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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.03.2011

"Die am schnellsten abhängig machende Substanz"

Drogenexperte warnt vor der extremen Gefährlichkeit von "Crystal Meth"

Roland Härtel-Petri im Gespräch mit Frank Meyer

"Crystal Meth" wird wie Kokain geschnupft - ist aber noch gefährlicher (picture alliance / dpa)
"Crystal Meth" wird wie Kokain geschnupft - ist aber noch gefährlicher (picture alliance / dpa)

"Crystal Meth", ein Amphetamin mit besonders starker Wirkung und einem besonderes hohen Suchtpotenzial, ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Wer sich auf die Mode-Droge einlässt, muss mit schwerwiegenden Folgen rechnen.

Das hohe Gefahren-Potenzial von "Crystal Meth" spielt auch in dem Film "Winter's Bone" eine Rolle, der jetzt in die deutschen Kinos kommt.

Frank Meyer: Einer, der sich in Deutschland besonders gut mit der Wirkung dieser Droge auskennt, das ist der Mediziner Dr. Roland Härtel-Petri. Er leitet die Suchtfachklinik im oberfränkischen Hochstadt, und jetzt ist er für Deutschlandradio Kultur im Studio. Seien Sie uns willkommen!

Roland Härtel-Petri: Guten Nachmittag!

Meyer: Herr Härtel-Petri, auch durch diesen Film "Winter’s Bone" wird klar, Crystal Meth ist ein Riesenproblem in den USA. Und offenbar ist diese Droge auch bei uns auf dem Vormarsch. Wir haben uns die neuesten Zahlen aus dem Drogenbericht des Bundeskriminalamts angeschaut, und danach hat die Zahl der Erstkonsumenten dieser Droge um 76 Prozent zugenommen im vergangenen Jahr. Denken Sie denn, wir könnten hier bei uns ein ähnliches Crystal-Meth-Problem kriegen, wie das in den USA schon da ist?

Härtel-Petri: Die Droge Crystal Meth ist eigentlich schon seit mehr als 15 Jahren wieder in Deutschland in der Szene vorhanden, und es ist eher ein langsamer Zuwachs zu verzeichnen Gott sei Dank und nicht so eine schlagartige Welle, wie es die USA in den frühen 90er-Jahren erlebt hat.

Meyer: Aber diese Zahl vom letzten Jahr, 76 Prozent mehr Erstkonsumenten, das ist ja etwas anderes als ein langsamer Zuwachs, oder?

Härtel-Petri: Es ist so, dass alle Amphetamine, also auch das normale Speed, schon seit mindestens zehn Jahren mehr als die Hälfte aller sogenannten erstauffälligen Konsumenten ausmacht. Es ist eher ein Schwenk vom normalen Amphetamin hin zum Methamphetamin, welches leider noch toxischer ist und noch gefährlicher ist.

Meyer: Was ist das überhaupt für eine Droge, dieses Crystal Meth, wie wirkt es?

Härtel-Petri: Also Methamphetamin und die allermeisten Amphetamine wirken zentral im sogenannten dopaminergen und serotonergen System, das heißt, es macht eine starke Euphorie, Stimmungssteigerung, auch eine sexuelle Anregung, und es hält vor allen Dingen wach. Es sind Weckamine, und mit diesen Substanzen kann man eben 24, 48 Stunden wach bleiben und durchfeiern und Spaß haben.

Meyer: Es ist vielleicht auch ein Hinweis auf die Geschichte dieser Droge: Es gibt immer die Geschichte, dass die Deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg Crystal Meth in großen Mengen eingesetzt haben soll, dass unter dem Namen Panzerschokolade diese Droge verabreicht wurde. Stimmt das denn?

Härtel-Petri: Ja, das Pervitin war das Methamphetamin, allerdings in viel kleineren Dosierungen, was gegeben worden ist. Das berühmteste Opfer war eigentlich Heinrich Böll, der auch mit an der Front das nehmen musste, und aus dessen Briefen wissen wir relativ genau, dass es auch sicher eingesetzt wurde. Das Ausmaß ist nicht klar.

Meyer: Wurde diese synthetische Droge denn am Ende in Deutschland erfunden, entwickelt?

Härtel-Petri: Die Temmler Werke waren auf jeden Fall die Ersten, die sie vermarktet haben, als Asthmamittel. Und als Asthmamittel waren sie auch sehr gute Alternativen damals, 1928.

Meyer: Wie ist das heute beim Militär, wird nach wie vor heute beim Militär Crystal Meth eingesetzt?

Härtel-Petri: Also das Methamphetamin wird nicht eingesetzt, das macht viel zu schnell Psychosen und viel zu schnell abhängig. Es sind die anderen Substanzen wie Dexamphetamin, Modafinil, die weiterhin gegeben werden, und auch mit schlimmen Folgen. Im Jahr 2002 ging es ja durch die Medien, dass Piloten in Afghanistan also Friendly Fire gemacht hatten und angegeben haben, das haben sie getan, weil sie auf Amphetamin waren.

Meyer: Jetzt soll ein Grund sein für diesen vielfältigen Gebrauch von Crystal Meth, dass diese Droge so leicht herstellbar ist, dass das jeder praktisch zu Hause in seiner Küche zusammenbrauen kann. Stimmt das denn, kann man das so leicht zu Hause herstellen?

Härtel-Petri: Nach dem, was Konsumenten, Patienten berichten, ist das technisch tatsächlich relativ einfach, es sind die Anleitungen im Internet erhältlich. Was aber in Deutschland nicht so leicht erhältlich ist, sind die Grundsubstanzen. Ephedrin, Pseudoephedrin, und die sind in den USA in jedem Supermarkt erhältlich gewesen über viele, viele Jahre. Und das war auch das Problem, warum die Amerikaner so ein Riesenproblem damit bekommen haben und wir in Deutschland nicht. Wir haben ein Grundstoffkontrollgesetz, was das einigermaßen der Polizei ermöglicht zu gucken, wer wo was in welcher Apotheke einkauft.

Meyer: Trotzdem ist die Droge ja bei uns im Umlauf. Wo kommt die denn her?

Härtel-Petri: Das Methamphetamin kommt hauptsächlich aus der Tschechischen Republik. Dort wird es auch hergestellt. Es gibt zwar immer wieder auch Labore in Deutschland, also Nürnberg, da weiß ich es definitiv, aber Haupteinfuhrweg ist die Tschechische Republik.

Meyer: Sie sagen, der Stoff kommt aus Tschechien zu uns herüber. Ist das auch der Grund, warum Sie gerade in Oberfranken eine Klinik aufgebaut haben, die sich speziell mit Crystal Meth beschäftigt?

Härtel-Petri: Ja, wir mussten in Bayreuth auf der Drogenentzugsstation uns darauf spezialisieren, weil die Patienten kamen, und wir wussten am Anfang ja auch nicht, wie man damit umgehen muss. Wir haben einfach als Lehrkrankenhaus uns dann entsprechend auch eingelesen und haben dann diese richtigen Therapiemodule vorgegeben, und die werden jetzt nachgefragt aus dem Rest der Republik.

Meyer: Wer kauft Crystal Meth, in welchen Szenen wird das besonders benutzt in Deutschland?

Härtel-Petri: Es wird eigentlich mittlerweile in fast allen Szenen konsumiert, auch in den USA ist das ja so, Agassi war prominentes Opfer...

Meyer: … den Tennisspieler meinen Sie?

Härtel-Petri: Ja, Agassi hat ja in seinen Memoiren klar berichtet darüber, dass er Methamphetamine genommen hat in einer Phase, wo es ihm schlecht ging, und in Deutschland ist es eine Substanz, dort, wo sie erhältlich ist, wenn man Spaß haben will. Das geht durch alle Schichten. Alle die, die lange arbeiten müssen und dann viel Spaß haben wollen am Wochenende, die sind gefährdet.

Meyer: Es wird auch gelegentlich berichtet, dass Crystal Meth auch so im Bereich Gehirndoping eingesetzt wird, zur Leistungssteigerung auch direkt im Berufsleben. Können Sie das bestätigen?

Härtel-Petri: Das passiert bei Menschen, die nicht wissen, wie gefährlich die Substanz ist. In der oberfränkischen Szene hat es sich eigentlich ganz gut rumgesprochen seit vielen Jahren, dass die Substanz extrem gefährlich ist. Und es wird zunächst häufig genommen, um nach der Arbeit mehr Spaß zu haben, und dann, um wieder fit zu sein, um die Arbeit bewältigen zu können. Weil es so schnell Entzugssymptome, so schnell abhängig macht, dass die Leute dann, um bei der Arbeit zu funktionieren, überhaupt die Substanz wieder nehmen müssen.

Meyer: Wenn Sie sagen, die Substanz ist so gefährlich, Crystal Meth ist so gefährlich, meinen Sie damit vor allem die Abhängigkeit, oder noch andere Gefahren?

Härtel-Petri: Ja, es ist die am schnellsten abhängig machende Substanz, also sehr viel schneller auch als das Kokain, auf der Stufe von Crack wird das eingestuft. Es ist genau deshalb weltweit die nach Cannabis am häufigsten konsumierte Substanz mit 18 Millionen Konsumenten weltweit – Kokain, das sind 14, Heroin 16 Millionen –, und die andere Gefahr ist, dass die Patienten ganz rasch kognitive Störungen, Gedächtnisstörungen entwickeln, dass sie Psychosen entwickeln und dass sie einen Realitätsverlust haben, einen echten. Das hat aber auch einen Vorteil: Crystal-Patienten kommen sehr rasch in Therapie, weil die eigentlich sehr rasch bemerken, dass sie so nicht weitermachen können.

Meyer: Wie können Sie denen helfen, also wie erfolgreich sind die Therapien?

Härtel-Petri: Die Amerikaner haben das Problem ja schon sehr viel länger, das heißt, es war für uns relativ einfach, die Erkenntnisse – und die Japaner hatten es auch schon sehr viel länger –, die Erkenntnisse von dort zu übernehmen. Es ist wichtig, dass allein schon der Drogenberater, der Suchtberater überhaupt weiß, dass die Substanz aus anderen Gründen konsumiert wird als zum Beispiel Alkohol, als Heroin. Und dann geht es um die spezifischen Themen, es geht, für manche Leute das Gefühl der Leistungssteigerung, dieses Euphoriegefühl, die Sexualität, gilt besonders für die Männer, die immer wieder sagen, damit macht der Sex besonders Spaß – was aber ein Trugschluss ist, weil es keine Beziehungen sind, es ist beziehungsloser Sex –, ja und das sind Dinge, die angesprochen werden müssen in der Therapie. Wir haben das in Bayreuth, wir mussten uns ja spezialisieren, schon seit 14 Jahren gemacht und haben eben dann auch die Rehaklinik in Hochstadt deshalb darauf ausgerichtet.

Meyer: Und die Therapie muss man sich so vorstellen, dass man da bei Ihnen auf Station ist und erst mal einen harten Entzug hinter sich bringen muss?

Härtel-Petri: Der Entzug ist vom Körperlichen nicht besonders problematisch, anders als die Heroinentzüge, aber das, was sich im Kopf abspielt, ist das Problem, nämlich das Craving, der Suchtdruck, die Gier. Es dauert bis zu einem halben Jahr, manchmal sogar bis anderthalb Jahre, bis sich die Transmitter, also die Botenstoffe im Hirn wieder einigermaßen normalisieren. Und so lange erlebt der ehemalige Konsument, dass er sich nicht wirklich freuen kann an den Dingen, an denen wir uns freuen können. Und das macht natürlich immer wieder Suchtdruck, er ist depressiv, er ist antriebsgemindert, und dann, wenn er denkt, ich müsste mal jetzt mal wieder hier in die Gänge kommen, ich muss ja auf die Ämter gehen, dann weiß er genau, was ihm vermeintlich hilft, nämlich wieder eine Line Crystal nehmen. Und das ist das, was im Kopf stattfindet, dass viele Abbrüche sind, um weiter zu konsumieren, und es gibt leider nicht so Substanzen wie das Methadon, mit dem wir die sauber runterholen können, die Patienten.

Meyer: Die Droge Crystal Meth, ein Riesenproblem in den USA, auch bei uns auf dem Vormarsch. Darüber haben wir mit dem Mediziner Roland Härtel-Petri geredet, er leitet die Suchtfachklinik im oberfränkischen Hochstadt. Der Film über die amerikanische Crystal-Meth-Szene, "Winter’s Bone" von Debra Granik, der ist ab Donnerstag in unseren Kinos.

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