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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.10.2006

Deutscher Buchpreis geht an Katharina Hacker

Jury würdigt "Die Habenichtse" als bemerkenswertes Zeitphänomen

Von Dirk Fuhrig

Lesen auf der Buchmesse in Frankfurt am Main. (AP)
Lesen auf der Buchmesse in Frankfurt am Main. (AP)

Der Deutsche Buchpreis ist noch jung. Kurz vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse wurde er zum zweiten Mal vergeben. Die Wahl der Jury fiel auf Katharina Hacker und ihren Roman über die Orientierungslosigkeit einer Generation.

"Den Deutschen Buchpreis 2006 für den Roman des Jahres verleiht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels an Katharina Hacker für 'Habenichtse'."

Spannend wie die Oscar-Verleihung machten sie es wieder, bei dieser zweiten Ausgabe des Deutschen Buchpreises. Frankfurt am Main ist zwar nicht ganz Hollywood, aber im Kaisersaal des Frankfurter Römer wurden früher immerhin die deutschen Kaiser gekürt.

Die Kaiserin der Bücher diesmal: Katharina Hacker mit ihrem Roman "Die Habenichtse".

"Ich danke den Stiftern und den Gastgebern und der Jury. Vor allem der Jury. Ich habe zweimal einer Jury angehört und weiß deswegen ein ganz bisschen, wie das ungefähr ist und weiß auch, dass es eine ganz ungeheuerliche Tapferkeit braucht, um zu einer Entscheidung zu kommen."

Mit der Wahl der 1967 geborenen Katharina Hacker hat sich die Jury für eine bereits etablierte Autorin entschieden, die allerdings eher für kleine feine Bücher gut war, aber nicht unbedingt in die Riege der Bestseller-Schreiber gehörte. Hacker wurde in Frankfurt geboren und hat dort studiert. Soeben war sie Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim – was ein Stadtteil von Frankfurt ist. Ein Heimspiel also für die einzige Frau auf der Liste der letzten sechs.

Volker Hage, Literatur-Redakteur des "Spiegel", war der Vorsitzende der siebenköpfigen Jury aus Journalisten, Buchhändlern und Autoren. Er begründete die Wahl so:

"Das war eine wirklich schwierige Wahl, weil wir sechs interessante Titel hatten. Es gab auch sehr unterschiedliche ästhetische Vorstellungen. Es war eine sehr kämpferische Jury, muss man sagen. Dieser Roman ist tatsächlich auf einer sehr hohen Qualitätsstufe angesiedelt, was möglicherweise den Erfolg beim Publikum etwas zurückstehen lässt gegenüber dem Vorjahr. Dieses ist der Roman, der eine bestimmte Generation sehr gut kennzeichnet, die etwas hilflos durch diese Welt gehen."

Katharina Hackers Figuren reiben sich im alltäglichen Beziehungskrieg auf. Liebe, Schicksal, Sinn des Lebens - eingerahmt von den Ereignissen des 11. September, werden existentielle Probleme verhandelt. Finanziell sind die beiden Protagonisten gut ausgestattet. Aber sie sind auch orientierungslos und unfähig zu Nähe und menschlicher Tiefe. Diese Themen schienen für die Jury den Geist der Zeit offenbar besser zu repräsentieren als etwa Ingo Schulze mit seinem köstlichen und hochironischen deutsch-deutschen Wenderoman "Neue Leben", der es ebenso auf die so genannte Shortlist geschafft hatte wie das sensationelle Romandebüt von Sasa Stanisic mit dem Titel "Wie der Soldat das Grammofon repariert". Doch für den 28-jährigen Nachwuchsschreiber war schon das Dabeisein alles:

" Ich bin hergekommen mit meinem ersten Roman. Das übersteigt schon alle meine Erwartungen, hier zu sein. Ich fand es auch eine nette Veranstaltung. Ich habe zwei Romane gelesen, Katharina Hacker und Ingo Schulze und fand, es hat echt eine gute Siegerin gefunden. Ich fand es echt super, ich fühle mich auch mit diesen Blumen hier jetzt wie ein Gewinner."

Sonnenblumen für den Jungautor. Schon die Auswahl für die Endausscheidung der letzten Sechs hatte den Nominierten jeweils 2500 Euro und große Beachtung in und außerhalb der Feuilletons beschert. Die Siegerin bekommt jedoch zehnmal so viel, nämlich 25.000 Euro.

Geht es nach dem Willen des Börsenvereins, soll sich der heute vergebene Buchpreis zu einer Art deutschem Booker Prize oder Prix Goncourt entwickeln – beides medial heftigst gepuschte Auszeichnungen, die den Gewinnern Besteller-Auflagen und Popularität garantieren.

"Ich habe mir oft bei Lesungen und bei Veranstaltungen gewünscht, dass ich ein bisschen berühmter wäre als ich tatsächlich bin, weil ich dann etwas tun könnte, was ich gerne tun möchte. Und den Wunsche erfülle ich mir jetzt. Ich möchte gar nichts über mein Buch sagen, sondern über eines, das ich gerade lese und grandios fide, und das ist 'Älter werden' von Silvia Bovenschen. Lesen Sie alle 'Älter werden' von Silvia Bovenschen."

Bescheidenheit ziert auch eine erste Preisträgerin. Die Termine für Lesungen und Pressegespräche auf der morgen beginnenden Frankfurter Buchmesse sind für Katharina Hacker jedenfalls schon dicht gedrängt. Auch der Glückliche des vergangenen Jahres, Arno Geiger, hätte jedenfalls keine 200.000 Exemplare seines Buchs verkauft, ohne die Ehrung, so ist zu vermuten.

"Die Habenichtse" ist also DER deutschsprachige Roman des Jahres 2006. So sagt es die Jury des Deutschen Buchpreises.

Ob dieser Deutsche Buchpreis in Zukunft wirklich zum deutschen Groß-Preis wird, der etwa dem Büchner-Preis Paroli bieten kann, das muss man allerdings erst noch abwarten. Zumindest in Detailfragen ist das Prozedere noch verbesserungswürdig – meint ein Fachmann für populäre Literaturvermittlung

"Dieser Preis wird sich etablieren, dass ist gar keine Frage. Das einzige, was mich an diesem Preis stört, ist dass es offensichtlich keine deutschen Worte gibt für 'Shortlist' und 'Longlist'."

Wahrscheinlich hat Ulrich Wickert recht: Ein echter Deutscher Buchpreis braucht vor allem gute Bücher. Und nicht nur scheinbar griffige Formeln.

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