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Studio 9 | Beitrag vom 27.01.2016

Deutsche Senioren im NachbarlandZur Pflege nach Polen

Von Ernst-Ludwig von Aster und Anja Schrum

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Eine Bewohnerin sitzt am 05.06.2014 in Neu-Isenburg (Hessen) im Altenpflegeheim "Am Erlenbruch" im Rollstuhl in ihrem Zimmer. (picture-alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Die Pflege im benachbarten osteuropäischen Ausland ist oft günstiger für die Angehörigen. (picture-alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Sie heißen "Seniorenresidenz an der Oder" oder "Heiterer Herbst" und bieten Pflege in Polen für Senioren aus Deutschland an. Bislang werden nur einige Tausend deutsche Pflegebedürftige in Osteuropa betreut - doch Angebote und Interesse nehmen zu.

"Ist doch nicht weit, ganz schön in der Nähe, ojejejej…"

Vorsichtig schiebt die Elisabeth Studniearz ihren Rollator über den holprigen Sandweg. Mit kleinen Schritten, den Gehstock in der rechten Hand, tippelt ihr Mann Tadeusz hinterher. Beide haben sich fein gemacht für ihre Einkaufstour: Die 78-Jährige mit lila geblümter Bluse und Tuch um den Hals, der 85-Jährige in Jeans, heller Jacke und Schiebermütze

"Hier kann man so toll einkaufen, … immer dreimal die Woche, Dienstag, Donnerstag und Samstag …"

Der kleine Markt liegt 300 Meter von ihrem neuen zuhause entfernt. In Zabelkow an der Oder.

"Wir sind ab 1. November sind wir hier, aus Ratingen, bei Düsseldorf. "

"Wir haben uns entschieden hier, weil wir nicht jünger werden nur immer älter und die Kräfte lassen auch nach. Wozu sollen wir den Kindern zur Last fallen."

Zielstrebig schiebt sie den Rollator weiter. Sie wurde 70 Kilometer nordöstlich von hier geboren, in Zabrze, das damals, 1936, noch Hindenburg hieß und zu Deutschland gehörte. Als in Polen 1981 das Kriegsrecht ausgerufen wurde, gingen ihre Kinder nach Deutschland. Sie und ihr Mann folgten kurze Zeit später. Sie bauten sich im Ruhrgebiet eine neue Existenz. Eigentlich wollten wir dort bleiben, sagt die Rentnerin.

"So ist das Leben, man kann sich nicht aussuchen, man kann sich nicht aussuchen."

Vorsichtig manövriert sie den Rollator über den Bordstein, steuert auf einen kleinen Obststand zu.

"Die Erdbeeren sind lecker und nicht teuer, da muss man noch die Zeit ausnutzen, das ist Saisonsache…"

Die Kinder sollten nicht dazuzahlen müssen

Weiter geht es, über den neugepflasterten Platz. Gut zwei Dutzend Stände reihen sich aneinander. Vor kleinen Holz- und Metallbuden präsentieren Händler ihr Angebot, warten auf Kundschaft.

Dobre, dzen dorbre, dzen dobre, …

"Schauen Sie, sind das nicht schöne Kleider?"

20 Jahre hat sie einen Kindergarten geleitet, ihr Mann als Steiger im Bergbau gearbeitet. Als es im Alter gesundheitlich bergab geht, bei ihr die Beine immer mehr Probleme machen, ihr Mann immer vergesslicher wird, beginnt sich das Paar über die Betreuungskosten in deutschen Pflegeheimen zu informieren. Sie rechnen mit dem finanziell Schlimmsten, dem Höchstsatz:

"Können Sie 3400 pro Person bezahlen? Und hier zahlen wir 2200 für zwei Personen, stellen sie sich vor, das ist schon unterschiedlich."

In Deutschland hätten die Kinder am Ende dazuzahlen müssen, das ist ihre Befürchtung. Der Sohn ist 58, die Tochter 47.

"Die müssen auch noch arbeiten die Kinder, die Enkel auch, wir haben nur einen Enkel und da wollen wir da nicht zur Last fallen eigentlich. Und da haben wir gesagt, weil hier günstiger ist als in Deutschland, so kann man das sagen, laut, das stimmt doch."

Die 78-Jährige nickt. Hier kommen sie finanziell allein über die Runden. In Deutschland wären sie auf staatliche Hilfe oder die ihrer Kindern angewiesen gewesen. Die aber waren von der Ruhestandsplanung ihrer Eltern gar nicht begeistert.

"Die fanden das nicht so toll, nein, warum wollt ihr uns verlassen? Aber das ist nicht Ende der Welt. Die kommen mit dem Flieger, der Sohn war jetzt nach Ostern bei uns, mit dem Enkel, fast zwei Wochen waren die bei uns, ja."

Weiter geht es zwischen den kleinen Marktständen hindurch. Dann stoppt das Pärchen kurz vor einem Möbelstand.

"Dzen dobre, hier haben wir unsere Sessel gekauft."

Nur das Keyboard haben sie mitgenommen

Ihre ersten neuen Einrichtungsstücke in Polen. Aus Deutschland haben sie fast nichts mitgebracht…

"Wir hatten auch ein schönes Auto in Deutschland, Mercedes C-Klasse (weint fast), alles weg, alles verkauft, alles verschenkt, ja, was sollte man machen. Dann habe ich ein Keyboard noch mitgenommen. Und einen kleinen Tisch."

Sie kämpft kurz mit den Tränen. Schiebt dann den Rollator durch eine kleine Lücke zwischen den Ständen zurück auf den Sandweg, "Unsere Abkürzung", flachst die Rentnerin.

Eine halbe Stunde später sitzen die beiden in ihrem Zimmer. Machen es sich in den neuen Sesseln bequem, genießen die Erdbeeren. Ein heller Raum, ebenerdig, 31 Quadratmeter mit großen Fenstern, schönem Badezimmer. Die beiden Pflegebetten haben sie zu einem Ehebett zusammengerückt. Die 78-Jährige stemmt sich aus dem Sessel, geht einige Schritte zu einem kleinen Tisch. Dort liegt ihr Keyboard.

"Ach ja, bisschen steif sind die Finger, aber ich probiere es einfach… los geht’s."

Die Rentnerin setzt sich, lehnt sich leicht zurück, schließt kurz die Augen, greift dann konzentriert in die Tasten und spielt einen Chris Roberts- Hit von 1974: "Du kannst nicht immer 17 sein".

Ihr Mann lauscht lächelnd aus dem Sessel. An der Wand hängen Erinnerungsfotos. Aus ihrer Jugend. Von ihren Kindern, vom Enkel. Jede Woche kommt eine deutschsprachige Ärztin in ihrer Seniorenresidenz vorbei, die Physiotherapeutin arbeitet nur wenige Räume weiter. Vier mal am Tag wird Essen serviert.

Auf dem Tisch steht ein großer Flachbildfernseher, den hat ihr Sohn besorgt. Nachmittags gucken die beiden deutsche Serien: mal Forsthaus-Falkenau, mal Schlosshotel Orth, vor dem Abendessen läuft ein Boulevardmagazin, danach kommt jeden Abend die Tagesschau. Deutsches Programm in Polen...

"Man kann nicht immer 17 sein.., hahaha."

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