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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.12.2011

"Deutschland muss jetzt auch Verantwortung übernehmen"

Britische Labour-Abgeordnete Stuart zur europäischen Schuldenkrise

Gisela Stuart im Gespräch mit Nana Brink

Gisela Stuart wurde in Niederbayern geboren und studierte in England (Huw Meredith)
Gisela Stuart wurde in Niederbayern geboren und studierte in England (Huw Meredith)

Deutschland müsse nach Ansicht der britischen Labour-Abgeordneten Gisela Stuart noch mehr Verantwortung in der europäischen Schuldenkrise übernehmen. Dabei dürfe man keine Angst haben, sich unbeliebt zu machen.

Nana Brink: Weltweit kritisieren Politiker und Kommentatoren Angela Merkels Rolle in der Eurokrise als Blockadehaltung. US-Präsident Obama tut es, die EU-Kommission tut es, wenn Merkel sich mal wieder stur zeigt und zum Beispiel die Eurobonds ablehnt. Mrs. No ist ihr Spitzname in der europäischen Presse. Auch in Großbritannien ist man immer schnell dabei, sich abfällig über die deutsche Politik zu äußern. Als Englands Premier vor zwei Wochen in Berlin zu Besuch war, war die Stimmung deutlich unterkühlt. Premier Cameron hatte erst am Tag zuvor die Deutschen der Hinhaltetaktik bezichtigt.

Sind die Deutschen - sonst eher die Musterknaben in Europa - plötzlich in der Eurokrise die Prügelknaben? Am Telefon ist jetzt Gisela Stuart, britische Parlamentsabgeordnete der Labour-Partei. Einen schönen guten Morgen, Frau Stuart!

Gisela Stuart: Guten Morgen!

Brink: Warum kommt Deutschland eigentlich in dieser Finanzkrise immer so schlecht weg?

Stuart: Ich will das jetzt mal erklären nicht als britische Abgeordnete, aber als jemand, der in Niederbayern geboren ist, und wir hatten einen Ausdruck, der heißt "Wer zahlt, schafft an", und für die Deutschen, die haben für die letzten fast 50 Jahre für die Europäische Union gezahlt, aber haben sich geweigert, anzuschaffen. Und jetzt sind sie an einem Punkt, wo sie sagen, wir müssen von anderen Ländern was erwarten, und man verzeiht ihnen das nicht, man will, dass sie weiterhin zahlen oder ohne dafür was zu fordern. Und das ist nicht mehr länger tragbar.

Brink: Was machen Sie denn in Ihrem eigenen Land? Sie haben ja gesagt, Sie sind in Niederbayern geboren, schon seit langer, langer Zeit in Großbritannien und da, wie gesagt, ist man ja immer gerne dabei, die Deutschen zu kritisieren. Wie erklären Sie dann sozusagen Ihren Kollegen, was mit Deutschland los ist?

Stuart: Was mich im Augenblick stört oder fasziniert, ist, dass David Cameron als britischer Premierminister, sagt, es wäre im Interesse Europas, dass große Länder die Hauptrolle führen. Kanzler Kohl wusste, dass das nicht der Weg für die Zukunft ist. Angela Merkel, ich glaube, versteht das, aber weiß nicht, wie sie das in die Praxis umsetzt. Und für Großbritannien, jetzt zu sagen, es wäre das Richtige für große Länder, Europa zu beherrschen, das erstaunt mich und entsetzt mich auch ein bisschen.

Brink: Aber gerade die Briten müssten doch eigentlich Verständnis für Deutschland haben. Sie formulieren ja sehr stark auch gerade ihre eigenen nationalen Interessen, gerade zum Beispiel im Hinblick auf Europa.

Stuart: Was die Briten verstehen ist, dass ein Europa, das stark ist, auch starke Mitgliedsstaaten braucht. Und die fundamentale Frage, die wir immer noch nicht bereit sind, wirklich anzusprechen, ist, ob ein Euro mit 17 Mitgliedsstaaten möglich ist. Meine Meinung ist: Es ist nicht möglich, und je früher wir dazu bereit sind, bestimmten Ländern zu erlauben, dass sie von dem Euro austreten, desto besser. Und für Deutschland, auch wenn man logisch zu der Position kommt, dass das das Richtige wäre, zu tun: Politisch kann Deutschland das nicht akzeptieren. Und das ist wirklich ein Dilemma.

Brink: Sind die Briten denn auch ein bisschen misstrauisch auf Merkozy, also das neue Europapaar Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy?

Stuart: Ich glaube, die Briten sind im Augenblick sowohl misstrauisch auf die Zukunft der Europäischen Union, aber sind sich auch nicht ganz klar, was ihre eigene Rolle ist. Und meiner Meinung nach ist es Unsinn, zu fordern, dass man einen starken und stabilen Euro hat, wenn das meiner Meinung nach logisch und wirtschaftlich nicht möglich ist. Und für die Briten, aber auch für all die anderen Länder, die nicht im Euro sind: Man muss sich jetzt wirklich mal überlegen, was die Alternative ist.

Brink: Und was wäre die Alternative?

Stuart: Meine Meinung - und das ist eine sehr persönliche Meinung, das ist weder eine labourpolitische Meinung noch konservative britische Meinung: Vor 35 Jahren hatten Länder eine Wahl, ob man politische Integration oder wirtschaftliche Integration wollte. Sobald Britain der Europäischen Union beitrat, hatte niemand mehr die Wahl dieser zwei Möglichkeiten. Und ich glaube, man muss diese Alternative wieder neu erwecken und sich anschauen innerhalb Europas: Was ist das Verhältnis zwischen Staaten und Ländern?

Brink: Welche Rolle sollte denn da Deutschland Ihrer Meinung nach spielen, welche Rolle würden denn die Briten akzeptieren?

Stuart: Hier ist es unwahrscheinlich schwierig für Deutschland, denn politisch kann Deutschland ...

Brink: Also sagen Sie, pardon, Sie sagen also, egal was die machen, sie liegen immer falsch?

Stuart: Ja, ich glaube, ... Überlegen Sie sich das Mal. Im Augenblick - entweder bezahlt Deutschland weiterhin die Rechnung, die man ihr präsentiert, und dann wird Deutschland als guter Europäer betrachtet. Aber auf die lange Sicht ist auch Deutschlands Wirtschaft nicht stark genug, dass Jahr über Jahr über Jahr zu bezahlen. Deutschland hat die Wahl, entweder als der schlimme Bube der Europäischen Union gesehen zu werden, oder man sich selber wirtschaftlich schwächt. Deutschland muss politisch die Entscheidung treffen, ob es entweder die Idee Europas realistisch neu betrachtet, oder über mehrere Jahre hin sich ... wirtschaftlich geschwächt wird.

Brink: Aber dennoch sagen Sie ja - und das ist ja ein interessanter Punkt -, eigentlich muss Deutschland politisch und auch intellektuell in der Definition, wie dieses Deutschland aussehen muss, eigentlich ja vorangehen.

Stuart: Es muss, und es muss dann auch akzeptieren, dass Europa mit 17 und mehr Ländern in einer Währungseinheit, dass es praktisch und wirtschaftlich ganz einfach nicht möglich ist. Und das ist politisch so schwierig, denn es definiert Deutschlands Rolle im gesamten Europabild, nicht nur in der Europäischen Union, aber das geografische Europa.

Brink: Also muss sich Deutschland auch neu erfinden in seiner Rolle?

Stuart: Ich glaube, Deutschland muss sich wirklich ... ganz einfach mal stillstehen und sagen: Was sich in dem letzten Jahrhundert abgespielt hat, war wichtig und definierend für unsere Zukunft, aber es ist jetzt neu, und wir müssen uns wirklich entscheiden, was nicht nur in unserem Interesse, aber auch im Interesse anderer Länder ist, und das ist: Man muss wirtschaftlich wettbewerbsfähig sein. Und das ist, was Europa in den letzten Jahren verloren hat und auch Deutschland.

Brink: Abschließende Frage: Müssen die Deutschen das dann nicht aushalten, diese Kritik? Sind sie denn manchmal so empfindlich nach dem Motto, wir wollen immer geliebt werden - aber das wird in Zukunft wahrscheinlich nicht funktionieren?

Stuart: Jeder Politiker weiß, dass Geliebtwerden zwar ganz schön ist, aber darum geht es nicht. Man muss respektiert werden und vor allem, als Politiker: Man muss für die Wähler eine wirtschaftlich erfolgreiche Position schaffen. Und ich glaube, für Deutschland - geliebt zu werden, ja, aber Deutschland muss jetzt auch Verantwortung übernehmen, und das meint auch ganz oft, unbeliebt zu sein.

Brink: Gisela Stuart, britische Parlamentsabgeordnete der Labour-Partei. Das Gespräch haben wir aufgezeichnet.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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