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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.10.2005

Dick und doch gesund

Udo Pollmer über den Schwindel der Diätindustrie

Rezensiert von von Johannes Kaiser

Ein überschätztes Problem? -  Übergewicht (AP)
Ein überschätztes Problem? - Übergewicht (AP)

Jedes Frühjahr wieder rauscht durch den deutschen Blätterwald die Fitness- und Diätwelle. Der Winterspeck soll weg und überhaupt will man die überflüssigen Pfunde loswerden. Immerhin melden Verbraucherministerium, Krankenkassen und Medien in seltener Einmütigkeit, dass die meisten Deutschen zu fett geworden sind.

Also fängt man an sich zu kasteien. Der Erfolg ist mager. Wenn überhaupt etwas runtergeht, dann ist es schon bald wieder auf den Rippen. Mangelnde Selbstbeherrschung, zu wenig Sport, zu wenig gesunde Ernährung, zu viel Fastfood?

Unsinn - so der Ernährungsexperte Udo Pollmer – so wie die ganze Debatte um Übergewicht fahrlässig, sogar lebensgefährlich ist. Davon jedenfalls ist der durchaus etwas fülligere Experte, ein enfant terrible der deutschen Ernährungswissenschaft, überzeugt und er hat in seinem jüngsten Buch, dessen Titel "Esst endlich normal" durchaus programmatisch zu verstehen ist, dafür auch eine Menge überzeugender Argumente zusammengetragen.

An erster Stelle nimmt er das merkwürdige Beurteilungssystem auseinander, den Bodymassindex. Der schlägt alle Menschen über einen Leisten, so als gäbe es keine genetische Veranlagung für dünn oder dick, seien alle gleich ausgestattet. Das ist natürlich Quatsch. So sind zum Beispiel Muskelmänner wie Arnold Schwarzenegger oder Schauspieler wie Brat Pitt dem BMI zufolge eindeutig übergewichtig und müssten dringend auf Diät gesetzt werden.

Schlimmer aber noch ist an diesem Gewichtsmaßstab, dass er behauptet, nur wer sich im eng bemessenen Limit aufhielte, bliebe von schwerwiegenden Krankheiten verschont, würde mithin länger und gesünder leben. Ein grandioser statistischer Betrug. Die medizinischen Studien, auf die sich die Gesundheitsexperten stützen, beweisen genau das Gegenteil: Wer ein paar Pfunde zusätzlich mit sich herumschleppt, und je älter man wird, desto mehr legt man natürlicherweise zu, der lebt länger. Dicke sterben später. Nicht sie sind besonders herzinfarktgefährdet oder bekommen häufiger Diabetes, leiden an Herz-Kreislauferkrankungen, sondern die Schlanken. Man könnte nach den Statistiken eher umgekehrt formulieren: Je schlanker einer ist, desto früher wird er in die Grube fahren.

Besonders gefährdet sind die Superschlanken, jene Models, die vielen Mädchen als Vorbild dienen. Schlimm ergeht es auch all jenen, die ständig neue Diäten unternehmen, statt sich mit ihrem Gewicht abzufinden. Sie fallen dem Jojo-Effekt zum Opfer: Der Körper reagiert auf das Hungern zwar mit Abnahme. Sobald man sich aber wieder normal ernährt, legt er vorsorglich für die nächste Hungerperiode zusätzlich Fettreserven an. Ergebnis: Nach jeder Diät hat man ein paar Pfunde mehr. Diäten – so der Ernährungsexperte - sind die beste Methode, dick zu werden.

In seinem Buch räumt Udo Pollmer mit zahlreichen Vorurteilen auf und widerlegt detailliert die Panikmache der Schlankheitspropheten. Schockierend sind nicht die überschüssigen Pfunde, sondern die unverfrorenen Lügen der Diätindustrie, die sich an Schlankheitsmitteln eine goldene Nase verdient. Ein Buch für alle, die das Gefühl haben, sie müssten dringend abnehmen. Vergessen Sie es. Ihr Körper weiß viel besser als alle Gesundheitsapostel, was für sie gut ist.

Udo Pollmer: Esst endlich normal - Wie die Schlankheitsdiktatur die Dünnen dick und die Dicken krank macht
Piper Verlag München 2005, 294 Seiten

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