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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.09.2010

Deutsches Gedenken

Über gegenläufige historische Narrative

Von Ernst Piper

Sonnenlicht fällt in die Neue Wache in Berlin. (AP)
Sonnenlicht fällt in die Neue Wache in Berlin. (AP)

Mit dieser Entscheidung für den 3.Oktober offenbart sich ein doppeltes Dilemma. Für die nachwachsende Generation ist das, was dieses Land seit 1945 geprägt hat, nur noch Geschichte, ihr ist der 17. Juni so fern wie die Revolution von 1848.

Gleichzeitig stehen die unterschiedlichen Memorialkulturen, die sich in den beiden deutschen Teilstaaten herausgebildet haben, noch immer unversöhnt einander gegenüber. Auch in der neuen Gedenkstättenkonzeption des Bundes steht wieder der Leitsatz: "NS-Verbrechen dürfen nicht durch die Auseinandersetzung mit dem Geschehen der Nachkriegszeit relativiert werden, das Unrecht der Nachkriegszeit darf aber nicht mit dem Hinweis auf die NS-Verbrechen bagatellisiert werden." So richtig diese Feststellung ist, so wenig ist sie in den Köpfen und Herzen der Menschen angekommen.

Die Bundesrepublik und die DDR waren wie siamesische Zwillinge durch ihre Herkunft unauflöslich miteinander verbunden, aber sie waren feindliche Brüder, die einander entgegengesetzten Wertegemeinschaften und sozialen Systemen angehörten. Die Bundesrepublik bekannte sich dazu, in der Tradition deutscher Staatlichkeit zu stehen und nahm damit auch das kulturelle und geistige Erbe der Deutschen für sich in Anspruch, während die DDR sich als den Staat sah, in dem das antifaschistische Deutschland die Macht errungen hatte, und so bemüht war, sich gewissermaßen zu den Siegern des Zweiten Weltkriegs zu zählen. Antitotalitarismus hier und Antifaschismus dort waren die geistigen Waffen des Kalten Krieges.

Die innerdeutsche Systemkonkurrenz ist Geschichte. Doch die gegenläufigen historischen Narrative der beiden deutschen Teilstaaten konkurrieren weiterhin miteinander. Es ist bedrückend zu sehen, wie in den Gedenkstätten mit doppelter Vergangenheit, etwa in Torgau oder in Oranienburg, die rivalisierenden Opfergruppen, die Opfer des NS-Regimes und die Opfer des Stalinismus, erbittert um jeden Quadratmeter Ausstellungsfläche und um die richtigen Standorte für Gedenktafeln miteinander ringen.

Das offizielle Berlin begeht am 27. Januar seit einiger Zeit den Holocaust-Gedenktag. Die zentrale Demonstration des SED-Staates fand jedes Jahr am 15. Januar zur Erinnerung an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht statt und noch heute pilgern Zehntausende, die vielfach der Linkspartei nahestehen, zu den Gräbern der 1919 ermordeten Revolutionäre.

Während in der Bundesrepublik die Männer des 20. Juli nach dem Remer-Prozess zu zentralen Helden des Widerstands emporwuchsen, galten sie in der DDR als "reaktionäre Agenten des US-Imperialismus". Dort pflegte man dagegen das Andenken an die Rote Kapelle, die im Westen weitgehend totgeschwiegen wurde, weil an dieser durchaus beachtlichen Widerstandsgruppe auch Kommunisten beteiligt waren.

In der Bundesrepublik hat es Jahrzehnte gedauert, bis die ganze entsetzliche Wahrheit über die Grauen der Judenvernichtung den Menschen wirklich zu Bewusstsein kam. Heute steht Auschwitz im Zentrum unserer Erinnerungskultur. Das ist gut und richtig. Es kann aber nicht darum gehen, gleichzeitig alles andere zu marginalisieren.

Als sich seinerzeit konservativer Widerspruch dagegen erhob, dass in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand auch der kommunistische Widerstand dokumentiert wird, hat sich der wissenschaftliche Leiter der Einrichtung, Peter Steinbach, zu Recht dagegen verwahrt. Die Gedenkstätte zeigt heute den politischen Kampf gegen den Nationalsozialismus, die vielfältigen Formen des Widerstehens aus christlicher Überzeugung, die militärischen Umsturzversuche, die aktive Konspiration entschiedener Regimegegner im Zentrum der Macht und auch die Opposition von Jugendlichen und erschließt so den Widerstand in seiner ganzen Komplexität.

Von einer gesamtdeutschen Erinnerungskultur, die der deutschen Geschichte der letzten 100 Jahre in dieser Weise gerecht wird, sind wir noch weit entfernt. Sie zu entwickeln ist eine zwar schwierige, aber deswegen nicht weniger lohnende Aufgabe. Auch daran sollten wir denken, wenn wir in wenigen Tagen den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung feiern.


Ernst Piper, 1952 in München geboren. Er hat Geschichte, Philosophie und Germanistik studiert und lebt heute mit seiner Familie in Berlin. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, unter anderem eine "Kurze Geschichte des Nationalsozialismus" (Hamburg 2007). Piper ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam.

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