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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 11.01.2006

Dichten auf den Spuren Heines

Robert Gernhardt zum Heine-Jahr

Moderation: Nana Brink

Der Dichter und Karikaturist Robert Gernhardt  (AP)
Der Dichter und Karikaturist Robert Gernhardt (AP)

Der Satiriker und Lyriker Robert Gernhardt hat im Heine-Jahr die Heine-Gastprofessur an der Universität Düsseldorf inne. Die Studierenden fordert er auf, Gedichte auswendig zu lernen und mit sich zu führen. Er selbst gibt zu, dass er sich als Jugendlicher nicht besonders für den Dichter interessiert habe.

Brink: Der Satiriker und Lyriker Robert Gernhardt, bekannt auch als Mitbegründer des Satiremagazins "Titanic" wird heute als neuer Heine-Gastprofessor an der Düsseldorfer Universität seine erste Vorlesung halten. Rechtzeitig zum Heinrich-Heine-Jahr 2006 wird die Heine-Gastprofessur, die es schon seit 1988 gibt, und unter anderem wurde sie von Marcel-Reich-Ranicki und Altbundeskanzler Helmut Schmidt besetzt, von dem ausgesprochenen Heine-Liebhaber Robert Gernhardt wahrgenommen. Der Lyriker Gernhardt hat sogar schon Gedichte auf den Spuren Heines verfasst, und er liest sie auch selbst vor.

Gernhardt:

"Vorsatz"

Gen Italien will ich reisen,
um im Schatten der Zypressen
deutscher Nebel deutscher Händel
deutscher Knödel zu vergessen.
In dem Herzen der Toskana
will vom Deutschtum ich genesen
und um meinen Sinn zu festgen
werde ich Heinrich Heine lesen.


Ich überspringe zwei Gedichte und schließe an mit:

"Erinnerung"

Warum habe ich nicht mit achtzehn Jahr den Heinrich Heine gelesen?
Warum ist mir nicht bei so manchem Gedicht Feinsliebchen vor Augen gewesen?
Ich hatte mit achtzehn kein Liebchen hold und las auch keine Gedichte.
Ich las Sartre und wichste so vor mich hin, das ist die ganze Geschichte.


Brink: Gedichte auf den Spuren von Heinrich Heine vom neuen Heine-Gastprofessor an der Düsseldorfer Universität, dem Satiriker und Lyriker Robert Gernhardt. Sie sind auf den Tag genau, nämlich am 13. Dezember, 140 Jahre nach Heine geboren. Ist das schicksalhaft?

Gernhardt: Na, es wird noch andere geben, die an diesem Tag geboren sind, und die dichten nicht. Also ich nehme an, dass es schon ein besonderes Schicksal ist, wenn es denn Schicksal ist.

Brink: "Robert Gernhardt entdeckt Heine", so heißt ein Buch von Ihnen. Warum ausgerechnet Heinrich Heine?

Gernhardt: Ich bin ein relativ später Heinrich-Heine-Gedichteleser. Als Jugendlicher hat er mich nicht so interessiert. Erst zu seinem 200. Geburtstag, da habe ich mal den ganzen Heine komplett gelesen und auf einmal auch gemerkt, was ich da alles versäumt hatte.

Brink: Sie haben es in Ihrem einen Gedicht schon gesagt, Sie haben mit Sartre angefangen und Heine fanden Sie wahrscheinlich völlig blöd als 18-Jähriger?

Gernhardt: Ja, also das "Buch der Lieder" sagte mir wenig, dieses Herumtändeln um irgendwelche Liebchen, die grausam waren und kalt, also da las ich da lieber Sartre oder Hemingway. Hemingway hat nicht in mein Reimschema gepasst, weil der hat drei Silben, und Sartre hatte nur zwei.

Brink: 2004 hat Robert Gernhardt den renommierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf erhalten als kritischer Beobachter, Dichter und Karikaturist der deutschen Zustände. Ist denn Heine da dann doch ein Vorbild gewesen?

Gernhardt: Ja, sicherlich, auch wenn man jemanden nicht komplett liest, lernt man ihn ja kennen. Ich habe auch Germanistik studiert, immerhin vier Semester, und da habe ich sehr schätzen gelernt den Essayisten Heine, den Prosaisten Heine, den Heine der romantischen Schule beispielsweise und den Heine der "Reisebilder" und den Heine der "Harzreise" natürlich, die alle kannte ich schon sehr gut.

Brink: Ist Heinrich Heine überhaupt noch ein Vorbild, ist er noch tauglich für heute?

Gernhardt: Ja, er ist durchaus tauglich, weil er wirklich vorgelebt hat, wie es ist, wenn man sich zwischen alle Stühle setzt. Das bedeutete, dass er beispielsweise ein Jude war und inniger auf Deutsch singen konnte als alle seine deutschen Zeitgenossen, und das war für die Deutschen ein großer Stachel. Er hat die "Loreley" gedichtet: "Ich weiß nicht, was soll das bedeuten", das dann als Volkslied galt angeblich während der Nazizeit, weil sie das nicht unterdrücken konnten, das war einfach zu sehr in den deutschen Köpfen drin, und ein Jude hatte es geschrieben.

Brink: Er hatte ja auch ein bisschen an Deutschland gelitten, das hat man immer so als typisch deutsch bezeichnet.

Gernhardt: Nun ja, er hat an einem ganz konkreten Deutschland gelitten, an dem Deutschland der Zensur, das ihn nicht zu Wort kommen ließ, an dem Deutschland Preußens, an dem Deutschland der Deutschtümelei, die also nach der napoleonischen Niederlage dann durch Deutschland brauste, die deutschen Burschenschaften, die deutschen Biertrinker und die Deutschnationalen, unter denen hat er gelitten, und die haben ihn nach Frankreich vertrieben.

Brink: Ihre Vorlesungsreihe an der Düsseldorfer Universität im Januar und im Februar hat den Titel "Leiden, Lieben, Lachen - eine Führung durch das Haus der Poesie", und es soll von der Krabbelstube durch die Schul- und Klassenräume bis in die Krankenzimmer gehen. Erzählen Sie uns jetzt von Pennälerjahren und Krankheitsgeschichten der deutschen Dichter?

Gernhardt: Nicht unbedingt. Also Krankheitsgeschichten der deutschen Dichter, ja, da ist Heine auch ein, wenn man so will, vorbildlicher kranker Dichter gewesen, denn er hat eben diese sieben Jahre, die er da in seiner Matratzengruft zugebracht hat, eben auch dazu benutzt, Worte zu finden für seine Krankheit, und er war der Erste, der sich so lange und so intensiv mit Krankheit beschäftigte und eben so ein ganz neues Genre gegründet hat, das Krankengedicht. Aber die Krabbelstube ist was anderes, da beziehe ich mich auf Erkenntnisse von Rühmkorf, der, wie ich finde, sehr einleuchtend bewiesen hat, dass die ersten Reime schon in der Mutterbrust entstehen, wenn das Kind da schmatzt, und Hamm, Hamm macht, und daraus wird Mama, das reimt sich ja, so kommt ja das Kleinkind in die Welt, mit Mama und Papa und Wauwau und Pipi und Kacka und Bubu usw.

Brink: Sie haben selbst im Krankenhaus geschrieben, nicht wahr?

Gernhardt: Ja, ich habe zweimal Gelegenheit gehabt, längere Zeit im Krankenhaus mich aufzuhalten, und ich habe in beiden Fällen - eine Herzoperation und Krebsoperation und Therapien - mit Gedichten begleitet, ja.

Brink: Das heißt, wenn ich das richtig verstehe, diese Titel, Sie wollen eigentlich die Poesie so in den Alltag holen?

Gernhardt: Ja, das ist richtig. Also die Gedichte, die in den Köpfen bleiben, haben eigentlich immer mit nicht alltäglichen, aber doch mit allgemein menschlichen Erfahrungen zu tun.

Brink: Eine zweite Vorlesung heißt - das fand ich auch besonders witzig -, "Die mit dem Hammer dichten - ein Gang durch Kopierstuben, Chatrooms und Fitnessstudios der Dichter". Das klingt aber ziemlich modern!

Gernhardt: Ja, die Dichter haben sich immer aufeinander bezogen, manchmal über Jahrhunderte hinweg. Wenn also Goethe und Schiller sich zusammensetzen und Distichen schreiben, dann übernehmen sie eine Gedichtform der Antike, und so ist das ein großes Gespräch über Jahrhunderte hinweg, deswegen Chatroom. Also jeder, der neu anfängt zu dichten, steht natürlich auf den Schultern unendlich vieler anderer Dichter, so wie das Spiel "Stille Post", einer flüstert etwas, wenn dann also mehrere Leute dieses Geflüster weitertragen, dann kommt am Ende etwas ganz, ganz anderes raus, als am Anfang geflüstert worden war, trotzdem beruht alles auf diesem Ausgangssatz.

Brink: Und das wollen Sie in diesen fünf Vorlesungen klarmachen?

Gernhardt: Ja, ich werde einiges klarmachen, beispielsweise "Die mit dem Hammer dichten", das bezieht sich darauf, dass es eben Dichter gibt, die Sätze finden, die sich dann einhämmern. Wenn also Morgenstern beispielsweise gedichtet hat "denn so schließt er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf", dann ist das eine richtige Hilfestellung zur Welterkenntnis.

Brink: Haben Sie deshalb diese drei Forderungen aufgestellt für Ihre Vorlesungen - finde ich ja interessant, dass es so etwas überhaupt gibt, eine Forderung für eine Vorlesung -, Gedichte zu lesen, Gedichte auswendig zu lernen und Gedichte mit sich zu führen? Soll man wieder Gedichte auswendig lernen?

Gernhardt: Ja, sicherlich, das ist eine große Hilfe, wenn man sich selber mit Gedichten, die man im Kopf hat, unterhalten kann, beziehungsweise, wenn man etwas sieht, und dazu die passende Zeile schon vorfindet. Nehmen wir mal ein ganz schlichtes Beispiel, wenn es einem sehr schlecht geht, wenn man sich dann erinnert, hat der Goethe die Zeilen geschrieben, "wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte an seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte". Das kann einem helfen, mit dem eigenen Schicksal fertig zu werden, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gedichte, die ich zum Thema Krebs geschrieben habe, sich als hilfreich erwiesen haben.

Brink: Jetzt erübrigt sich eigentlich fast meine Frage, ob ich die Probe aufs Exempel machen muss, welches Heine-Gedicht denn der Heine-Professor Gernhardt auswendig kann?

Gernhardt: Ich kann von Heine keines perfekt auswendig, deswegen will ich mich auf dieses Glatteis nicht begeben.

Brink: Aber man kann es ja nachlesen.

Gernhardt: Ja, und ich arbeite daran. Einen ganzen Heine, obwohl er sehr kurze und auch sehr einprägsame Gedichte geschrieben hat, einen ganzen Heine habe ich im Moment nicht drauf, nein, tut mir Leid.

Brink: Um doch noch mal bei Heine zu bleiben, Heine war ja auch ein sehr boshafter Dichter in vielen Sachen. Man hat Ihnen ja auch nachgesagt, dass Sie auch ein sehr spitzer Karikaturist und manchmal boshafter sind. Sind Sie ihm da ähnlich?

Gernhardt: Also wir beide, glaube ich, lachen gern und verlachen auch hin und wieder gern. Immer dann, wenn Leute so tun, als ob ihre Privatinteressen Allgemeininteressen seien, beispielsweise, dann kann man diese Leute ungescheut verlachen und auch verspotten.

Brink: Nun fängt heute Ihre Vorlesung an. Wen wünschen Sie sich denn für Ihre Vorlesung, wer soll da drin sitzen?

Gernhardt: Also ich wünsche mir Leute, die ganz einfach im Stande sind, sich 45 bis 60 Minuten Überlegungen plus praktische Beispiele zum Thema Lyrik anzuhören, und die dann nach der ersten Vorlesung das Gefühl haben, hören wir uns auch die zweite an.

Brink: Der Heinrich-Heine-Preis wird verdoppelt dieses Jahr in der Summe. Wollen Sie das auch einfordern?

Gernhardt: Nein, um Himmels Willen. Ich war schon sehr gut bedient mit der Summe, die es letztes Jahr gab, und außerdem gibt es für die Vorlesung auch noch was, und ich gehe mit volleren Taschen aus Düsseldorf, als ich hingekommen bin.

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