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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 29.01.2016

Deutsche Juden in SchwedenBruchstücke der Exil-Erfahrung

Von Katharina Schmidt-Hirschfelder

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Der Historiker und Politologe Julius H. Schoeps, hier in Potsdam 2012, lebte als Kind in Schweden. (dpa / picture alliance / Oliver Mehlis)
Julius H. Schoeps (dpa / picture alliance / Oliver Mehlis)

Nelly Sachs, Lise Meitner, Peter Weiss - Schweden wurde zur Heimat für viele jüdische Emigranten zur Zeit des Nationalsozialismus. Manche wurden in der neuen Heimat nicht glücklich. Der Historiker Julius Schoeps, als Kind geflüchtet, erzählt nun berührend von seinen Erinnerungen.

Ganz still ist es im großen Hörsaal der traditionsreichen Universität Uppsala. Statt Rednerpult und Whiteboard steht auf dem Podium nur ein einziger Sessel. Darauf sitzt Julius Schoeps, Direktor des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien, neben sich ein Glas Wasser, auf den Knien ein aufgeschlagenes Buch. Der Sohn des deutsch-jüdischen Religionshistorikers Hans-Joachim Schoeps erzählt von seinen frühen Kindheitserinnerungen im schwedischen Exil:

"Mein Vater hat mich hier in der Carolinabibliothek von Uppsala immer an der Garderobe abgegeben. Meine frühesten Kindheitserinnerungen sind – ich saß dann auf dem Fußboden und spielte – tropfende Regenmäntel."

Berührender könnte der Auftakt nicht sein, findet Noa Hermele. Er ist Ausbildungsdirektor bei Paideia, dem Europäischen Institut für Jüdische Studien in Stockholm. Auch sein Großvater flüchtete vor den Nazis aus Berlin. Die Namen vieler deutsch-jüdischer Emigranten sind ihm von klein auf vertraut:

"Dank meiner Familie kenne ich einige deutsch-jüdisch-schwedische Berührungspunkte. Neu ist für mich jedoch die erweiterte Perspektive vom lokalen auf den europäischen und historischen Zusammenhang."

Zwischen den glänzenden Marmorsäulen der Eingangshalle sind mehrere blau-weiße Stoffbahnen aufgereiht. Darauf: die Namen und Schicksale prominenter deutsch-jüdischer Emigranten. Viele von ihnen hinterließen in der schwedischen Gesellschaft ihre Spuren, darunter die Kernphysikerin Lise Meitner, der Schriftsteller Peter Weiss, der Maler Josef Frank oder die Dichterin Nelly Sachs. Einige von ihnen gelangten in Schweden zu Weltruhm. So erhielt Nelly Sachs 1966 in Stockholm den Nobelpreis für Literatur. Viele jedoch empfanden das Exil auch als Bürde. Symptomatisch dafür: die Steinsammlung, die Nelly Sachs auf der Flucht vor den Nazis mit nach Schweden schleppte.

"Das sind zum Teil Geschichten, die sehr tragisch waren. Viele deutsch-jüdische Emigranten sind hier an gebrochenem Herzen gestorben."

Doch wie gelingt es, dieses bruchstückhafte Wissen in einen historischen und europäischen Zusammenhang einzufügen?

"Genau das: die Bruchstücke zusammenzufügen und zugleich die Perspektive dieser beispielhaften Exil-Erfahrung zu erweitern. Dazu gehört auch, das deutsch-jüdische Erbe in Stockholms jüdischer Gemeinde wieder mehr aufzufrischen. Denn die Erinnerung daran ist heute weitestgehend eingestaubt."

Jüdische Migration als Erfahrung weitergeben 

Dabei hatten deutsche Juden die schwedische Gesellschaft schon viel früher mitgeprägt, nicht erst als Verfolgte des Naziregimes. Seit der Handwerker Aaron Isaak aus Treuenbrietzen sich vor 250 Jahren als erster Jude in Schweden niederließ und dort 1779 die Jüdische Gemeinde Stockholm gründete, gab es zwischen deutschen und schwedischen Juden ständig regen Austausch in Wissenschaft, Politik, Kunst und Religion. Der Gelehrte und Rabbiner Gottlieb Klein zum Beispiel brachte die Wissenschaft des Judentums nach Schweden.

Genau darum gehe es langfristig: Die Relevanz jüdischer Migration zu zeigen, das Gespräch zwischen den Kulturen zu vertiefen und schließlich die jüdische Erfahrung dem großen europäischen Projekt zu vermitteln. Eine Erfahrung, die Hermele bei Paideia weitergeben will:

"Mit dem Konzept von Exil jüdisches Leben in Europa zu stärken. Schließlich geht es hier um allgemeingültige Fragen zu Identität, die entstehen, wenn man seine Heimat verlässt. Man kann heute sein Exil mit sich nehmen, aber auch seine Heimat. Das ist eine positive Entwicklung – es gibt kaum mehr Widersprüche zwischen Exil und Heimat."

Mehr zum Thema:

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