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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.09.2007

"Die Abwanderung ins Ausland ist besorgniserregend"

Bildungsexperte Balve über die Arbeitsmarktsituation von Akademikern

Moderation: Leonie March

Studieren, um auszuwandern? Studenten in einer Vorlesung. (AP)
Studieren, um auszuwandern? Studenten in einer Vorlesung. (AP)

Angesichts der hohen Abwanderungsquote von Hochqualifizierten und Höhergebildeten ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker nicht so rosig, wie es scheinen mag. Dies meint der Bildungsexperte Johannes Balve. Wegen der Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt muss in Deutschland der Wert der Weiterbildung im Beruf mehr anerkannt werden, glaubt Balve.

March: Das deutsche Bildungssystem ist noch weit von der Weltspitze entfernt. Zu diesem Schluss kam die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD, vor zwei Jahren. 2006 kritisierte sie den relativ niedrigen Anteil von Studienanfängern und Hochschulabsolventen in der Bundesrepublik. Heute stellt die OECD wieder ihre alljährliche Studie "Bildung auf einen Blick" vor. Im Mittelpunkt steht diesmal die Frage, ob mit dem größeren Anteil Hochqualifizierter auch die Zahl hochwertiger Arbeitsplätze zunimmt. Am Telefon begrüße ich jetzt Dr. Johannes Balve. Er hat selbst für die OECD gearbeitet und nun die Streitschrift "Good bye Einstein - für eine neue Wissenskultur" verfasst. Guten Morgen, Herr Balve!

Dr. Johannes Balve: Ja, guten Morgen!

March: Wird Bildung auf dem deutschen Arbeitsmarkt genügend honoriert?

Balve: Die OECD hat den Zusammenhang zwischen der beruflichen Qualifikation und dem volkswirtschaftlichen Nutzen schon immer herausgestellt und die Erhöhung der Absolventenquote an den Hochschulen gefordert. Nun scheint es in Deutschland so zu sein, dass auf den ersten Blick ein Studium honoriert wird, da die Arbeitslosenquote der Akademiker relativ gering ist im Vergleich zur Arbeitslosenquote insgesamt.

Dennoch muss man bei der Abwanderung der Intelligenz aus Deutschland Anzeichen dafür sehen, dass also die Situation auf den Arbeitsmärkten, insbesondere im höher gebildeten Bereich, eben doch nicht so glänzend sind, wie sie immer dargestellt werden. Die letzte Statistik des Statistischen Bundesamtes weist die höchste Auswanderungsquote seit den 50er Jahren in Höhe von 145.000 Personen aus. Die Dunkelziffer ist sehr viel höher. Sie wird auf eine Viertelmillion geschätzt. Insbesondere unter den Hochgebildeteten, den Promovierten, ist der Anteil der Auswanderer besonders hoch.

March: Ist die Abwanderung ein Zeichen dafür, dass zum einen diese Hochqualifizierten keine ihrer Qualifikation entsprechende Stände finden, aber dass sie vielleicht auch in der Gesellschaft nicht genügend gewertschätzt werden?

Balve: Die Hauptproblematik besteht darin, dass die Bildung an den Hochschulen und an den Schulen meistens rein institutionell abläuft, dass Bildung und Fortbildung und Weiterbildung nicht sozusagen auf das Arbeitsleben übertragen wird. Die Gesellschaft hat noch nicht erkannt, dass Bildung ein lebenslanger Prozess ist, und dass Bildung eben nicht nur Spezialisierung ist, sondern auch gerade Anforderungen an eine flexible Persönlichkeit stellt, die unter veränderten Arbeitsbedingungen auch erfolgreich im Arbeitsmarkt ist.

March: Und in anderen Ländern hat man das erkannt?

Balve: In anderen Ländern hat man das erkannt. Beispielsweise in England gilt die Berufserfahrung und die Fortbildung am Arbeitsplatz um einiges mehr als in Deutschland. Es werden auch die Erfahrungen, die am Arbeitsplatz gewonnen werden, und die Kenntnisse höher bewertet als in Deutschland, wo nach einem Studium in der Regel der Bildungsweg abgeschlossen ist.

March: Sie haben ja eben über das Problem der Abwanderung gesprochen und die Auswirkungen sind ja bereits zu spüren. In Deutschland mangelt es an Fachkräften, die Regierung spricht zwar darüber und erleichtert auch den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt, aber hat sie damit das Problem der Abwanderung gar nicht erkannt?

Balve: Es scheint so, dass der Bildungs- und Wissensstandort Deutschland noch nicht so entwickelt wird, wie er eigentlich entwickelt sein müsste, nämlich im Wettbewerb um die qualifizierten Arbeitskräfte, der sich ja inzwischen international abspielt. Die Abwanderung ins Ausland, aber auch die Abwanderung in niedrig qualifizierte Arbeitsbereiche ist jedenfalls Besorgnis erregend.

March: Welche konkrete Maßnahmen würden Sie den von der Politik erwarten?

Balve: Man müsste sich Modelle anschauen, die schon im Ausland praktiziert werden. In Frankreich beispielsweise gibt es eine sogenannte taxe d'apprentissage, eine Art Bildungssteuer, die Unternehmen Anreiz bieten soll, in Bildungseinrichtungen zu investieren und somit die Berufspraxis oder eine Chance entsteht, Berufspraxis und Ausbildung auch an den Hochschulen zu verschränken.

Politik alleine kann allerdings hier noch nicht eine Kehrtwende herbeiführen, wenn nicht auf breiter Basis die Verschränkung von Lernen und Praxis, also die Notwendigkeit erkannt wird. Und wenn beispielsweise an Hochschulen Praktika notwendige Bestandteile des Studiums werden, also gleichwertige, wenn später während der Berufsphase Weiterbildung selbstverständlich wird, also Arbeitskräfte freigestellt werden, um sich an Hochschulen weiterzubilden.

All dies hat aber nur eine Chance, also es lässt sich nicht durch Reformen sozusagen herbeiführen, alleine wenn es also auch einen Wertewandel in den Köpfen gibt. Das entscheidende Hindernis ist eben noch, dass man in Deutschland davon ausgeht, dass Spezialisten, wie sie an den Hochschulen ausgebildet werden, ausreichend für das Berufsleben qualifiziert sind. Man hat den Wert der gebildeten, eigenständigen Persönlichkeit noch nicht erkannt für die sich verändernden Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt. Hier müsste vielleicht angesetzt werden mehr Eigenständigkeit, dass sich sozusagen Lernkulturen entwickeln können, die ja auch wirklich Personen hervorbringen, die mehr als nur als Fachwissen mitbringen.

March: Aber davon sind wir noch weit entfernt, oder sehen Sie erste Ansätze für diesen Sinneswandel, für diesen Wertewandel?

Balve: Es gibt erste Ansätze. Gerade in der Diskussion um die Autonomie der Hochschulen, aber auch in den Lernkulturen der Schulen. Wie schon gesagt, es ist nicht eine Frage der politisch verordneten Reform, sondern ein Prozess des Wertewandels in den Köpfen.

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