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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.12.2012

Die Anatomie einer Krise

Richard Hughes: "In Bedrängnis", 256 Seiten, Dörlemann Verlag. Zürich 2012

Dunkle Wolke (Jan-Martin Altgeld)
Dunkle Wolke (Jan-Martin Altgeld)

Ein vor langer Zeit schon auf den Grund des Vergessens herabgesunkener und nun aus den Fluten des Meeres der Weltliteratur emporgestiegener Roman: Die Neuübersetzung von "In Hazard" des britischen Autors Richard Hughes. Ein Klassiker der Weltliteratur.

Nicht selten geschieht es, dass einem die Weltliteratur so groß und gewaltig wie ein riesiger Ozean vorkommt. Aus den Fluten dieses Meeres steigen mitunter vor langer Zeit schon auf den Grund des Vergessens herabgesunkene Bücher wieder auf. Findige Verlage bergen sie. So ein Fund ist jetzt zu vermelden: Ein Buch aus dem Jahre 1938 ist ins Deutsche neuübersetzt und wiederveröffentlicht worden. Geschrieben hat es einer, der zum Zeitpunkt der Original-Veröffentlichung in der britischen Admiralität arbeitete, sich also mit Seefahrt auskannte. Richard Hughes heißt der Mann, sein Roman "In Hazard" - "In Bedrängnis", der auf einer wahren Begebenheit gründet - auf der Geschichte eines Schiffes, das in schwere See geriet, in einen Hurrikan, der sich gewaschen hatte.

Diesen Roman lobte kein Geringerer als Graham Greene mit den Worten: "Über dasselbe Thema zu schreiben wie Joseph Conrad in 'Taifun' wäre vermessen, wenn der Roman nicht so brillant wäre."

In der Tat fühlt sich an diesen Klassiker der Seeliteratur erinnert, wer Richard Hughes' Roman "In Bedrängnis" liest, und doch liest man darin: "Die Tage von Conrads 'Taifun' sind vorbei; jene Tage, wo Hurrikane den Schiffsverkehr so unerwartet überfielen wie die Katze die Maus. Zum einen wissen die Mäuse heute mehr über die Anatomie der Katze und ihre Bewegungsmuster - und außerdem hat man der Katze ein Glöckchen umgehängt." Dennoch gerät die Archimedes, ein 9000-Tonnen-Frachtschiff im November 1929 in der Karibik in einen wie wahnsinnig wütenden Sturm, der diesen Turbinendampfer und seine 80 Mann starke Besatzung fünf Tage und Nächte in seiner Gewalt hält - oder, wie Hughes schreibt, in seinen "Krallen".

Im "kochenden Höllengebrodel" der vom Hurrikan "schaumgefiederten See" droht dem Schiff der Untergang. Die Kunst Richard Hughes' besteht zum einen darin, sehr plastisch auszumalen, was es heißt, der wie ein wildes Tier tobenden und tosenden Naturgewalt ausgeliefert zu sein, wobei es keinen Unterschied mehr macht, ob stockdunkle Nacht herrscht oder hellichter Tag:

"Gischt, zerstäubte See verhüllte alles. Es herrschte nun weiße Nacht statt einer schwarzen, das war der einzige Unterschied."

Zum anderen, und das erhebt dieses Buch in den Rang des Besonderen, haben wir es hier mit einer Parabel zu tun. Nicht zufällig spielt diese Geschichte im Jahr der Weltwirtschaftskrise. Nicht ohne Grund wird eingangs vom Schornstein des Schiffes behauptet, er stünde "so sicher wie die Bank von England" - der Hurrikan wird eben diesen Schornstein mit einem kräftigen Hieb einfach vom Schiffsdeck fegen.

Und mit Bedacht reflektiert Hughes' Erzähler angesichts der ganzen "Krisensituation" an Bord darüber, wie überlebenswichtig "moralische Maßstäbe" und seemännische "Tugendhaftigkeit" sind im Gegensatz zum kalten Kalkül des nur auf Gelderwerb zielenden "Homo oeconomicus" (den die profitgierigen Reeder verkörpern). Man hat hier mit dieser nicht länger navigationsfähigen, weil vom Sturm in tiefen Wellentälern hin- und hergewirbelten Nussschale in nuce ein Sinnbild für das Verhalten von Gesellschaften in der Krise vor sich. "Seine Bahn verlief unberechenbar", heißt es über den vollkommen unerwartet über das Schiff hereinbrechenden Hurrikan.

Nur einer bewahrt angsichts des ausbrechenden Chaos' inmitten der Deckoffiziere, Ingenieure und im Maschinenraum hockenden chinesischen Kesselheizer kühlen Kopf: Captain Edwardes. Hughes beleuchtet meisterhaft die ins Stocken geratende Mechanik der Zusammenarbeit auf dem Schiff, die nackte Angst und um sich greifende Verzweiflung - ein Daseinskampf, den er weniger dramatisch als vielmehr äußerst nüchtern seziert. Wir sollten das Schiff "so sehen .. wie ein Medizinstudent es tut", ermahnt uns der Erzähler - und so lesen wir die brillante Anatomie einer uns auch heute nicht unvertrauten Krise.

Besprochen von Knut Cordsen

Richard Hughes: In Bedrängnis
Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Walter. 256 Seiten. Dörlemann Verlag. Zürich 2012. 19.90 Euro

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