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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.07.2011

Deutschland will Japan bei Atomausstieg beraten

Beauftragter des Auswärtigen Amtes: "Parallele Interessenlagen"

Hans Daerr im Gespräch mit Ute Welty

Nach dem Unglück in Fukushima peilt nun auch Japan den Atomausstieg an.  (picture alliance /  dpa)
Nach dem Unglück in Fukushima peilt nun auch Japan den Atomausstieg an. (picture alliance / dpa)

Der Beauftrage des Auswärtigen Amts für die Japan-Hilfe, Hans-Joachim Daerr, will das krisengeschüttelte Land beim Umbau der Energieversorgung auf regenerative Energien unterstützen. Deutschland habe Japan schon immer Austausch, Beratung und Hilfe angeboten.

Ute Welty: Wir haben schon darüber berichtet: Die japanische Regierung hat jetzt doch angekündigt, aus der Atomkraft aussteigen zu wollen. Dem japanischen Ministerpräsidenten Naoto Kan schwebt eine Gesellschaft vor, die irgendwann auf diese Form der Energieerzeugung verzichten könne. Wann das aber geschehen soll, ist noch unklar.

Wenig bekannt ist auch darüber, wie die japanische Gesellschaft bislang umgeht mit der Dreifachkatastrophe von Erdbeben, Tsunami und GAU in Fukushima. Einen tieferen Einblick hat da Hans Daerr, Beauftragter Japan-Hilfe im Auswärtigen Amt, ehemaliger Botschafter in Japan und zu Gast bei Deutschlandradio Kultur. Guten Morgen!

Hans Daerr: Guten Morgen!

Welty: Japan und die Atomkraft, das könnte man ja tatsächlich so was wie eine Hassliebe beschreiben – die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki haben unermessliches Leid gebracht über das Land, auf der anderen Seite galten die AKW als Garant für Fortschritt und Wohlstand. Inwieweit hat sich jetzt die gesellschaftliche Rezeption der Atomkraft verändert?

Daerr: Es war in der Tat so, dass die Öffentlichkeit immer ganz scharf unterschieden hat zwischen der schlimmen, der bösen Kernkraft in militärischer Hand und der zivilen Nutzung, wo Japan eigentlich ein relativ problemloses Verhältnis entwickelt hat. Das wird natürlich unter dem Eindruck dieser jüngsten Katastrophe jetzt grundsätzlich überprüft werden, aber es bleibt wohl dabei, dass Japan eigentlich eine doch sehr viel positivere Einstellung zur Technik und so Technologie hat, nicht diesen bei uns doch sehr ausgeprägten Technologie-Skeptizismus, der eigentlich immer nur die Gefahren sieht oder mehr die Gefahren betont als die positiven Seiten.

Welty: Godzilla kann man ja auch als Beispiel nehmen, das Monster durch die Atomkraft verändert, aber dann von der Wissenschaft von der Wissenschaft beherrscht. Steht da jetzt aber trotzdem so was an wie ein Paradigmenwechsel, nämlich dass die Wissenschaft auch die Atomkraft letzten Endes nicht beherrschen kann.

Daerr: Also der Glaube an die Beherrschbarkeit hat sicher einen Knacks bekommen, es wird trotzdem eine sehr gründliche Überprüfung der Risiken, der Möglichkeiten zur Risikominderung, aber auch eben eine Abwägung der Risiken gegen Vor- und Nachteile, die mit einem radikalen Wechsel verbunden sind, dann geben.

Welty: Heißt das, die Japaner europäisieren sich ein Stück weit?

Daerr: Das glaube ich nicht. Ich meine, sie sehen, dass die Europäer, die Deutschen vorher schon skeptisch waren, wo bei Ihnen die Skepsis jetzt hochkommt, aber ich glaube nicht, dass sie dann zu so radikalen Schwenks neigen. Sie wundern sich eher, und zwar in der breiten Bevölkerung, dass die Frage umsteigen oder aussteigen, die sie selber jetzt wahrscheinlich doch mit einigem Zeitbedarf prüfen werden, dass die Deutschen das Tsunami- und Erdbebenrisiko nicht haben, das Ergebnis dieser Prüfung schon vorausnehmen und selber diesen Schritt tun, ohne diese große Risikokomponente überhaupt zu haben.

Welty: Was kann Deutschland von Japan lernen, was dieses Mammutprojekt hier angeht, der Energiewende?

Daerr: Ich glaube, dass die Japaner einfach etwas nüchterner auch die Kosten berechnen werden, die Auswirkungen auf den Lebensstandard, die Auswirkungen auf die Konkurrenzfähigkeit der japanischen Wirtschaft.

Welty: Japan hat jetzt schon erhebliche Probleme mit der Stromversorgung, erhebliche wirtschaftliche Probleme auch schon vor der Dreifachkatastrophe gehabt, wo sehen Sie die Stellschrauben, um an diesen Problemen zu drehen?

Daerr: Die Japaner haben ja schon gedreht an der Verbrauchsschraube und kühlen nicht mehr so maßlos, wie sie sonst bisher immer gekühlt haben, sie schalten viel von der Beleuchtung ab, die Tokio natürlich faszinierend mal gemacht hat, aber sie können natürlich nicht wie wir zum Beispiel ausweichen auf Stromimporte aus der Nachbarschaft. Das ist eine Sache, die sie nicht haben und die sie nicht können.

Insofern werden sie nüchtern kalkulieren, wie schnell sie die Versorgung bei aller Ausnutzung der Sparmöglichkeiten die Versorgung langsam umsteuern, umlenken können auf erneuerbare Energien in einem höheren Maß. Sie wissen aber auch, und ich glaube besser als wir, dass dann ein langer Weg ist und dass ein völliges Umsteigen auf Erneuerbare ein ganz langer Horizont ist.

Welty: Inwieweit kann Deutschland Japan bei diesem Weg helfen?

Daerr: Wir haben immer angeboten, dass wir in dem Bereich, wo wir relativ parallel gelagerte Interessenlagen haben, uns austauschen und beraten, uns gegenseitig helfen. Es gibt Bereiche, wo die Japaner mit uns gleichauf sind – Solarenergie –, nicht in der Anwendung, aber in der Erforschung und Nutzung.

Es gibt Bereiche wie Biomasse, wo die Japaner erstaunlicherweise – obwohl sie viel mehr davon haben als wir – sie bisher vernachlässigt haben, da könnte man sicher einige Empfehlungen geben. Aber die Grundsatzfrage für die Japaner wird bleiben, wenn sie umsteigen von – bei allem Sparpotenzial – umsteigen von Kernenergie auf Kohle, Gas und Öl, erhöhen sie die Importabhängigkeit, die Sicherheit der Energieversorgung, und sie sehen auch eigentlich klarer als wir, dass man natürlich, wenn man für sich selber das Nuklearrisiko wegdrücken will, man über die CO2-Problematik und die globale Erwärmung die Gefahren woanders hin verlagert.

Wenn die globale Erwärmung einen weiteren Kick bekommt durch Umsteigen auf Kohle und Gas und Erdöl, wird die Zahl der Taifune, die jedes Jahr Tote verursachen in Japan, sich erheblich erhöhen und die Intensität so verstärken, dass auch die Japaner in so einer Bilanz der Opfer eigentlich sehr klar abwägen müssen großes, sehr großes, aber sehr unwahrscheinliches Risiko gegen quasi Gewissheit eines begrenzten Risikos.

Welty: Und sie werden auch abwägen müssen, ob eine Hilfe von außen überhaupt gewünscht ist.

Daerr: Gut, die Japaner sind ähnlich wie wir doch durchgängig der Meinung, dass sie in Sachen Technologie zur Weltspitze gehören und in vielen Fällen vielleicht Beratung nicht brauchen, aber sie haben sich eigentlich immer auch ein bisschen anders verhalten, nicht wie der deutsche Ingenieur, der am allerliebsten alles noch einmal erfindet. Sie schauen in der Regel in die Nachbarschaft und in die gleich aufgestellten Länder, um einfach schneller voranzukommen. Zu lernen ist für sie nicht mit irgendeinem Negativgefühl belastet.

Welty: Hans Daerr in Deutschlandradio Kultur, der ehemalige Botschafter in Japan ist der Beauftragte Japan-Hilfe im Auswärtigen Amt. Ich danke für Ihre Einschätzungen!

Daerr: Ich bedanke mich auch!


Die Äußerungen unserer Gesprächspartner geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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