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Im Gespräch

Birgit KeilWieviel Disziplin braucht eine Primaballerina?
Birgit Keil, die frühere Erste Solistin des Stuttgarter Balletts und Direktorin des Ballettensembles des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe.

Birgit Keil gilt als erste deutsche Primaballerina von Weltrang, sie ist eine der wichtigsten Protagonistinnen des sogenannten "Stuttgarter Ballettwunders". Mit Talent und irrsinniger Disziplin beendete sie erst mit 50 Jahren ihre Bühnenkarriere.Mehr

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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 01.03.2008

Diagnose Krebs

Zu Gast: Hans-Joachim Gebest und Annette Rexrodt

Das "Mammotom" dient der Früherkennung von Brustkrebs
Das "Mammotom" dient der Früherkennung von Brustkrebs (AP)

"Sie haben Krebs". Alle eineinhalb Minuten erhält in Deutschland ein Patient diese niederschmetternde Diagnose. In nüchternen Zahlen sind dies mehr als 430.000 Betroffene im Jahr, fast jeder zweite stirbt an den Folgen, derzeit leiden fünf Millionen Menschen in Deutschland an Krebs - so die aktuellen Statistik der Deutsche Krebsgesellschaft.

"Das ist Schock, Stillstand. Wir hoffen ja immer, dass es uns nicht trifft, wir haben Pläne, Termine – das wird alles plötzlich gestrichen", Annette Rexrodt von Fircks wurde 1998 mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert. Sie war 35 Jahre alt, Dolmetscherin und Mutter von drei kleinen Kindern. "Es bleibt Sprachlosigkeit und Entsetzen, bei einem selbst und bei den Angehörigen. Und das größte Entsetzen ist, wenn man Kinder hat. Der Schmerz war fruchtbar, zu denken, wo bleiben die Kinder, wenn die Mama nicht mehr da ist? Das war unerträglich. Ich habe immer gedacht, dass ich alt werden würde und auf einmal habe ich so früh diese Diagnose bekommen. Ich hatte eine 15-prozentige Überlebenschance, der Arzt hat mich auf die Chemotherapie mit den Worten vorbereitet, ´Das wird die Hölle`." Ich hatte ja auch eine furchtbare Prognose: Ich hatte Krebs in jeder Zelle meiner Brust, in der Haut. Der Pathologe sagte, es sei so schlimm, er würde am liebsten das Handtuch hinschmeißen. Da war so eine Sprachlosigkeit um mich herum, und ich war auf einmal die einzige, die positiv war, die kämpfen wollte."

Sie hat gekämpft und hat den Kampf gegen den Krebs zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Mittlerweile hat sie mehrere Bücher über ihre Erfahrungen geschrieben, sie hält Vorträge und engagiert sich in der Fortbildung von Pflegepersonal auf Krebsstationen. Mit ihrer Rexrodt von Fircks-Stiftung hat sie 2006 das Modellprojekt "gemeinsam gesund werden" an der Klinik Ostseedeich in Grömitz gestartet, in dem brustkrebskranke Frauen zusammen mit ihren Kindern betreut werden.

"Ich habe gekämpft für das Leben! Ich wusste, wenn ich so kurz zu leben habe, dann kann ich es mir nicht leisten, jeden Tag in Angst und in der Hölle zu leben. Heute gibt es Psychoonkologen, damals steckte das alles in den Kinderschuhen. Ich habe gelernt, in Windeseile, welche Chancen in uns liegen, welche Handlungsoptionen wir haben. Und ich habe mich fast verantwortlich gefühlt, zu schreiben, über diese Möglichkeiten, die in uns liegen. Ich habe so viele Menschen leiden sehen aus Angst. Ich habe Patienten gesehen, die sich im Krankenhaus übergeben haben aus Angst vor der Chemotherapie! Ich habe Patienten erlebt, die sich nur noch hässlich gefunden haben, mit Perücke, die sich nicht angucken konnten! Es gab so viele Themen, die mich berührt haben, ich wusste, dass alle eineinhalb Minuten ein Mensch in Deutschland die Diagnose Krebs erhält, dass ich nicht allein bin. Und ich habe gesehen, wie hilflos Angehörige sind."

Informationen und Hoffnung geben, das ist auch das Ziel von Dr. Hans-Joachim Gebest. Der Mediziner gehört zu den renommiertesten Krebs-Spezialisten Deutschlands. Der Onkologe leitet den Krebsinformationsdienst in Heidelberg, die wichtigste Krebsberatungsstelle in Deutschland. Jährlich holen sich dort rund 30.000 Betroffene Rat, Patienten ebenso, wie Angehörige, Ärzte, Pfleger. "Informationen sind sehr wichtig. Das zeigen auch Untersuchungen, dass die Frauen, die Brustkrebs haben und sich gut informiert und aktiv mitgemacht haben bei der Therapie, dass deren Lebensqualität und auch die Überlebenschancen höher waren. Informationen sind - wie es in den USA heißt – ein starkes Geschütz!"

Der Mediziner, der seit 30 Jahren Krebspatienten betreut, möchte der Krankheit den Schrecken nehmen, sie aus der gesellschaftlichen Tabuzone befreien. Und er möchte zeigen, dass – trotz vieler schwerer Krankheitsverläufe – große Fortschritte in der Behandlung zu verzeichnen sind.

"Wenn ein Tumor früh genug entdeckt wird, können 60 Prozent der Patienten quasi geheilt werden. Es gibt leider Krebsarten, da ist das nicht der Fall, bei Brustkrebs zum Beispiel. Da wissen wir, dass es schon früh Mikro-Metastasierungen gibt. Die sind wie Schläfer, die sich im Körper verteilen. Aber es gibt Tumore, die kann man hervorragend und elegant behandeln, Schilddrüsenkrebs zum Beispiel. Der wird mit radioaktiven Substanzen zielgenau zerstört, wie durch ein trojanisches Pferd. Bei Hodenkrebs werden 95 bis 98 Prozent der Männer fast völlig geheilt. Und bei Hautkrebs gibt es auch gute Nachrichten. Er nimmt zwar zu, aber er wird auch immer früher entdeckt und kann dadurch behandelt werden. Es gibt aber immer noch Krebsarten, da ist die Prognose schlecht, Bauchspeicheldrüsenkrebs zum Beispiel oder Leberkrebs."

Wichtig dabei: Die Tumore müssen so früh wie möglich entdeckt werden. Er mahnt, Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen und Risikofaktoren ernst zu nehmen, zum Beispiel bei Lungenkrebs, "30 Prozent der Todesfälle könnten vermieden werden, wenn die Menschen nicht rauchen würden." Der Krebsforscher betont auch, wie wichtig es für Patienten ist, sich trotz der erschreckenden Diagnose Zeit zu nehmen, für Informationen, für die Auswahl von Ärzten bzw. Kliniken. "Krebs ist kein Notfall." Selbst bei schweren Erkrankungen hätten Patienten mehrere Wochen Zeit und die sollten sie sich auch nehmen. Der Krebsinformationsdienst, der 1986 als erster seiner Art in Deutschland gegründet worden ist, bietet diese Informationen, kostenfrei, täglich von 8 Uhr bis 20 Uhr, unter der Telefonnummer 0800/4203040. "Wir haben ja gedacht, wenn wir genügend Informationen geben, dann machen wir unseren Dienst im Laufe der Zeit überflüssig, aber genau das Gegenteil ist nicht der Fall! Gerade weil es immer mehr Informationen gibt, Bücher, das Internet, ist seriöse Information immer wichtiger. Und unsere Informationen sind seriös, weil sie aus einem seriösen Haus kommen und wir in keinem Interessenkonflikt stehen, wir haben kein wirtschaftliches Interesse."

"Diagnose Krebs" – darüber diskutiert Dieter Kassel heute gemeinsam mit der Autorin Annette Rexrodt von Fircks und dem Krebsforscher Dr. Hans-Joachim Gebest. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800/22542254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet unter:
www.krebsinformationsdienst.de
Kostenlose Beratungs-Hotline unter 0800 / 420 30 40, täglich von 8 Uhr bis 20 Uhr

Über Annette Rexrodt von Fircks
www.rvfs.de