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"Deutschland hat unsere Revolution entschlossen unterstützt"

Ägyptischer Botschafter Higazy betont Partnerschaft

Mohamed Abdelhamid Ibrahim Higazy im Gespräch mit Hanns Ostermann

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi will am Mittwoch Berlin besuchen.
Ägyptens Präsident Mohammed Mursi will am Mittwoch Berlin besuchen. (picture alliance / dpa)

Der ägyptische Botschafter, Mohamed Abdelhamid Ibrahim Higazy, hebt vor dem Berlin-Besuch seines Staatspräsidenten Mohammed Mursi am Mittwoch das besondere Verhältnis zur Bundesrepublik hervor. Deutschland zähle zu den wichtigsten und verlässlichsten Partnern.

Hanns Ostermann: Die einen lassen ihrer Freude freien Lauf, ihr Siegestaumel kennt kaum Grenzen – die anderen sind rasend wütend, sie stürmen Gefängnisse, plündern Geschäfte. Ägypten ist gespalten, und das zwei Jahre nach der Revolution. Gewalt beherrscht das Land und Sprachlosigkeit, denn die Opposition lehnt Gespräche am runden Tisch ab.

Morgen kommt Präsident Mursi nach Berlin, ganz sicher wird dann auch darüber gesprochen, wie beide Seiten einen Weg aus der tiefen Krise finden. Ich habe mit dem Botschafter Ägyptens in Deutschland gesprochen, mit Doktor Mohamed Abdelhamid Ibrahim Higazy. Sollten Ihre Kinder in Kairo oder einer anderen Stadt Ägyptens studieren oder arbeiten, hätten Sie derzeit große Angst um sie?

Mohamed Abdelhamid Ibrahim Higazy: Ich muss Ihnen sagen, was jetzt gerade in Ägypten geschieht, ist im Zusammenhang eines Übergangs zu sehen: eines Übergangs nach einer Revolution, die viele Fährnisse mit sich bringt. Wenn meine Kinder in Ägypten zur Schule gingen, dann würde ich mir normalerweise keine Gedanken machen.

Selbstverständlich würde ich mir schon Sorgen machen angesichts der gegenwärtigen Umstände. Wir haben aber bereits politische Maßnahmen ergriffen, um die Situation zu befrieden und auch voranzubringen, und insbesondere um alle Parteien um einen runden Tisch zusammenzuführen, wo eine gemeinsame Anstrengung unternommen wird. Wir versuchen einen Ausweg zu finden, wo sowohl die Opposition wie auch die Regierung einen gemeinsamen Weg zum Frieden finden, sodass letztlich die Ruhe wieder einkehrt.

Ostermann: Aber wenn es einen Ausnahmezustand für einige Städte gibt, und zwar 30 Tage lang, dann erinnert das an die Strategie des Mubarak-Regimes.

Higazy: Nun, ganz im Gegenteil ist das eine sehr befristete Zeit, um die Ordnung wieder herzustellen und um Elemente zu erkennen, die in dieser Situation eine Eskalation verhindern. Und das dauert ja nur 30 Tage, im Vergleich zum Vorgängerregime, das diesen Ausnahmezustand über Jahre hinweg verhängt hat. Es sind also nur 30 Tage, um die Ordnung wiederherzustellen, um die Lebensumstände für das Volk zu vereinfachen und um der Zivilbevölkerung die Schwierigkeit der jetzigen Situation in der Lebensgestaltung zu erleichtern. Es ist also eine sehr befristete Zeit.

Ostermann: Die politische Lage ist verfahren und schwierig – mehr als schwierig –, auch die ökonomische Lage des Landes. Die Infrastruktur ist marode, es gab zwei schwere Zugunglücke. Wie wichtig sind die Milliarden, die der internationale Währungsfonds zur Verfügung stellt?

Higazy: Vielen Dank für Ihre Frage. Wie Sie gesagt haben, gab es nach der Revolution eine Zeit der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, doch die Volkswirtschaft ist im Grunde solide, die Maßnahmen zur Besserung sind ergriffen. Wir haben noch nicht die Unterzeichnung der Vereinbarung mit dem IWF getroffen, innerhalb von zwei Wochen glauben wir aber, das Dokument fertig abzuschließen. Diese zwei Milliarden Dollar sind aber nicht genau das, was wir brauchen.

Wir werden uns im Wesentlichen auf eigene Kräfte verlassen, wir werden uns auch auf unsere Internationalen Partner stützen. Wir haben auch eine Übereinkunft Ägyptens mit dem IWF, das ist für sich schon eine Botschaft. Es ist sehr viel wichtiger, wir haben 4,8 Milliarden und 15 Milliarden Dollar bis 2010 vereinbart, das BIP in Ägypten war das höchste in ganz Afrika und auch in den Ländern des mittleren Ostens. Wir haben im Moment einen Liquiditätsmangel, der wird sich aber beheben lassen. Selbstverständlich ist das Vertrauen unserer Partner richtig, wir bringen ihnen großes Vertrauen entgegen, aber vor allem stützen wir uns auf unsere eigenen Kräfte.

Ostermann: Ein Drittel des Haushaltes ist gepumpt in Ägypten. Welche Rolle spielt für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes Deutschland?

Higazy: Deutschland zählt zu den wichtigsten und verlässlichsten Partnern. Deutschland hat unsere Revolution entschlossen unterstützt, Herr Minister Westerwelle hat siebenmal Ägypten untersucht, allein in den letzten zwei Jahren, das ist für sich genommen schon ein Zeichen der Unterstützung. Die internationale Unterstützung und die Entwicklungsprojekte, die eine ganze Reihe von Ländern angestoßen haben, zählt auch Deutschland zu den wesentlichen Partnern, deshalb bringen wir Deutschland höchste Wertschätzung entgegen. Der Präsident wird höchstpersönlich auch gegenüber Kanzlerin Merkel seine Würdigung aussprechen.

Diese Transformationspartnerschaftspolitik, welche der deutsche Außenminister in die Wege geleitet hat, funktioniert sehr gut, dafür danken wir. Zunächst einmal, wir verlassen uns auf unsere eigenen Kräfte, wir verlassen uns zweitens auf unsere Partner, unter denen Europa eine ganz wichtige Rolle spielt, und insbesondere Deutschland, das hier eine hohe Verantwortung trägt, um die ägyptische Volkswirtschaft zu stützen und die Revolution auch zu bekräftigen. Und deshalb glaube ich, dass Deutschland ein Partner auf dem Weg zur Zukunft ist.

Ostermann: Der Botschafter Ägyptens in Deutschland, Doktor Mohamed Abdelhamid Ibrahim Higazy. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Higazy: Vielen Dank! Thank you very much!


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