Seit 09:00 Uhr Nachrichten
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 09:00 Uhr Nachrichten
 
 

Kommentar / Archiv | Beitrag vom 20.04.2015

Deutschland und die ArmenierEnde des unwürdigen Eiertanzes

Von Kemal Hür

Türken und Armenier erinnern im April 2014 in Istanbul an Opfer des Völkermords an den Armeniern. (dpa / picture alliance / Sedat Suna)
Türken und Armenier erinnern im April 2014 in Istanbul an Opfer des Völkermords an den Armeniern. (dpa / picture alliance / Sedat Suna)

Der Bundestag wird am Freitag den Völkermord an den Armeniern als solchen anerkennen. Gut so, denn alles andere wäre eine Verunglimpfung des Andenkens der Opfer, meint Kemal Hür.

Nun also doch. Die Bundesregierung und die Fraktionen der Regierungsparteien wollen den Völkermord an den Armeniern nun doch als Völkermord bezeichnen. Darauf haben sich die Fraktionsspitzen der Union und der SPD heute im Gespräch mit der Regierung verständigt. Die Armenier werden erleichtert sein, wenn auch der Bundestag am Freitag in einem gemeinsamen Beschluss den Genozid anerkennt. Sie werden sich aber dennoch fragen, warum Deutschland sich damit so schwer getan hat?

Der Genozid an den 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich geschah mit Wissen des deutschen Kaiserreiches. Deutschland und die Türkei waren im Ersten Weltkrieg Verbündete. Und der Völkermord ist "seit einem Jahrhundert deutsches Regierungswissen", wie der Historiker und Leiter des Lepsiushauses Rolf Hosfeld in den letzten Monaten immer wieder betonte.

In ihrem unwürdigen Eiertanz wagten es deutsche Regierungsvertreter sogar zu behaupten:  Es sei Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, ob es sich um einen Völkermord handle. Das ist beleidigend und verhöhnend für die deutschen und internationalen Historiker. Der Genozid an den Armeniern ist nach dem Holocaust der am besten erforschte Völkermord, sagen die Wissenschaftler.

Warum noch eine Historikerkommission?

Der deutsche Außenminister will immer noch nicht den Begriff Genozid benutzen. Dabei hat das Archiv seines Hauses eine der umfassendsten Dokumentationen darüber. Der Autor Wolfgang Gust veröffentlichte das Archiv des Auswärtigen Amtes vor über zehn Jahren und dokumentierte die Belege auf über 700 Seiten.

Warum sich die deutsche Regierung die Position des türkischen Staates zu eigen machte und nach dem Urteil einer Historikerkommission verlangte, ist völlig unverständlich. Diese Haltung ist unwürdig im Gedenken der ermordeten Armenier, Aramäer und Pontus-Griechen.

Die Armenier schütteln nur mit dem Kopf, wenn sie die Aussage hören, Deutschland wolle die Versöhnung zwischen den Türken und Armeniern fördern und sich nicht positionieren. Warum erkennt Deutschland dann den Völkermord in Ruanda und Srebrenica an, fragen sie fassungslos.

Wortakrobatik verharmlost die Fakten 

In Deutschland leben Türken und Armenier als Nachbarn und oft als deutsche Staatsbürger. Deutschland hat nicht nur die historische Verpflichtung, als Mitwisser den Völkermord beim Namen zu nennen. Sondern die Regierung ist auch ihren Bürgern gegenüber verpflichtet, eine Versöhnung hierzulande herbeizuführen. Eine Versöhnung kann aber nicht dadurch gefördert werden, dass ein Staat historische Fakten mit Wortakrobatik umschreibt – und damit verharmlost.

Ein Völkermord hat eine völkerrechtlich feste Definition. Und nach dieser Definition sind die massenhaften Vertreibungen und Ermordungen der Armenier ein Völkermord. Alles andere wäre Verunglimpfung des Andenkens der Opfer.

Mehr zum Thema:

Genozid an den Armeniern - "Das Kind beim Namen nennen"
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 20.4.2015)

Johannes Lepsius - Erfolgloser Mahner für die Sache der Armenier
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 19.4.2015)

Vor 100 Jahren im Osmanischen Reich - Über den Massenmord an den Armeniern
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 15.4.2015)

Völkermord an den Armeniern - Deutsches Wissen, deutsche Schuld
(Deutschlandfunk, Europa heute, 14.4.2015)

Völkermord an Armeniern - "Das Deutsche Reich war einer der wichtigsten Zeugen"
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 4.3.2015)

Buch zur Armenier-Frage - Welche Rolle spielte Deutschland?
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 27.2.2015)

Verbrechen an den Armeniern - "Das deutsche Wort dafür ist Völkermord"
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 26.10.2014)

Kommentar

Kolumbiens FriedensvertragNoch ein weiter Weg zum Fieden
Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos und der Kommandeur der FARC-Guerrilla-Organisation Timoleon Jimenez, alias Timochenko, geben sich beim Festakt in Cartagena die Hand. (AFP / Luis Acosta )

Nach 52 Jahren Bürgerkrieg haben Regierung und Guerilla in Kolumbien einen Friedensvertrag unterzeichnet. Das historische Abkommen auszuhandeln war eine schwierige Aufgabe. Ungleich schwerer wird es nun, wirklich Frieden zu schaffen, meint Burkhard Birke.Mehr

Krieg in SyrienDas klägliche Versagen der UNO
Ban Ki-moon redet am Pult im Weltsaal des UNO-Hauptquartiers in New York. (picture alliance / dpa / Jason Szenes)

Der UNO gelingt es nicht einmal, die Flüchtlinge humanitär zu versorgen. Im Hinblick auf den eskalierenden Syrien-Krieg, haben die 193 Mitgliedsstaaten schlicht versagt, kommentiert Andreas Zumach. Nur ein diplomatischer Konsens zwischen Russland und den USA könne die Friedensbemühungen voranbringen.Mehr

weitere Beiträge

Politisches Feuilleton

Flüchtlingspolitik"Wir haben das nicht geschafft!"
Ein Flüchtling schwent eine Deutschlandfahne in Idomeni an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. (dpa / Kay Nietfeld)

Zwei Sätze stehen für Angela Merkels Flüchtlingspolitik: "Wir schaffen das" hatte sie vor einem Jahr gesagt. Um jetzt hinterherzuschieben, am liebsten würde sie die Zeit "um viele Jahre zurückspulen". Dabei, so Islamwissenschaftler Fabian Köhler, müssten sich vor allem die Linken eingestehen: "Wir haben das nicht geschafft". Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur