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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.10.2012

Dichterin der Jugend

Gesammelte Werke der jüdischen Lyrikerin Mascha Kaléko

Gisela Zoch-Westphal im Gespräch mit Susanne Burg

Die Schriftstellerin Mascha Kaleko
Die Schriftstellerin Mascha Kaleko (picture alliance / dpa / Röhnert)

Zur Frankfurter Buchmesse ist eine vierbändige Gesamtausgabe der 1975 verstorbenen jüdischen Dichterin Mascha Kaléko erschienen. Viele Werke habe sie erst in ihrem Todesjahr geschrieben, sagt ihre langjährige Freundin Gisela Zoch-Westphal. "Das war wie eine Befreiung!"

Susanne Burg: Mascha Kalékos Leben war geprägt von Heimatlosigkeit, immer wieder musste sie umziehen. In den 30er-Jahren lebte die jüdische Autorin in Berlin, sie schrieb kurze, einfache, sprachwitzige Gedichte, wurde verglichen mit Kästner, Morgenstern und Ringelnatz. 1938 ist Kaléko quasi in letzter Minute aus Nazi-Deutschland geflohen, in die USA.

Im Nachkriegsdeutschland geriet sie fast in Vergessenheit, doch dann erlebte Kaléko eine beispielhafte Renaissance, vor allem junge Leute begeisterten sich für ihre Lyrik. Dieser Tage lenkt die Frankfurter Buchmesse nun erneut die Aufmerksamkeit auf die Dichterin, denn gerade ist bei dtv eine umfassende, vierbändige Gesamtausgabe ihrer Werke und Briefe erschienen. Ein Gespräch mit der Nachlassverwalterin Kalékos hören Sie gleich, erst mal aber einen Ausschnitt aus dem Gedicht "Interview mit mir selbst", vorgetragen von Mascha Kaléko:

"Ich bin vor nicht zu langer Zeit geboren
In einer kleinen, klatschbeflissenen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Mein meistgesprochenes Wort als Kind war 'nein'.
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
Und denke ich an jene Zeit zurück:
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.

Im letzten Weltkrieg kam ich in die achte
Gemeindeschule zu Herrn Rektor May.
- Ich war schon zwölf, als ich noch immer dachte,
Daß, wenn die Kriege aus sind, Frieden sei.

Zwei Oberlehrer fanden mich begabt,
Weshalb sie mich - zwecks Bildung - bald entfernten;
Doch was wir auf der hohen Schule lernten,
Ein Wort wie 'Abbau' haben wir nicht gehabt.

Beim Abgang sprach der Lehrer von den Nöten
Der Jugend und vom ethischen Niveau -
Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten.
Ich aber leider trat nur ins Büro.

Acht Stunden bin ich dienstlich angestellt
Und tue eine schlechtbezahlte Pflicht.
Am Abend schreib ich manchmal ein Gedicht.
(Mein Vater meint, das habe noch gefehlt.)

Bei schönem Wetter reise ich ein Stück
Per Bleistift auf der bunten Länderkarte.
- An stillen Regentagen aber warte
Ich manchmal auf das sogenannte Glück..."


Burg: Ein Auszug aus Mascha Kalékos Gedicht "Interview mit mir selbst" aus den 50er-Jahren. In einem Studio in Frankfurt am Main begrüße ich jetzt Gisela Zoch-Westphal. Sie ist Schauspielerin und Sprecherin, Freundin von Mascha Kaléko und seit Kalékos Tod ihre Nachlassverwalterin. Guten Tag, Frau Zoch-Westphal!

Gisela Zoch-Westphal: Ja, guten Tag!

Burg: Ja, wir haben gerade Mascha Kaléko selber gehört. Es heißt über Mascha Kaléko, sie war schüchtern, sie ging nicht gern auf die Bühne. Gleichzeitig hat der Schriftsteller Horst Krüger über sie geschwärmt: Mascha Kaléko hat keine Leser, sie hat eine Gemeinde!

Zoch-Westphal: Genau!

Burg: Wie ging das zusammen? Was war es an ihrer Person und an ihren Gedichten, das die Leser zu Jüngern hat werden lassen?

Zoch-Westphal: Ich glaube, die Schüchternheit ihrer Jugend, auf den Künstler-, Variété-Bühnen zu stehen in Berlin, die hatte sie später abgelegt. Und sie liebte es, ihre Gedichte vorzutragen. Und sie war einfach als Persönlichkeit schon so mit einer Ausstrahlung ausgestattet, sie nahm ihre Zuhörer sofort für sich ein. Und so wurden eben die Zuhörer gleich ihre Gemeinde.

Burg: Reich-Ranicki hat zum 100. Geburtstag 2007 gesagt: Sie dichtete ihr Leben und sie lebte die Dichtung. War das auch ein wichtiger Punkt dieser Authentizität, die sie ausstrahlte?

Zoch-Westphal: Absolut, absolut! Und da fällt mir gerade noch ein, Horst Krüger hat gesagt, Mascha Kaléko ist wie ein Gedicht von Mascha Kaléko. Sie spiegelt sich in ihren Versen wirklich, auch mit allen Facetten ihres Wesens. Ob es nun Heiterkeit, Witz, Melancholie, Ironie ist: Sie ist immer persönlich sie selber.

Burg: Sie haben Mascha Kaléko ja relativ spät in ihrem Leben kennengelernt, 1968 in Zürich. Wie haben Sie sie damals erlebt?

Zoch-Westphal: Das war ein Abendessen, das der deutsche Konsul Dr. Christoph Niemöller gab in einem der berühmten Zunfthäuser in Zürich. Es waren nur mit Mascha Kaléko und ihrem Mann zwölf Gäste. Ich war allein dort und mein Tischnachbar war Walter Mehring. Und das darf ich vielleicht doch rasch erzählen: Nach der Suppe griff Walter Mehring sein Glas, klopfte ans Glas und sagte, ich trinke auf Mascha Kaléko, ohne sie wäre ich nicht hier, Mascha Kaléko verdanke ich mein Leben!

Und er erzählte kurz eine Szene von 1934 aus dem Romanischen Café, dort waren Gestapo-Leute in Zivil aufgetaucht, fragten nach Mehring, Mascha hatte das gerade so mitgekriegt, gab Mehring ein Zeichen, der kapierte sofort, stand auf, ohne zu zahlen, verließ das Café, lief zum nächsten Bahnhof, das war Bahnhof Zoo, stieg in den nächsten Zug, der fuhr nach Paris. Er war den Häschern entgangen! Und Mascha Kaléko hat mit denen noch herumgeschäkert. Sie war ja ungeheuer attraktiv und mit einer starken erotischen Ausstrahlung. Sie war gefährdet, sie war Jüdin! Walter Mehring war Kommunist, wurde verfolgt!

Burg: Wenn wir jetzt noch mal zurückkommen zu diesem Abendessen ...

Zoch-Westphal: Ja.

Burg: Da haben Sie relativ wenig mit Mascha Kaléko gesprochen?

Zoch-Westphal: Überhaupt nicht. Ich war damals die Jüngste in dem Kreis. Alle anderen erzählten enorm interessante Geschichten, ich habe an diesem Abend "Guten Abend" gesagt, "Auf Wiedersehen", "Bitte", "Danke" - das war alles. Mascha Kaléko schenkte zum Schluss noch jedem der Gäste ein kleines Büchlein, "Verse in Dur und Moll", das war gerade in einem Schweizer Verlag, dem Olten-Verlag herausgekommen, und das war's.

Den nächsten Tag ging ich in eine Buchhandlung und fragte nach Büchern von Mascha Kaléko! Und so war ich auch vorbereitet, als mich fünf Monate später Radio Zürich anrief und fragte, können Sie einen Vortragsabend halten über Mascha Kaléko? Und so fand es statt! Mascha Kaléko war anwesend und es war so voll in dieser Buchhandlung, die Katakombe! Die Leute saßen auf den Treppenstufen, sie saßen mir so dicht vor der Nase, sie sprachen sogar die Gedichte mit stummen Lippenbewegungen mit! Also, auch dort war ihre Gemeinde.

Und nach diesem Abend sagte Mascha Kaléko zu mir: Können wir noch einen Wein zusammen trinken? Und ich sagte: Ich würde so gerne mitkommen, aber ich kann nicht, mein Babysitter geht um halb elf, ich muss nach Hause! Und ich war wirklich so deprimiert, weil ich dachte, diese Frau, die ich so gern kennenlernen möchte, sehe ich nie wieder! - Es kam ganz anders, Mascha Kaléko hielt die Verbindung. Und jedes Jahr, wenn sie, um der heißen Jahreszeit in Israel zu entgehen mit ihrem Mann, nach Zürich kam, sahen wir uns.

Burg: Sie waren ja eine junge Frau damals, in Ihren 30er-Jahren, ...

Zoch-Westphal: Ja.

Burg: ... Mascha Kaléko war bereits über 60.

Zoch-Westphal: Ja.

Burg: Sie haben zusätzlich nicht in der gleichen Stadt gewohnt. Wie hat diese Freundschaft funktioniert, wie sind Sie sich nähergekommen?

Zoch-Westphal: Intensiviert hat sich diese Beziehung natürlich erst in ihrem letzten Lebensjahr, 1974, als sie von ihrer letzten Lesung in Berlin zurückkam und sehr schwach und krank war, konnte kaum mehr etwas essen. Also, es war ganz, ganz mühsam. Sodass es sich von selber ergab, dass ich mich um sie kümmerte und ... Ja, dann habe ich die letzten Lebenswochen sie täglich begleitet. Und das hat natürlich unsere Freundschaft sehr intensiviert.

Burg: Die Schauspielerin und Sprecherin Gisela Zoch-Westphal ist zu Gast im Deutschlandradio Kultur, sie war eine gute Freundin der Dichterin Mascha Kaléko und ist die Nachlassverwalterin von Mascha Kaléko. Wir kommen gleich noch mal auf diese letzte Phase ihres Lebens zu sprechen. Gehen wir erst noch mal ein ganz klein bisschen weiter zurück auf den schweren Schicksalsschlag, den Sie auch schon erwähnt haben, ...

Zoch-Westphal: Ja.

Burg: ... der Tod ihres einzigen Sohnes, er starb 1968 mit 31 Jahren. 1973 starb dann auch ihr Mann. Wie ist Mascha Kaléko damit umgegangen, hat sie mit Ihnen darüber sprechen können?

Zoch-Westphal: Erst als Todkranke im Krankenhaus. Da hat sie über den Tod des Sohnes gesprochen, hat aber die Beerdigung nicht abgewartet, weil ihr Mann Chemjo Vinaver todkrank in einem Zürcher Hotel lag. Also, sie war wirklich hin- und hergerissen. Und den Tod des Sohnes haben weder sie noch ihr Mann verkraftet. Einfach, er war ihre große Zukunftshoffnung auch und sie hatten eine unglaublich enge Bindung.

Burg: Sie hat ja dann auch erst mal nicht schreiben können, hat dann später aber wieder angefangen. Wie haben sich diese Todeserfahrungen, auch dann der Tod ihres Mannes im Werk Mascha Kalékos niedergeschlagen?

Zoch-Westphal: Ja, das ist ganz erstaunlich. Nachdem sie erst wie vernichtet war nach dem Tod ihres Mannes, kamen plötzlich die Gedichte! Also, in dem Band "In meinen Träumen läutet es Sturm", mit den Nachlass-Gedichten, sieht man ja einfach, wie groß die Anzahl der Gedichte war, die sie dann ausschließlich im Jahr 1974 geschrieben hat! Und das war natürlich wie eine Befreiung! Bei Mascha Kaléko in den letzten Lebenswochen war das für mich Unvergessliche, wie bereit sie auf den Tod zuging. Es hielt sie auf dieser Welt nichts mehr.

Burg: Das war dann auch in dieser Zeit, dass Mascha Kaléko Sie als Nachlassverwalterin eingesetzt hat?

Zoch-Westphal: Ja, und ich war erschrocken, als sie mir das anbot. Es war mir sehr bald klar, dass aus der Familie niemand da war und sonst niemand. Aber ich sagte: Ich bin Schauspielerin, Mascha, ich kann das gar nicht, ich weiß gar nicht, wie man das macht! - Und das hat sie mit einer Handbewegung weggewischt und hat gesagt: Ach, das wird schon gehen!

Burg: Abschließend, Frau Zoch-Westphal, welches Gedicht von Mascha Kaléko ist das, was Sie am stärksten mit ihr verbinden?

Zoch-Westphal: Das ist vielleicht:

"Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlass.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe."


Das ist meine Lieblingszeile von ihr!

Burg: Herzlichen Dank! Gisela Zoch-Westphal, ehemalige Freundin von Mascha Kaléko und Nachlassverwalterin der Dichterin. Vielen Dank, dass Sie mit uns gesprochen haben, Frau Zoch-Westphal!

Zoch-Westphal: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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