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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.02.2013

Die amerikanische Identität

Bernd Stöver: "United States of America"

Rezensiert von Erik von Grawert-May

Was steht für die amerikanische Identität? (dapd / Paul Sancya)
Was steht für die amerikanische Identität? (dapd / Paul Sancya)

Bernd Stöver schildert in seinem Buch die Geschichte der USA von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart. Bei der Darstellung der amerikanischen Kultur kann der Historiker auftrumpfen. Faszinierend, wie er sie bis in die Verästelungen der Popkultur hinein abbildet.

Wer sich an eine komplette Geschichte der Vereinigten Staaten traut, auch noch unter Einbeziehung der Kultur, und zwar von Anfang an bis heute, dem gebührt große Anerkennung. Der Wälzer strotzt vor Fakten.

Und man denkt, der Autor müsse Amerikaner sein. So genau wird über jede historische Phase berichtet. Aber es ist ein deutscher Zeithistoriker, ein Zeithistoriker allerdings, der sich bis ins 16. Jahrhundert vorwagt. Da beginnen die ersten europäischen Kolonisten in Amerika Fuß zu fassen.

Ein erstaunliches Panorama wird vor unseren Augen ausgebreitet. Ich wüsste nicht, was Bernd Stöver ausgelassen hat. Da man über alles unterrichtet wird, kommt das Gefühl auf, ein ausladendes Lexikon vor sich zu haben, das sich indes gut liest. Man legt es ungern aus der Hand. Kein trockener Stoff!

Sehr ambitioniert will er die Geschichte des Staatengebildes mit der der Mentalität verbinden, um die Identität der Amerikaner zu ergründen. Wie schreibt man so was, fragt er sich …

"… als im Rückblick globale Erfolgsgeschichte der ersten 'Nation der Europäer in Übersee'? Als Geschichte der mit Kolumbus beginnenden Unterdrückung (…) und Ausrottung derjenigen, die bereits zehntausende Jahre zuvor den Doppelkontinent bevölkert hatten?

Oder doch eher als eine von Furcht bestimmte Geschichte der vor allem von Außenseitern und Dissidenten begonnenen Vision einer 'Neuen Welt', die sich mit der Westwanderung (…) sukzessive erweiterte und dabei heilsgeschichtliche Erwartungen mit politischem Realismus mischte?"

Seine Antwort ist klug. Sie bietet von allem etwas. Was die Unterdrückung seit Kolumbus betrifft, spart er nicht mit starken Worten. Sein Vorwurf geht bis hin zu dem des Genozids der Kolonisten an den Indianern. Mit dem Humor Marc Twains ließe sich sagen, man hätte Amerika besser gar nicht erst entdeckt.

Aber Stöver hat kein humoriges Buch geschrieben. Dafür ist er zu sehr an der anderen Frage interessiert, die sich mit der Furcht der Amerikaner befasst, mit den Außenseitern und Dissidenten. Diese Linie verfolgt er mit großer Überzeugungskraft bis in die Gegenwart.
So habe George W. Bush mit seinem Irakkrieg eine Mentalität offenbart, die tief im amerikanischen Selbstverständnis verankert sei.

"Cover: Bernd Stöver: United States of America" (C. H. Beck Verlag)"Cover: Bernd Stöver: United States of America" (C. H. Beck Verlag)Schließlich war es einst den Dissidenten seit ihrer Flucht aus Europa um einen Kampf gegen den monarchischen Despotismus gegangen, der sie an ihrer freien Religionsausübung hinderte. Im Kampf gegen den Despoten Saddam Hussein habe sich George W. Bush von ganz ähnlichen Motiven leiten lassen. Selbst Barack Obama trägt der Autor in diese Tradition ein. Wie auch nicht: Auf persönliche Anweisung des gerade wiedergewählten Präsidenten sind weit mehr Terroristen getötet worden als unter seinem Vorgänger.

Fast denkt man, es handele sich im Grunde immer noch um in sich verkapselte Isolationisten, die durch die beiden Weltkriege wider Willen in die Welt hineingezogen worden sind. Und die nun diese Welt beherrschen, weil sie nicht anders können. So weit würde der Autor freilich nicht gehen. Es ist das überschießende Temperament des Lesers, das er beflügelt.

Bei der Darstellung der alles beherrschenden amerikanischen Kultur, der Superculture, wie er sie nennt, zieht der Zeitgeschichtler seine Trumpfkarte. Faszinierend, wie er sie bis in die Verästelungen der Popkultur hinein abbildet. Und doch beschleicht einen das dunkle Gefühl, als habe die Leichtfüßigkeit, mit der das geschieht, dem Autor einen Streich gespielt. Macht er sich die Sache vielleicht zu einfach? Hören Sie ihn mit seinen eigenen Worten:

"Das Rätsel, warum die amerikanische Kultur ihren Siegeszug um die Welt antrat, lässt sich (…) leicht lösen: Seit dem weltweiten US-Engagement war sie schlicht da, sie war überall leicht erhältlich und zugänglich und versprach manchmal sogar revolutionär zu sein.

Weltweit etablierten sich so selbst in den entlegensten Winkeln der Welt US-Produkte und mit ihnen nicht zuletzt die Grundideen des amerikanischen Lebensstils, die andere Traditionen nahezu lautlos in den Hintergrund treten ließen."

Löst diese Antwort das Rätsel wirklich? Beantwortet er nicht ein Rätsel mit einem anderen? Wie konnte die Amerikanisierung andere Traditionen nahezu lautlos verdrängen? Assoziiert man nicht mit amerikanischem Lebensstil eher das Umgekehrte, das Laute? Wenn er sich aber eher leise durchgesetzt hat, dann deutet das auf verborgene Fähigkeiten des Einsickerns in fremde Kulturen.

Und da es in globalem Maßstab geschieht, dürfte es um eine Fähigkeit gehen, sich fast unbemerkt der ganzen Welt aufzudrängen. Am Beispiel eines weltbekannten It-Girls lässt der Autor uns genauer in seine Karten schauen:

"Zur Ikone der US-Pop-Kultur des beginnenden 21. Jahrhunderts wurde bezeichnenderweise Paris Hilton, die hauptberuflich als Tochter eines Hotelimperiums auftrat. Ihre hervorstechendsten Merkmale bestanden nach Meinung vieler Beobachter darin, keinerlei Eigenschaften, aber eine globale Medienpräsenz zu besitzen, die bezeichnenderweise nicht zuletzt durch scheinbar zufällig in die Öffentlichkeit gelangte pornographische Bilder und Filme erreicht worden war."

Bernd Stöver folgt in diesem Punkt Neil Postmans These, die amerikanische Gesellschaft sei so oberflächlich und infantil, dass sie sich zu Tode amüsiere. Wenn auch manches dafür spricht, so muss man sich doch fragen, warum es einer Amerikanerin mit so gut wie Nichts gelingt, die ganze Welt auf sich aufmerksam zu machen - pornoverliebte Hotelerbin hin oder her.

Mir scheint, an Stellen wie diesen sinkt der Autor unter sein Niveau. Seiner Gesamtdarstellung kann das jedoch nicht das Geringste anhaben. Und es schmerzt den Rezensenten, aus Platzgründen zum Schluss kommen zu müssen und nur noch am Rande erwähnen zu können, was er einerseits weise, andererseits spannend fand.

Weise ist es, die Frage, wer in Zukunft die Nummer eins sein wird: die USA oder China, statistisch mit dem Bruttosozialprodukt Amerikas zu beantworten. Da liegt es nach wie vor weit vorn. Historiker sind keine Propheten.

Spannend dagegen ist es zu verfolgen, worin Bernd Stöver, um nur ein Beispiel von vielen zu geben, die historische Größe Michail Gorbatschows vermutet. Das allerdings wollen wir dem Leser vorenthalten, damit er sich diesen großen Wurf von einem Geschichtswerk selbst zu Gemüte führt.


Bernd Stöver: United States of America: Geschichte und Kultur
Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart

C. H. Beck Verlag München

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