Sonntag, 23. November 2014MEZ15:20 Uhr

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen. 

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg).

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook 

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Thema / Archiv | Beitrag vom 04.12.2012

"Die älteren Fachkräfte werden immer mehr gebraucht"

Leiterin der Antidiskriminierungsstelle: Ältere Menschen müssen stärker auf dem Arbeitsmarkt gefördert werden

Christine Lüders im Gespräch mit Frank Meyer

Stahlarbeiter sind im Alter durchaus in der Lage, etwas anderes zu machen.
Stahlarbeiter sind im Alter durchaus in der Lage, etwas anderes zu machen. (AP Archiv)

Der demografische Wandel verändert die Arbeitswelt: Ältere wollen einerseits gebraucht werden, andererseits werden sie auch benötigt, sagt Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Wichtig sei nur, dass die Älteren auch weitergebildet werden.

Frank Meyer: Die Leipziger Seniorenunion sieht eine der reinsten und offensichtlichsten Formen der Altersdiskriminierung im Fall von Bürgermeistern oder Ortsvorstehern - die müssen in Sachsen zurücktreten, wenn sie 68 werden, aber warum? Bundestagsabgeordnete sind schließlich auch sehr oft älter als 70. Gegen Altersdiskriminierung regt sich Widerstand an vielen Stellen in Deutschland, und heute hat eine Expertenkommission zum Abbau von Altersdiskriminierung ihren Bericht vorgelegt. Diese Kommission wurde von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes berufen, und deren Leiterin ist jetzt hier bei uns im Studio, Christine Lüders - herzlich willkommen!

Ein ganz wichtiges Thema, Frau Lüders, gerade auch bei der Diskussion über die Rente mit 67, die Chancen von älteren Menschen auf dem Arbeitsmarkt, damit hat sich die Kommission befasst. Was hat sie denn vorgeschlagen, um diese Chancen zu verbessern?

Christine Lüders: Ja, da gibt es ganz viele Punkte: Der erste wichtige Punkt ist, dass jeder Mensch - egal in welchem Alter - auf seinem Arbeitsplatz glücklich sein möchte und geschätzt werden möchte. Das war nicht immer so. Viele ältere Menschen sind vor einiger Zeit schon relativ früh aus ihrem Job herauskatapultiert worden, da war es eher etwas Selbstverständliches, dass man bereits mit 58 den goldenen Handschlag bekam und gesagt bekam, jetzt hast du mal genug gemacht, wir brauchen Jüngere. Mittlerweile gibt es aber eine ganz andere Entwicklung in unserer Gesellschaft, nämlich, wir leben in einer sich total veränderten, immer älter werdenden Gesellschaft - die demografische Entwicklung bestätigt das -, und da muss man natürlich auch Rücksicht darauf nehmen, dass ältere Menschen auch gerne arbeiten wollen und auch gebraucht werden wollen, und noch dazu kommt, wir brauchen sie auch am Arbeitsmarkt.

Meyer: Ja, und was hat da Ihre Kommission jetzt konkret gefordert, um tatsächlich diesen Platz auch zu erhalten oder zu schaffen für die Eltern?

Lüders: Erstens, dass die Unternehmen Möglichkeiten bieten der Qualifizierung beispielsweise der älteren Menschen, das ist eine ganz wichtige Frage. Wenn Sie nämlich im Alter gesagt bekommen, Sie dürfen oder brauchen sich nicht mehr weiter zu qualifizieren, dann müssen wir an die Unternehmen appellieren, dies auch zu tun. Dann muss man Rücksicht darauf nehmen, wenn Menschen in bestimmten Berufssparten nicht mehr so lange arbeiten, möchten sie sich vielleicht dann auf einem anderen Weg noch etwas hinzuverdienen. Nehmen wir ein Beispiel, einen Stahlarbeiter, einen Dachdecker - es gibt Berufe, die unterschiedlichsten Berufsformen, wo sie vielleicht mit 60 ausgelaugt sind, aber durchaus fähig sind, noch etwas anderes zu tun. Und da dürfen Sie nicht bestraft werden, indem es eine Hinzuverdienstgrenze gibt von 400 Euro, sondern da Sie sowieso eine Rentenminderung schon haben, möchten Sie natürlich vielleicht auch genau so viel hinzuverdienen können wie alle anderen Menschen das später können.

Meyer: Bei den Zuverdienstgrenzen ist der Gesetzgeber gefordert, vorher waren Sie bei den Appellen an Arbeitgeber. Reichen denn da Appelle an Arbeitgeber - beschäftigt auch die Älteren noch, qualifiziert sie noch -, muss man da nicht mehr tun, damit wirklich was erreicht wird?

Lüders: Ganz sicher muss man vieles tun, aber die Unternehmen sind, glaube ich, sehr schlau, wenn sie sich um die Älteren auch kümmern, genau so wie um die Jüngeren. Das betrifft alle Unternehmen, alle Betriebe, ob das öffentliche oder private sind. Und da glaube ich, dass eine Kommission mit ihren Forderungen schon einiges erreichen kann, weil diese Forderungen noch mal schwarz auf weiß auf Papier zu lesen sind, und weil wir als Antidiskriminierungsstelle natürlich auch beispielsweise auch einen Good-Practice-Award gemacht haben, gemeinsam mit BDA und BA, das heißt, mit den Arbeitgeberverbänden, und da sehe ich doch ganz große, ganz tolle Beispiele, dass zum Beispiel ein Unternehmen mit Tandems arbeitet, mit jungen und älteren Menschen zusammen. Diese Tandems profitieren ungemein und es ist profitabel für das Unternehmen. Ich glaube, die Unternehmen sehen sehr wohl auch ökonomische Vorteile in der Einbindung von erfahreneren Mitarbeitern, kombiniert mit den anderen.

Meyer: Wo stehen wir da eigentlich im europäischen Vergleich? Ich nehme an, dass Sie das im Blick haben, was die Chancen von älteren Menschen auf unserem Arbeitsmarkt angeht.

Lüders: Das ist sehr unterschiedlich in den Ländern, aber wir stehen nicht ganz so schlecht da, weil die älteren Menschen bei uns jetzt natürlich auch gebraucht werden. Die älteren Fachkräfte werden natürlich immer mehr gebraucht, weil die Unternehmen ja sonst keine andere Chance haben, wir werben ja auch schon vom Ausland an. Und ich glaube, es gibt ein immer wieder Überdenken dieser Ziele, das ist wichtig. Auch wenn wir vielleicht im Vergleich im Mittelfeld liegen, ist das trotzdem keine Zeit, die Hände in den Schoß zu legen. Wir müssen besser werden, schon im eigenen Interesse und im Interesse der Menschen.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, Christine Lüders ist bei uns, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. In ihrem Auftrag hat heute die Kommission gegen Altersdiskriminierung ihren Bericht vorgelegt, und ich habe vorhin schon ein Beispiel zitiert, als es um diese Bürgermeister ging, wo es darum geht, dass ältere Menschen aus bestimmten Positionen herausgedrängt werden qua Altersgrenzen. Das ist auch ein wichtiges Thema beim Ehrenamt, damit hat sich Ihre Kommission beschäftigt. Ich muss sagen, dass ich mich gewundert habe, dass es das überhaupt gibt, Altersgrenzen für Ehrenämter, weil ältere Menschen engagieren sich, bringen ihre Kräfte unentgeltlich ein, und dann müssen sie aufhören, weil sie zu alt werden. Warum ist das überhaupt so.

Lüders: Ja, das ist völliger Blödsinn - muss man wirklich sagen. Solche Grenzen sind Quatsch. Wenn zum Beispiel ein Feuerwehrmann ...

Meyer: Ja, aber wer erlässt solche Grenzen?

Lüders: Ja, das sind verschiedene. Also zum Beispiel, wenn ein Feuerwehrmann jetzt mit 60 noch die Leiter hochkommt, kann er auch mit 61 noch weiter beschäftigt werden. In vielen Satzungen von Vereinen steht so etwas, sind unterschiedliche Dinge. Und wenn zum Beispiel in einem Sportverein ein 70-Jähriger die ganze Zeit ehrenamtlich gut gearbeitet hat und vielleicht Bücher geführt hat, warum soll er sie nicht mit 71 führen können? Das müssen wir abschaffen, das ist wirklich dumm, denn bürgerschaftliches Engagement ist für unsere Gesellschaft immens wichtig, wird auch immer wichtiger, und wenn Menschen sich betätigen im Alter, können wir uns doch freuen, und das auch noch unentgeltlich, da darf es einfach schlichtweg keine Grenzen geben.

Meyer: Und das ist jetzt wieder ein Appell der Kommission, die Sie eingesetzt haben, an Kommunen, an Bundesländer ...

Lüders: An den Gesetzgeber. Also hier würde ich sagen, der Gesetzgeber ist gefordert, hier die Gesetze so zu verändern, dass es das nicht gibt. Die Satzungen müssen verändert werden, weil im Ehrenamt darf es keine Grenzen geben. Wir sind nicht der Gesetzgeber, die Antidiskriminierungsstelle, deshalb müssen wir es natürlich fordern, aber hier fordere ich ganz klar, hier muss etwas geändert werden.

Meyer: Ihre Kommission hat viele Themen aufgegriffen, manche sind relativ kompliziert, da geht es um Teilrenten und so weiter - wir können hier nicht alle ansprechen, aber eines finde ich noch sehr wichtig, da ging es um die Pflegedienstleistung, und da schreibt Ihre Kommission im Prinzip, ältere Menschen werden benachteiligt, wenn es um Pflege geht. Wenn jemand, sagen wir mal, mit 40 einen Unfall hat und pflegebedürftig wird, ist er bessergestellt, kriegt er mehr Pflegeleistung als ältere Menschen. Haben Sie vielleicht ein Beispiel, wo sich das zeigt?

Lüders: Ja, auch hier muss man deutlich sagen, wenn ein Mensch mit einer Behinderung beispielsweise ins Theater gehen möchte, bekommt er eine Begleitperson zur Verfügung gestellt, andere bekommen das nicht. Wenn ein Demenzkranker beispielsweise etwas bestimmtes tun, sich erfreuen will, dann bekommt er einfach nicht die gleiche Leistung. Auch hier sollte der - wirklich - der Gesetzgeber dringend überlegen, ob nicht alle die gleiche Leistung bekommen. Man kann hier keine Unterschiede machen, weil der eine eine solche Behinderung hat, weil der andere eine solche Krankheit hat, auch da muss noch einiges getan werden.

Meyer: Und es geht aber auch ums Alter? Der Jüngere bekommt die Begleitperson, der Ältere ...

Lüders: Natürlich!

Meyer: ... bekommt sie nicht mehr?

Lüders: Der Ältere bekommt sie nicht mehr. Und das geht natürlich auch nicht, das ist ... macht keinen Sinn.

Meyer: Ja, was für ein Gedankengang steckt eigentlich dahinter? Es lohnt sich nicht mehr beim Älteren?

Lüders: Schauen Sie, wenn man die Gedankengänge nachvollzieht, kann man genau so sagen, wie kommt ein Unternehmen auf die Idee, einen hochqualifizierten Mitarbeiter ab einem gewissen Alter heraussetzen zu wollen? Auch das ist genau so merkwürdig, und das muss man hinterfragen. Man kann auch die Medien hinterfragen, auch beim Fernsehen, wenn dort Moderatoren älter werden, warum dürfen sie nicht mehr arbeiten, wenn sie älter werden, nur weil wir irgendwann mal einem Jugendwahn unterlegen sind. Das geht nicht.

Meyer: Und haben Sie an der Stelle, an der Sie sitzen, als Leiterin dieser Antidiskriminierungsstelle, haben Sie den Eindruck, dieses Bemühen kommt voran, dieser Kampf gegen die Benachteiligung von Älteren?

Lüders: Ja, ich glaube, dass es ganz sicher vorankommt. Schauen Sie, wir hatten in der Kommission sehr viele Menschen, die auch bekannt sind, die eine gewisse Popularität haben. Diese populären Menschen sind ja Multiplikatoren. Und mit diesen Multiplikatoren, die auch in der Politik teilweise tätig sind oder auch waren, werden wir es langfristig sicher schaffen, auch mehr als Impulse zu geben, auch Veränderungen anzustoßen, da bin ich ganz sicher.

Meyer: Die Kommission gegen Altersdiskriminierung hat heute ihren Bericht vorgelegt. Christine Lüders war bei uns, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Lüders: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.