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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.12.2011

Diamanten und glanzlose Steine

Wolf Biermann: "Fliegen mit fremden Federn", Hoffmann & Campe, Hamburg 20112011

Der Liedermacher Wolf Biermann  (dpa / Marcus Brandt)
Der Liedermacher Wolf Biermann (dpa / Marcus Brandt)

Wolf Biermann hat einen üppigen Band mit Nachdichtungen und Adaptionen herausgegeben, ausgesucht nach seinem persönlichen Bezug zu den Texten. Darunter das Gedicht eines jüdischen Schülers, aber auch William Shakespeare und Bob Dylan.

Kaum sind die letzten Verse aus Wolf Biermanns Sammlung "Heimat. Neue Gedichte" verklungen, schon liegt ein üppiger Band von Nachdichtungen und Adaptionen mit dem Titel "Fliegen mit fremden Federn" vor. Biermann spricht von seiner "vielsprachigen Schatzkiste", die sich in fünf Jahrzehnten mit Kostbarkeiten gefüllt hat.

Kurioserweise geben solche Kisten beim Öffnen vor allem Einblick in die Seele des Sammlers. Zwischen Goldschmuck und Diamanten haben auch glanzlose Steine Eingang in den gehüteten Hort gefunden. Doch Biermann geht es nicht um Glanz und Kanon. Der Wert einer dichterischen Vorlage folgt anderen Maßstäben. Er entwickelt sich im persönlichen Bezug zum Dichter, ergibt sich aus einer konkreten Situation oder ist von einer besonderen Form inspiriert.

Dass es sich um Nachdichtungen und Adaptionen handelt, verweist auf Biermanns freien Umgang mit den stilistischen wie inhaltlichen Aspekten des Originals.

""Für die Poesie zwischen diesen beiden Buchdeckeln verarbeitete ich Gefieder, wie es sich im Lauf der Jahrzehnte ansammelte","

erklärt er im Vorwort. Und so erschallt zwischen Albatros, finnischer Nachtigall und französischer Spottdrossel ein illustres Textgezwitscher.

Als Biermann noch in der DDR lebte, brachten berühmte Besucher wie Joan Baez, Bulat Okudžava, Lew Kopelew dem Barden ihre Geschenke in Form von Versen und Liedern mit. Nach seiner Ausbürgerung 1976 wurde aus dem Beschenkten selbst ein eifriger Besucher, wobei seine Sammlerleidenschaft keine Berührungsängste kennt. Er schöpft aus dem reichen Fundus des Griechischen, Spanischen und Koreanischen, aus dem Schwizerdütsch, dem Schwedischen, Jiddischen, Russischen und Finnischen – und natürlich aus dem Englischen und Französischen.

Beim Kramen in seiner Schatzkiste sind traurig-schöne Entdeckungen zu machen. Die von dem Südkoreaner Kim Min’Gi verfasste Hymne der Opposition gegen die Militär-Diktatur mit dem melancholischen Titel "Morgentau", das Gedicht eines jüdischen Knaben (Franta Bass), der vierzehnjährig in Auschwitz ermordet wurde oder Jiří Suchýs Schlager "Student mit den roten Ohren", den dieser einst für seine "Leibsoubrette" Hanna Hegerová schrieb.

Es gibt aber auch Wiederbegegnungen mit bekannten Dichtern wie Shakespeare und seinem berühmten 66. Sonett, das Biermann seit jeher eine Herzensangelegenheit ist, mit Sergej Jessenin und Bulat Okudžava, Bob Dylan oder mit Louis Aragons Gedicht "Glückliche Liebe", dem Biermann in einer Hass-Liebe verfallen ist.

Sein atemberaubender Ritt durch die Jahrhunderte und über die Kontinente hinweg ist dann und wann mit handschriftlichen Kommentaren versehen, in denen erzählt wird, warum ein Text ausgewählt wurde oder welchen Ursprung er hat. Und wer in der Lage ist, Notenschrift zu lesen, dem sind diese Gedichte, noch bevor sie der Meister zum Klingen bringt, auch eine akustische Botschaft.

Besprochen von Carola Wiemers

Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn - Nachdichtungen und Adaptionen
Hoffmann & Campe, Hamburg 2011
526 Seiten, 26 Euro

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