Seit 11:07 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:07 Uhr Tonart
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.08.2005

Die Andere Bibliothek bleibt ohne Klon

Enzensbergers "Frankfurter Allgemeine Bücherei" gestoppt

Von Jörg Plath

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (AP Archiv)
Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (AP Archiv)

Die von Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno geplante "Frankfurter Allgemeine Bücherei" wird nach einem Beschluss des Frankfurter Oberlandesgerichts (OLG) nicht erscheinen. Das OLG gab damit einem Antrag des Eichborn-Verlags statt, beim dem die von Enzensberger verantwortete "Andere Bibliothek" erscheint. Enzensberger hatte 2004 seinen bis 2007 laufenden Vertrag bei Eichborn außerordentlich gekündigt.

Der letzte Monat wird nicht angenehm gewesen sein für Hans Magnus Enzensberger. Bereits am 18. Juli hat das Oberlandesgericht Frankfurt ihm und dem Buchgestalter Franz Greno untersagt, für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die "Frankfurter Allgemeine Bücherei" herauszugeben. Die Zeitung wollte mit der Buchreihe recht spät aufspringen auf den Zug der von vielen Konkurrenten mit großem Erfolg herausgegebenen Buch-, CD- und DVD-Serien.

Wegen dieses Projektes hatten Enzensberger und Greno im Dezember letzten Jahres einseitig und recht ruppig per Email die von ihnen verantwortete "Andere Bibliothek" für beendet erklärt – die wohl bekannteste Buchreihe der Republik, in der seit 1985 Aufsehen erregende Bücher, zuletzt oft prächtige Klassikerausgaben von Alexander von Humboldt und Montaigne, erschienen sind.

Während der Literaturbetrieb den Kopf über soviel Selbstherrlichkeit des 75-jährigen Dichters und Essayisten schüttelte, mochte sich der Eichborn Verlag mit dem plötzlichen Ende seines Prestigeprojektes nicht abfinden. Er pochte, auch im Interesse der Autoren, auf die Erfüllung des bis Ende 2007 laufenden Herausgeber- und Buchgestaltervertrags. Das Oberlandesgericht Frankfurt gab ihm in zweiter Instanz Recht. Es akzeptierte die Gründe für die außerordentliche Kündigung von Enzensberger und Greno nicht. Der Vertrag mit Eichborn gilt also weiter, und deshalb dürfen beide keine Konkurrenzbibliothek starten.

Doch die "Frankfurter Allgemeine Bücherei", die sie für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" planten, sieht der "Anderen Bibliothek" so ähnlich wie ein Klon: Auch sie versprach monatlich einen Band des Besten vom Guten – Wiederentdeckungen und Neuheiten aus allen Genres, vertrieben in einer teuren und einer preiswerten Variante.

Ein Monat ist seit dem Beschluss des OLG vergangen. Hinter den Kulissen haben die Kontrahenten offenbar noch um eine Lösung gerungen. Erst heute gab Enzensberger mit einer nüchternen Presseerklärung die Unterlassungsverfügung und das Ende der "Frankfurter Allgemeinen Bücherei" bekannt. Offenbar ist zuviel Porzellan zerschlagen worden. Daher ist kaum zu erwarten, dass die "Andere Bibliothek" nun zumindest bis Ende 2007 fortgeführt wird. Vermutlich werden nur die bereits unterschriebenen Verträge abgewickelt.

Zurück bleibt ein Imageschaden für Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno. Beide stehen als Blamierte und Rambos da, die sich um Verträge einen feuchten Kehricht scheren und um des schnöden Mammons willen den Brötchengeber wechseln. Ein Publikumsrenner aber dürfte der Ankündigungsprospekt der vorzeitig gestorbenen Buchserie werden. Das fotorealistische Ölbild auf dem Titel zeigt Enzensberger, den "Hüter", in Cäsarenpose.

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

62. Verleihung der Goethe-MedaillenMigration als Motor
Der nigerianische Fotograf Akinbode Akinbiyi  (Emeka Okereke)

"Migration der Kulturen - Kulturen der Migration" - dies war das Motto der 62. Verleihung der Goethe-Medaillen. Ausgezeichnet wurden der Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der Fotograf Akinbode Akinbiyi und der Direktor des georgischen Nationalmuseums David Lordkipanidze.Mehr

Dokumentarfilm über Immobilienboom"Ein System der Gier"
Zahlreiche Baukrähne sind in Berlin zu sehen - vor allem bezahlbare neue Wohnungen werden gebraucht. (dpa / Jörg Carstensen)

"Muss ein Hartz-IV-Empfänger am Potsdamer Platz wohnen?", fragt einer der Protagonisten im Dokumentarfilm "Die Stadt als Beute". Filmemacher Andreas Wilcke hat vier Jahre lang den Immobilienboom in Berlin beobachtet - und zeigt eindringlich, wie Wohnraum zur Ware verkommt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur