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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.09.2013

Deutsche Rufe: Montagsdemonstration

Die Geschichte eines Wortes, das zum Begriff geworden ist

Von Thilo Schmidt

Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (AP Archiv)
Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (AP Archiv)

Deutschland 1989. Der Massenflucht aus der DDR folgt der Massenprotest in der DDR. Aus Worten der Unzufriedenheit entwickelten sich Rufe nach Veränderungen. Aus privaten Ansichten wurden öffentliche Meinungen. Aus montäglichen Protesten entstanden gewaltige Montagsdemonstrationen. Damals, erst in Leipzig, dann DDR-weit. Doch da hießen sie noch nicht Montagsdemos.

Aus Kundgebungen werden Umzüge, aus Umzügen werden Demonstrationen. Aus Demonstrationen werden Massendemonstrationen. Montag für Montag.

Kapitel eins: Chronik der Montage - Chronik der Demontage

Dem montäglichen Ruf nach einer demokratischen Neuordnung der DDR und dem Ende der Vorherrschaft der SED folgten erst Hunderte, dann Tausende, dann Hunderttausende. "Montagsdemonstration" wurde ein deutscher Ruf. Doch woher kam der Begriff "Montagsdemonstration"? Wer rief ihn zuerst?

"Ich hab da überhaupt keine zeitliche Vorstellung ... "

Uwe Schwabe, Bürgerrechtler und Montagsdemonstrant der ersten Stunde.

"Montagsdemonstrationen im Anschluss an die Friedensgebete gab's ja schon seit 1988. Was viele gar nicht wissen. Die sind ja nicht erst im Herbst 1989 entstanden, sondern schon im Herbst 1988 gab's die ersten Montagsdemonstrationen vor allen Dingen zur Messe."

Wonneberger: "Kann ich mich nicht erinnern. Das ist also bestimmt ... "

Christoph Wonneberger, damals Pfarrer und Koordinator der Leipziger Friedensgebete.

" ... vielleicht vier Jahre nach 1989, denk ich."

Leipzigs Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube auf einer Montagsdemonstration im Jahr 1991 (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)Leipzigs Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube auf einer Montagsdemonstration im Jahr 1991 (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)Also 1993? Oder doch schon 1988? Wird die Bezeichnung vielleicht im Rückblick selbstverständlich verwendet, obwohl es sie im Herbst 1989 noch gar nicht gab? Das legt auch die Recherche in den Unterlagen der Staatssicherheit nahe: Viele Akten wurden nachträglich mit dem Begriff "Montagsdemonstration" verschlagwortet, obwohl er dort gar nicht geschrieben steht. Gesine Oltmanns, Bürgerrechtlerin, ebenfalls Montagsdemonstrantin der ersten Stunde.

"Der Begriff ist mir selber erst durch die Medien begegnet, ich denke auch, dass das ein medialer Begriff ist, den wir selber so nicht gestellt haben oder erklärt haben."

Kundgetan und demonstriert wurde stets nach den Montags-Friedensgebeten. Saskia Paul, die heute für das "Archiv Bürgerbewegung Leipzig" arbeitet:

"Selbst im Frühjahr '89 hat es schon immer nach den Friedensgebeten Treffen gegeben, die Polizei war oft da. Dieses sich Montag zu treffen, war auch so ein Ruf: Nächsten Montag wieder hier, oder: Nächsten Montag sind wir wieder da ..."

Pfarrer Christoph Wonneberger gilt als Geburtshelfer der Montags-Friedensgebete. Auf seine Anregung rief bereits 1982 eine Gruppe von Wehrdienstverweigerern ein Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche ins Leben. Doch die Vorgeschichte der Montags-Friedensgebete reicht noch weiter zurück – bis ins Jahr 1968. Und in die BRD.

"Ich hab so 'ne Idee gehabt schon in den 60ern, da gab es ein Vorbild für mich, also da gab's in Köln so ein politisches Nachtgebet. Der Anlass war zum Beispiel Vietnamkrieg. Und das hab ich sozusagen als Student damals gespeichert. Und dann ist mir 82, oder schon so 80, ist mir das so eingefallen. So gesagt: Aha. Das könnte man sozusagen ein bissel als Vorbild nehmen. Und daraus hat sich dann das Friedensgebet ergeben, ja?"

"Und es wurden verschiedene Themen dort diskutiert. Die Verhältnisse zur dritten Welt, Umwelt, Wehrdienstfragen ... und als ich 1984 das erste Mal bei den Friedensgebeten war, da saßen da 20 Leute in der Nikolaikirche."

Uwe Schwabe gründet 1987 die "Initiativgruppe Leben", eine der Basisgruppen, die die Montags-Friedensgebete mitgestalteten. Der Initiativgruppe Leben gehörte auch Jochen Läßig an.

"Man darf sich das nicht so vorstellen, dass das eine Aktion der Kirche war. Das war es nicht, sondern die Kirche hat ihre Türen aufgemacht. Und hat es praktisch toleriert, obwohl sie es an vielen Stellen nicht geteilt hat, dass dort politische Reden gehalten worden sind. Sehr zwiespältig, zum Teil verzagt, und zum Teil aber dann doch wieder unterstützend ..."

Das Dach der Kirche bot relativen Schutz vor dem Zugriff des Staates. Dennoch: Der Druck auf die Kirchenvorstände war enorm. Koordinator der Friedensgebete, die vor allem, aber nicht nur in der Nikolaikirche abgehalten wurden, war Christoph Wonneberger, Pfarrer der Lukaskirche in Leipzig-Volkmarsdorf.

"Es muss immer ein Konflikt geben, an der Stelle. Und dass ich sozusagen mit diesen Gruppen nicht bloß verbunden war, sondern ich hab sie auch gesammelt. Und gesucht! Und insofern war sozusagen der Konflikt am Anfang schon angelegt."

1987 gründet Wonneberger selbst eine Oppositionsgruppe, die Arbeitsgruppe Menschenrechte. Die Staatssicherheit, die ihn als "feindlich-negativ" einstuft, reagiert mit Zersetzungsmaßnahmen.

Zu den Montagsgebeten und zu den Bürgerrechts- und Oppositionsgruppen, die eine andere DDR wollen, stoßen ab 1988 Ausreisewillige, die aus der DDR herauswollen. Man ist sich etwas fremd.

"Das hat mit dem Überfall auf die Umweltbibliothek zu tun, im Herbst 1987, wo dann ganz viele Ausreiseleute in den Westen abgeschoben wurden, Das haben natürlich viele Leute, die selber gerne raus wollten, gemerkt, und die sind dann reihenweise in die Umweltbibliothek nach Berlin gerannt und haben sich dort in die Bücher eintragen lassen, in die Benutzerbücher, bloß um dort irgendwie gesehen zu werden. Und in Leipzig, ab Februar 1988 waren die Friedensgebete auf einmal voll. Da war die Nikolaikirche voll, da waren 400 Leute auf einmal drin, Und zwei Drittel, würde ich heute sagen, waren Leute, die eigentlich raus wollten."

Kapitel zwei. Eine Idee findet Beine

"Die Kirchenleitung, und auch die beiden, die hier in Leipzig verantwortlich waren, also Superintendent Magirius und Herr Führer, die sind mehrmals aufgefordert worden, das zu unterbinden und dem Einhalt zu gebieten, auch mit der Drohung, die gesamte Kirchgemeinde auf LKWs zu verladen und einzusperren. Diese Basisgruppen, wie wir sie damals genannt haben, die durften dann nicht mehr auftreten, ne Zeit lang, ein paar Monate, das war im Sommer 1988."

Der Evangelische Superintendent Friedrich Magirius setzt Pfarrer Wonneberger nach der Sommerpause 1988 als Koordinator der Friedensgebete ab.

"Innerhalb von drei Tagen bin ich sozusagen abgesetzt worden, und nicht mal mündlich, sondern schriftlich ... aus dem Urlaub kommend. Und ich war zuständig für das nächste Friedensgebet. Wir waren dabei, das gerade vorzubereiten. In unserer Menschenrechtsgruppe. Und da platzte dann plötzlich also dieser Brief dazu. Das war schon natürlich ein Hammer."

Nicht nur der Staat drängt die Oppositionellen ins Abseits – sondern nun auch die Kirche.

" Die Gruppen haben sich dann demonstrativ in den hinteren Teil der Nikolaikirche gestellt, mit einer Mundbinde 'Redeverbot'. Und dann sind sie demonstrativ nach dem Friedensgebet rausgegangen auf den Nikolaikirchhof, haben sich dann auf so abgelagerte Betonplatten gestellt und haben dort Informationen gegeben. Heute sag ich immer: Man muss der Kirche dankbar gewesen sein, dass sie das gemacht haben, weil dadurch natürlich der öffentliche Raum erobert wurde."

Die Friedensgebete finden für einige Monate ohne die Mitwirkung der Gruppen statt.

"Pfarrer Führer hat sich dann mit seinem Kirchenvorstand in der Weise entschieden, die Gruppen schon einzubinden, aber unter starker Zensur. Also die Gruppen durften gestalten, aber es musste immer ein verantwortlicher Pfarrer dabei sein, die Gebetsanliegen mussten vorher abgesprochen sein, also das war alles nicht mehr interessant für die Gruppen."

Aber: Der Schritt von der Kirche hinaus auf die Straße ist getan – und kann und will nicht mehr zurückgenommen werden.

"Die Ausreiser sind zwar alle da geblieben, die brauchten unbedingt das Dach. Weil die wollten ja ihre privaten Sachen durchziehen. Das war der Unterschied zwischen den Gruppen. Die haben nicht ihre privaten Sachen verfolgt. Sondern die hatten ein öffentliches Anliegen. Die haben ein anderes Podium sich gesucht. Vor der Kirche. Um einfach der Zensur zu entgehen."

Oltmanns: "Und das war der Schritt, zu lernen, sich auf der Straße zu artikulieren. Sich unabhängig von dem kirchlichen Schutzraum zu artikulieren als Opposition."

Pfarrer Wonneberger sucht weiterhin die Nähe der Gruppen.

"Sie haben natürlich das versucht, irgendwie niederzuhalten. Und gesagt: Ihr müsst die Gruppen, und vor allem den Wonneberger, ihr müsst den irgendwie an die Kandare legen. Als Kirche ist das nicht eure Aufgabe. Und ich hab dann immer gesagt: Nein, es ist unsere Aufgabe! Insofern war Dauerkonflikt."

Kapitel drei. Jeden Montag einen Schritt weiter

Paul: "Also ich weiß, dass der Montag für die SED der Tag der Parteiversammlungen war. Also ich fand das immer damals schon mit diesen Parteiversammlungen ziemlich spannend. Irgendwie war das so dieser Tag, der eigentlich für dieses gesellschaftliche Engagement in der DDR vorgesehen war. Also in dem Fall SED."

Tag und auch Uhrzeit – das Friedensgebet begann um 17 Uhr - erweisen sich als hilfreich. Sie ermöglichten eine Teilnahme nach Feierabend, die Geschäfte der Innenstadt waren aber noch geöffnet.

Wonneberger: "Ganz am Anfang gab's ja viele Leute, die als Tramper dabei waren, zum Beispiel. Bei jungen Leuten. Ne? Und das heißt, dass man dann am Abend noch irgendwo hinkommt, wieder. Insofern war's gut, dass es eben nicht erst ne Veranstaltung für den Abend war."

Das Friedensgebet am 04. September 1989 markiert einen Scheitelpunkt in der Geschichte der Friedlichen Revolution in Leipzig. Die Demonstration im Anschluss wird heute – nicht ganz korrekt – als die erste Leipziger Montagsdemonstration bezeichnet.

Schwabe: "Am 4. September, das war so ein entscheidender Tag. Die ganze Sommerzeit die Massenflucht, die Botschaftsbesetzung, die Massenflucht über Ungarn, über die CSSR. Und dann fing das Friedensgebet nach der Sommerpause wieder an. Am 4. September. Das war das erste Friedensgebet. Und der Staat wusste, das ist ein ganz, ganz wichtiges Datum. Die haben ja auch versucht, den Nikolaikirchenvorstand unter Druck zu setzen, und verlangt, dass die Friedensgebete nicht beginnen am 4. September. Und das hat der Kirchenvorstand nicht zugelassen, er hat gesagt, die Friedensgebete finden statt, wie immer nach der Sommerpause, am ersten Septemberwochenende."

Und: In Leipzig ist, wie immer im Herbst, Mustermesse. Die Stadt steht im Zentrum der internationalen Öffentlichkeit. Westliche Journalisten dürfen sich frei in der Stadt bewegen. Einige Aktivisten haben Plakate hergestellt.

Läßig: "Also Spruchbänder sind's gewesen, auf Bettlaken. Die also schon richtig groß waren. Und die sollten also ganz gezielt für Westmedien hergestellt werden."

Tagesschau: "Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau ... Guten Abend, meine Damen und Herren. In Leipzig ist es am Abend nach einem Gottesdienst in der Nikolaikirche zu einer Demonstration von mehreren hundert Menschen gekommen."

Schwabe: "Und das war ein ganz wichtiges Datum, das wir dann auch gesagt haben, wir müssen ein Zeichen setzen, dass über die Medien nicht nur rüberkommt: Das sind ja nur Leute, die das Land verlassen wollen, sondern dass auch ganz viele Leute in diesem Land leben, die dort was verändern wollen."

Tagesschau: "Heute Abend um sechs, nach der traditionellen Friedensandacht: Friedlich verlassen die Menschen das Gotteshaus. Die Zivilfahnder des Staatssicherheitsdienstes sind auf Posten. Dann das erste Transparent. 'Für ein offenes Land mit freien Menschen', steht darauf, 'Reisefreiheit statt Massenflucht', heißt es auf anderen."

Oltmanns: "Ich kann mich an diese Situation ganz genau erinnern, weil das war für mich auch sehr schockierend, muss ich sagen. Wir hatten eben gedacht, wir sind doch verhältnismäßig geschützt, durch diese vielen Kameras, die da auch standen. Und dann kamen auf einmal so ne absolut hochleistungsmäßig trainierten Leute und rissen die Plakate uns aus der Hand, ja? Kathrin wollte es gar nicht loslassen, ja, die ließ sich dann noch auf dem Pflaster mitschleifen ... "

Tagesschau: "Die Demonstration dauerte vor einer halben Stunde noch an – Leipzig zur Zeit der Messe, während der die Stadt im Interesse einer weltweiten Öffentlichkeit steht."

Oltmanns: "Es war natürlich auch eingeladen worden, ne? Die Journalisten wussten einfach auch Bescheid, dass da was zu erwarten ist. Und das gab uns schon einen Schutz, in dem Sinne, dass wir auch an dem Tag nicht verhaftet wurden. Die staatlichen Organe waren natürlich unheimlich sauer, und haben dann am nächsten Montag, an dem 11. September, einschneidend zugeschlagen. Und haben sehr viele Leute verhaftet. Und sehr brutal."

Schwabe: "Sie haben dann gezielt auf dem Nikolaikirchhof Leute rausgerissen, die eine Woche vorher in der ersten Reihe standen. Da war die Messe vorbei, die Westmedien waren nicht mehr im Lande, und es sind keine Livebilder mehr vorhanden."

89 Demonstranten werden nach dem Friedensgebet am 11. September festgenommen. Einige von ihnen bleiben bis Mitte Oktober in Stasihaft.

Schwabe: "Als dann die 'Leipziger Volkszeitung' gegen diese Demonstrationen im Anschluss an die Friedensgebete polemisiert hat, und gesagt hat 'Rowdys in der Leipziger Innenstadt' ... die Leute haben das gelesen und haben gesagt, da muss ich doch ma hin, gucken! Da muss ich doch mal hingucken, was sind denn das für Leute? Und dann kamen die da hin, und dann kamen irgendwelche Leute aus der Nikolaikirche heraus mit Blumen in der Hand, und überreichten die den Polizisten, die dann schon zu 'nem bestimmten Zeitpunkt Ketten um die Nikolaikirche gemacht hatten."

Oltmanns: "Und an dem 18.9. kamen so viele Leute auch in die Innenstadt schon, um zu sehen, was da passiert auf dem Nikolaikirchhof, dass sich die Ketten öffneten, und auf einmal der Kirchplatz voller Menschen war. Die dann anfingen, die Internationale zu singen, da hab ich gedacht, das geht nicht mehr zurückzudrehen. Da war ich total glücklich an dem Abend, wirklich."

Und es werden jeden Montag mehr, die auf die Straße gehen. Am 4. September waren es 1000, am 25. September bereits 8000. Ausreisewillige, aber auch "Hierbleiber", die das Land verändern wollen. Sie demonstrieren gemeinsam.

Läßig: "Eigentlich früher sind die sich aus dem Weg gegangen, weil die sich geistig nicht so besonders nahestehen, die intellektuelle Bürgerbewegung ist ja eher mehr ideell eingestellt, hat vielleicht auch damals noch ... ja, sozialistische Ideale oder sowas gehabt, und die anderen wollten eigentlich nur ein besseres Leben und wollten so schnell wie möglich raus. Und wollten überhaupt nix mehr verändern ... "

Wonneberger: "Die erste wirkliche Demonstration, die wirklich dem entspricht, dem Anliegen, wo man Kräfte und Motive sammelt, innerhalb dieser Friedensgebete, das dann überschwappt auf die Straße, das denke ich, erst am 25. September. Das waren nicht diejenigen, die das Befördern wollten, in den Westen zu gehen. Sondern das waren die alle, die da bleiben wollten."

Demonstranten vor der Nikolaikirche in Leipzig. Nach einem Gedenkgottesdienst in der Leipziger Nikolaikirche am 9.10.1989 demonstrierten schätzungsweise 70.000 Menschen mit einem Protestzug durch die Innenstadt für demokratische Erneuerungen in der DDR. (picture alliance / dpa / Heikko_Saukkomaa)Demonstranten vor der Nikolaikirche in Leipzig. Am 9.10.1989 demonstrierten schätzungsweise 70.000 Menschen mit einem Protestzug durch die Innenstadt für demokratische Erneuerungen in der DDR. (picture alliance / dpa / Heikko_Saukkomaa)Am 7. Oktober feiert die DDR mit Prunk und Pracht ihren 40. Geburtstag, als sei nichts gewesen. Gleichzeitig kommt es in der Hauptstadt Berlin zu gewalttätigen Übergriffen gegen Oppositionelle. Zwei Tage später gehen 70.000 Leipziger zur Montagsdemonstration.

Schwabe: " ... und es hätte gar nicht besser kommen können. Weil viele haben natürlich gehofft, am 7. Oktober, es muss doch dieser Staat zugeben, dass hier vieles im Argen liegt. Und was macht der Honecker? Nöö. Is alles in Ordnung, ne? Warum sollen wir neu tapezieren, wenn der Nachbar es tut? Und darauf haben die Leute am 9. Oktober reagiert. Und das hat die Leute so wütend gemacht, das erklärt glaub ich auch die Zahl von 70.000, die da auf einmal auf der Straße waren."

Paul: "Aber es waren jeden Montag mehr Menschen da, man hat sich natürlich auch immer ein Stück sicherer in der Masse gefühlt, aber ich denke so dieses ganz Grundlegende ist natürlich so dieser 9. Oktober. Da wurde mir dann klar: Was wollen sie jetzt noch? Jetzt isses vorbei."

Kapitel vier: Aufbruch, Tragik und Sprachlosigkeit

Oltmanns: "Ja, irgendwie war ich auch sehr ausgepowert, dann im Herbst 89, durch die permanente Anspannung, in der man gelebt hat, ne? Wie der Jochen Läßig, der gesagt hat, dann studier ich eben erst mal, nach nem Jahr Neues Forum, hat's ihm dann irgendwie gereicht.

Oder der Michael Arnold, der dann nach fünf Jahren Landtag gesagt hat: Nee, da mach ich nicht mehr mit. Es sind dann auch schon persönliche Sachen wichtig geworden. Die vorher uns verschlossen waren. Das ist schon was Tragisches, dieses Jahr '90. Ich denke es musste erst mal ein Selbstbewusstwerden passieren bei den DDR-Bürgern. Und das ist nie passiert, das merkt man ja heute noch. Da gab's zu wenig Spielraum und da gab's zu viel neue Ausrichtung auf D-Mark und auf Reisefreiheit und so, die eben zu schnell kamen."

Und die Bezeichnung "Montagsdemonstration", die in die Geschichtsbücher eingeht? Die Deutsche Presse-Agentur tickert den Begriff "Montagsdemonstration" erst ab dem 21. November 1989. In der Tagesschau ist er schon am 13. November zu hören.

"Vor wenigen Minuten ist für uns eine Leitung in die Messestadt geschaltet worden, direkt aus Leipzig meldet sich jetzt Cornelius Bormann."
"Hier auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig geht die Montagsdemonstration langsam zu Ende. Sie dauerte gut zwei Stunden, knapp 300.000 Demonstranten haben sich auch heute wieder an ihr beteiligt."


Etwa 1.000 Menschen protestieren am 16. August 2004 in Dortmund gegen das neue Arbeitslosengeld II (AP)Die Montagsdemo kehrte Anfang der Nullerjahre zurück - auch in Westdeutschland, wie hier in Dortmund. (AP)Gedruckt liest man "Montagsdemonstration" schon am 24. Oktober 1989 – in der Tageszeitung "taz". Einen Tag später, am 25. Oktober, notiert die Staatssicherheit in einem Dossier mit dem Titel "Stimmung in der Bevölkerung":

Die Teilnahme an den Montagsdemonstrationen wird in individuellen Einzelgesprächen wie eine notwendige Ehrensache behandelt.

Zuvor ist die Rede von "Demonstrationen", später von "Massendemonstrationen". Im Osten spricht man zunächst von "Zusammenrottungen". Dass die Demontage montags stattfand, ist übrigens reiner Zufall.

Wonneberger: "In Leipzig war es so, da hat es sich halt eben entwickelt auf einem Montag, weil, in der Nikolaikirche war jeder Abend war sonst besetzt schon. Und dieses Friedensgebet war nur Montag möglich."

Pfarrer Wonneberger erlitt Ende Oktober 1989 einen Schlaganfall und verlor dabei seine Sprache. Es dauerte 15 Jahre, bis er seine Sprachlosigkeit überwinden konnte. In Leipzig wurden derweil andere zu den Helden der friedlichen Revolution gemacht.

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