbeiten enorme Angst, also an so eine Aufgabe konnte ich nicht ran gehen, da wusste ich einfach nicht was ich machen sollte, bin total verzweifelt gewesen und jetzt geh ich da ganz locker an solche Zahlen ran, sag jetzt mach ich das mal und früher war das eben nicht der Fall, da hatte ich enorme Angst auch vor Arbeiten und Tests, ja."

Die Ursachen für Dyskalkulie und Legasthenie sind ähnlich gelagert: Es liegt häufig eine genetische Veranlagung vor, hinzu kommen Wahrnehmungsschwierigkeiten beim Sehen oder Hören und soziale Probleme. Beides sind ernste Lernschwächen, sagt Jana Köppen, das Wort Krankheit will sie nicht verwenden. Die Übergänge von Schwächen zu Störungen sind fließend, sagt sie und die Begriffe häufig unpräzise. Sie stigmatisieren die Kinder.

Jana Köppen gibt der Schülerin einen roten Beutel, in den Sie eine hölzerne Pyramide, einen Würfel, einen Quader und andere geometrische Figuren getan hat. Henriette greift in den Beutel, wühlt herum. Sie soll fühlen welche Formen die Figuren haben.

Kinder mit Dyskalkulie haben häufig Schwierigkeiten ähnliche Formen oder Zahlen wie sechs und neun auseinander zu halten. Ein weiteres Problem ist die Differenzierung von eins, zehn und 100 - es fehlt die Vorstellung für die Größenverhältnisse. Hier setzt Jana Köppen an: Die Kinder müssen durch plastische Übungen die Unterschiede und Regeln nach und nach erarbeiten, erläutert sie. Es gibt unzählige verschiedene Therapieansätze, im Grundsatz haben Dyskalkulie und Legasthenie aber Gemeinsamkeiten:

"Das ist für alle Kinder schwer vom hören her zum Beispiel B und P zu unterscheiden. Und dem einen gelingt das eben etwas schneller das zu differenzieren und für die Kinder mit Lernschwierigkeiten fällt eben auf, dass sie diese Hürde nicht meistern, dass sie das nicht überwinden und das dieses Verwechseln von B und P dann eben lange bestehen bleibt."

Henriette hat die Stunde mit ihrer Therapeutin beendet, im Nachbarzimmer warten wie jedes Mal die Eltern. Auf dem Konferenztisch stehen Kaffee und Kekse.

Jana Köppen holt ihre Mappe heraus, erläutert den Fortschritt und geht die Hausaufgaben durch. Diana Haupert und Rolf Götze schauen zufrieden zu ihrer Tochter hinüber. Es hat sich schon vieles verbessert, doch alle erinnern sich lebendig an die schrecklichen Auseinandersetzungen bei den Mathe-Hausaufgaben.

Haupert: "Ja, das endete regelmäßig im Streit also wir haben uns richtig gefetzt."
Götze:"Fetzen ist ja noch freundlich. Also es war dann tatsächlich so, dass es auch Tränen gab und das war einfach keine Basis um weiter zu kommen."

Nicht alle können sich in einer solchen Situation Hilfe leisten. Die Therapie beim Duden-Institut kostet etwa 2000 bis 2500 Euro im Jahr. Das Jugendamt finanziert die Stunden nur dann, wenn eine, so wörtlich "seelische Behinderung eingetreten ist oder droht". Bei den Duden-Instituten ist dies bei etwa 35 Prozent der Kinder der Fall.

Henriette hat ihre Angst überwunden. Doch trotz der Fortschritte, sagt ihre Mutter, eine latente Furcht vor neuen Anforderungen im Matheunterreicht bleibt.

Diana Haupert: "Klar ist immer wenn wieder ein neues Thema anfängt, zum Beispiel Bruchrechnung war jetzt so ein Thema, da ist immer erst mal wieder Ohh. Und da muss man Sie auch daran erinnern was sie kann und daran erinnern, was sie hier gelernt hat."

Katharina Eckert kennt Henriettes Versagensängste aus eigenem Erleben. Heute, mit 18 Jahren, studiert sie Architektur. In der Bibliothek der Technischen Universität Berlin sucht sie ein Buch zum Thema Statik. Ausgerechnet. Dabei quälte sich Katharina Eckart als Kind genauso wie Henriette - auch sie litt unter einer Rechenschwäche.

Damals rechnet niemand damit, dass sie nach zwölf Jahren Abitur macht mit der Abschlussnote 1,5. Undenkbar.

Sie grinst - heute hat sie Spaß an Mathe sagt sie. Trotzdem hat sie nicht vergessen wie es ist, vor den Zahlen zu sitzen und völlig die Orientierung zu verlieren:

"Also man versteht nichts und man kommt einfach nicht mit und auch zu Hause wenn man ganz viel übt, irgendwann kommt dann einfach so ne Blockade, man versteht nicht warum man es nicht versteht, weil alle anderen verstehen es ja auch, nur man selbst versteht es nicht. Ja man ist schon ziemlich deprimiert, dass man einfach nicht weiter kommt und einfach stehen bleibt und einfach hilflos ist, obwohl man so viel macht."

Eine frühe Therapie hat Katharina Eckert geholfen, die Blockade zu überwinden. Heute hat sie keine Angst mehr vor Zahlendrehern und komplizierten Formeln. Sie wirft einen Blick auf das Buch zur Statik und steckt es in den Rucksack. Die geometrischen Formen, die vielen Berechnungen und Zahlen gleich auf der ersten Seite, die schrecken sie nicht mehr. Im Gegenteil.