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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 03.06.2014

Deutsche GeschichteSachsen und Preußen

Die sächsische Sicht auf das Verhältnis

Von Matthias Biskupek

Die Objekteinrichterin Simea Menzel arbeitet an einer Kopie der Krone von Friedrich I. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Die Objekteinrichterin Simea Menzel arbeitet an einer Kopie der Krone von Friedrich I. in der Landesausstellung "Preußen und Sachsen. Szenen einer Nachbarschaft". (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Sachsen wurde im Laufe seiner Geschichte immer weniger: Preußen schnappte sich Stück um Stück - bis das Königreich auf die Hälfte geschrumpft war. Wie ausgewanderte oder nach Preußen verheiratete Sachsen ihr Verhältnis zum Nachbarn sehen, fragten wir anlässlich der Landesausstellung "Preußen und Sachsen. Szenen einer Nachbarschaft".

Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. Der offizielle, der heiße, der über Jahrhunderte immer mal wieder aufflammende Krieg zwischen Sachsen und Preußen, endete mit der Schlacht von Königgrätz 1866. Zuvor waren die Preußen - kampflos - durch Sachsen gen Böhmen marschiert.

Am 18. August 1866 schließlich musste das Königreich Sachsen dem Norddeutschen Bund beitreten. Ein Beitritt - wie stolz das klingt - doch wir sind noch nicht am Ende des 20. Jahrhunderts angelangt...

"Haste fünf Minuten Zeit. Schlag Dir einen Sachsen breit."

Auch Frauen sollten mir nicht jetzt schon ins Wort fallen, selbst wenn dieser Anti-Sachsen-Spruch im 20. Jahrhundert weit verbreitet war. Doch zunächst bringt der aus Sachsen stammende Schauspieler und Autor Hans Lucke das Verhältnis auf den historischen Punkt:

"Sachsen hatte immer Ärger mit den Preußen und tendierte nach Süden. Also nach Böhmen hin und Österreich, als nach Berlin. Das kam auch noch dazu. Das war - na nicht Diaspora-Situation – aber so einklemmt fühlten die sich."

Die eingeklemmten Sachsen bewegten sich dennoch heftig. Mit der Industrialisierung füllten sich Busch und Tal, also die engen sächsischen Täler. Schlot an Schlot. Die sächsische Genie-Dichte soll im 19. Jahrhundert die höchste in Europa gewesen sein. Doch störte das Preußen? Deren König war auch Kaiser aller Sachsen.

"Lieber spießig als mit Tschingbum"

Kein Wunder, dass ein anderer sächsischer Schriftsteller, der aus Mittweida stammende Erich Loest noch in den letzten Tagebuchnotizen vor seinem Tode mit dem schlimmen, dem hundsgemeinen Nachbarn im Norden, samt seinen großkotzigen Berlinern, hadert. Im Januar 2012 schreibt er zu den Geburtstagsfeierlichkeiten für Friedrich II:

"In Berlin wird im Stile eines Parademarsches gefeiert. Es ist eine kernpreußische Veranstaltung. Ich wusste schon, warum ich eingangs der 1990er-Jahre für Bonn als Hauptstadt plädierte, es gab sich bescheiden, der Bürger sah durchs Fenster beim Regieren zu. Lieber spießig und ohne Nachtleben als mit Tschingbum."

Loest wird auch gern lokalhistorisch und beklagt das Schicksal seiner Wahlheimatstadt Leipzig:

"Sachsen war im 18. Jahrhundert wirtschaftlich und geistig den Streusandbüchsen weit voraus und wurde von Friedrich überfallen, erpresst und ausgeplündert. Er stahl Kirchenschätze, sperrte den Stadtrat Leipzigs und 109 Kaufleute als Geiseln in die Pleißenburg und ließ Geld fälschen - viel Kupfer feixte in angeblichen Silbermünzen. Meine Vorstellung, in Dresden oder gar an der Leipziger Universität würde über Friedrich und Sachsen profund disputiert, wirkt gemessen an heutiger weißgrüner geistiger Kärglichkeit absurd."

Ein völlig marodes und altes Fachwerkhaus ist neben dem schmucken Schloss Doberlug in Doberlug-Kirchhain (Brandenburg) zu sehen. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)"Preußen und Sachsen. Szenen einer Nachbarschaft": Anzusehen ist die Ausstellung im Schloss Doberlug. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Nebenbei gibt's gleich einen Tritt gegen das eigene, das sächsische Schienbein - das machen Sachsen besonders gern.

Weil der sächsische Kurfürst auch immer mal polnischer König war, nimmt Loest selbstverständlich auch für den slawischen Nachbarn Partei. Der ebenfalls unter Preußen litt:

"Der 'Alte Fritz' als Zerstörer Polens: Das ist ostwärts der Oder unvergessen."

An der Seite Preußens. Gezwungenermaßen.

Was kein Sachse vergessen kann, auch wenn er es möchte - in ihm haust Slawisches. Die Sorben sind dran schuld. Das polnische Königreich war im 19. Jahrhundert gänzlich von der Landkarte verschwunden. Die Sachsen hatten zwar ihr Königreich behalten, in der europäischen Politik aber gab's für sie nichts mehr zu sagen.

Im Krieg gegen Frankreich 1870 stand Sachsen dann an der Seite Preußens. Gezwungenermaßen. Und siegte.

Die Folge: Es war auf Gedeih und vor allem Verderb mit den Streusandbüchsen, den kulturlosen Banausen im Norden verbunden. Die sich in ihren Gabareehs nun vor allem über den sächsischen Dialekt lustig machten. Wie der aus Gardelegen - Provinz Sachsen, also Preußen - stammende Otto Reutter im Jahre 1903.

"Das Reisen ist heutzutag' sehr modern,
und die Sachsen, die reisen besonders gern.
Wie weit sich auch unsere Reise erstreckt,
stets hör'n wir den sächsischen Dialekt;
ob In- oder Ausland, wo immer es sei
- 'n Sachse ist immer dabei!!!"

Über diesen weit ins Preußische hinein schwappenden Dialekt werden wir noch etwas hören. Der Erste Weltkrieg mochte ein tiefer Einschnitt für Deutschland sein, das Verhältnis Sachsen-Preußen blieb unverändert. Nämlich katastrophal. Der Berliner Tucholsky in seiner berühmten Schulaufsatzparodie "Der Mensch":

"Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse."

Im kleineren Deutschland fest zusammengespannt

Erst nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich das. Denn nun war man im kleineren Deutschland fest zusammengespannt - manche nannten die DDR eine Gegend zwischen Deutschland und Polen.

Der preußische Staat war allerdings verboten worden, und was noch übrig war, hatte man auf sächsische Größe - oder Kleinheit - geschrumpft. Nun begann der Kalte Krieg für die nächsten Jahrzehnte. Die Sachsen meinten, die Preußen würden grundsätzlich alles bestimmen und die Preußen, insonderheit die Berliner, sahen die Sachsen als fünfte Besatzungsmacht.

Drum können wir das Verhältnis mit dem schon gehörten O-Ton der Berlinerin Nine überschreiben. Die zunächst noch ganz vorsichtig ist.

"Haste fünf Minuten Zeit. Schlag Dir einen Sachsen breit."

Warum man dies tun müsse, liefert Nine gleich mit:

"Eine Erklärung könnte sein, dass wir das immer mit Bonzen verbunden haben, Sachsen habe ich mit Bonzen verbunden. Und als Krönung - Honecker auch noch!"

Erich Honecker war aber doch Saarländer? Und das Saarland gehörte nun wahrlich nicht zu Sachsen, im Gegenteil. Es war mal französische, mal preußische Kolonie!

"Ostberliner haben doch keene Geografie-Kenntnisse: Wo liegt Saarland!"

Alles war mal Sachsen

Aber Preußen haben se! Egal, mangelnde Geografiekenntnisse herrschen bis heute auf dem Sachsen-Hass-Markt vor. Für Berliner beginnt Sachsen nicht nur im Saarland, sondern gleich südlich von Königs Wusterhausen. Was in gewisser Weise stimmt: Belzig, Baruth und Guben, Schönebeck bis zum Harz - alles war mal Sachsen.

Und in vielen bis 1815 zum sächsischen Königreich gehörenden Gebieten hat man einfach die Sprache beibehalten.

Man redet vor allem in den südlichen Teilen Sachsen-Anhalts - von Preußen einst "Provinz Sachsen" genannt - Thüringisch-obersächsisch, wie die wissenschaftliche Umschreibung heißt. Insofern sind die einstigen Untertanen des sächsischen Königs heute alle brave Staatsbürger ihrer jeweiligen Landesherrschaften. Ob die nun in Magdeburg oder Potsdam sitzen. Gerd aus Sachsen weiß, warum:

"Ich glaub, der Sachse an sich fällt auch gar nicht so auf, wenn er in der Fremde ist. Abgesehen von der Mundart oder dem Dialekt er sich eigentlich immer ganz gut anpassen kann. Hab ich den Eindruck. Aber das liegt vielleicht ooch daran, dass ich selber Erzgebirger bin, also Westsachse, und die sind ooch noch bissel anders."

Lebt denn diese - bissel andre - Heimat in einem ausgewanderten Sachsen noch?

"Maximal die Weihnachtszeit, Aber da spricht ooch wieder der Erzgebirger. Weihnachten ist da Pflicht. Es darf sehr üppig und sehr verkitscht, sehr lichterlastig sein. Das ist auf jeden Fall bei mir geblieben, da muss auch meine Familie durch."

Bildet der Sachse in der preußischen Fremde dann vielleicht weihnachtlich-erzgebirgische Landsmannschaften? Allwo er heimisches Brauchtum - samt Sprache - pflegt?

"Um Gottes Willen. Absolut nicht. Nee, Das spielt überhaupt keine Rolle. Null. Ich hab Freunde aus allen möglichen Ecken. Da sind sogar echte Berliner dabei. Also von irgendwelchen landsmannschaftlichen Vereinsgeschichten würde ich mich ganz bewusst auch weit entfernt halten."

Der angepasste Sachse

Da haben wir ihn wieder: den angepassten Sachsen. Der sich unmerklich in fremder Umgebung einnistet. Modern gesprochen, gentrifziert der Sachse jede Gegend, in die er einwandert.

Wie das bei Sachsen ist, die seit Jahrzehnten in der Ferne wohnen müssen, und dennoch sich behaupten wollen, weiß Inge. Sie teilt mit einer berühmten Sächsin Herkunft und Schicksal. Ein Schicksal, das einst der Sachse Gotthold Ephraim Lessing aufschrieb. Wie "Minna von Barnhelm" kommt Inge nämlich aus Borna - und geriet an einen Preußen:

"Ich bin in Berlin seit 1961 verheiratet und wohnhaft ab 1962. Und gebürtige Sächsin, aus der Leipziger Ecke, ja. Ich habe in eine Berliner Familie eingeheiratet und in dieser Familie hat die Schwiegermutter zu mir gesagt: Hier isses ja genauso gemütlich wie bei uns in Berlin. Da hab ich gesagt, das stimmt aber nicht! In Sachsen isses gemütlicher."

Ein Airbrushmaler sprüht das Porträt von Friedrich II., auch Friedrich der Große oder der Alte Fritz genannt, auf ein Trafohäuschen vor dem Schloss Doberlug in Doberlug-Kirchhain. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)Werbung für die Landesausstellung: Ein Airbrushmaler sprüht das Porträt von Friedrich II. auf ein Trafohäuschen vor dem Schloss Doberlug in Doberlug-Kirchhain. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Etwas mehr Lokalpatriotismus, bitte! Ist es denn immer nur die Gemütlichkeit, die Sachsen in der Fremde fehlt? Fühlt man wenigstens noch sächsisch? Ä bissel heimaadlisches Fiehling, noor?

"Ich fühle sehr sächsisch. Es gibt Menschen, die behaupten, ich würde mir das dann immer raussuchen, wie es grad so passt.
Ich merke, dass es mir nach Jahrzehnten auffällt, dass es in Berlin wenig brauchbare Back- und Wurstwaren zu kaufen gibt. Kulinarische Komponente auf jeden Fall. Und es gibt, ja, so Stimmungslagen, wie die Menschen miteinander umgehen. Es fällt mir auf, wenn ich in Sachsen bin, dass es dort bisschen gemütlicher und langsamer zugeht, was ich in Berlin dann durchaus vermisse."

Da haben wir sie wieder. Schonne widder. Die Gemütlichkeit. Und der Sachse, selber? Als Mänsch und Miedos, wie es einst beim Leipziger Kabarett "academixer" hieß?

"Ja, es ist eher so, man stößt aufeinander und es fühlt sich dann irgendwie sympathisch an, man spürt son bisschen, unter seinesgleichen zu sein. Es ist ein Stück weit auch hergeholt. Letzten Endes, unter wem man sich wie bewegt. Es ist manchmal auch so'n Ostding, so'n regionales Sachsen-Ding. Im Speziellen auch so'n Chemnitz- oder Karl-Marx-Stadt-Ding, wo ich das vielleicht auch mit dem Leipziger nicht so teilen würde. Kommt so'n bisschen darauf an. Aber wenn sich so was wie Heimatgefühle einstellen, hat das häufig ehm auch mit der Herkunft der Menschen zu tun, dann spürt man das auch."

Zwei Seelen in der Brust

Tim aus Chemnitz trägt bei allem Patriotismus zwei Seelen in seiner Brust. Er musste, notgedrungen, Preußen und Sachsen verbinden. Das kommt dann ganz aus der Tiefe seiner Erinnerungen.

"Nachdem, was mir Leute sagen, weiß, dass ich gelegentlich sächsisch spreche, besonders dann, wenn ich im Stress bin, beziehungsweise betrunken, zwei Faktoren, wo man sagt: OK. dann kommt's von ganz tief unten hoch, offensichtlich ist es dann doch irgendwo. Aber ich glaube, eine der ersten Sachen, die ich mir in der Ersten Klasse, ich wurde noch in Karl-Marx-Stadt eingeschult und bin dann in Berlin weiter in die erste Klasse gegangen, abgewöhnt habe, war sächsisch zu sprechen, denn der Prestige dieses Dialekts in Berlin war nicht besonders hoch. Außerdem kamen sämtliche Kinder in dieser Gegend aus verschiedenen Gegenden der DDR und der Konsens war klar: Berlin und Berliner Schnauze und irgendwie war's auch sehr attraktiv, fühlt sich gut an irgendwie auf der Zunge. Da ist das verschütt gegangen und kommt erst in den letzten Jahren, man wird ja auch älter - so Sinnsuche - wieder hervor."

Bevor wir endgültig bereits jetzt im Sinnhaft-Sächsischen verschwinden, hören wir lieber von einer echten Berlinerin, wie sie in frühester Jugend den Kampf der Völkerschaften erlebte. Sylvie entwickelte sich damals in einer, ganze Generationen prägenden, Einrichtung: dem Ferienlager:

"Ich habe schon als Kind bemerkt, im Kinderferienlager, recht früh, so im Alter von zehn, elf Jahren, dass es eine Feindschaft geben muss zwischen Preußen und Sachsen. Denn beim Tischtennisspielen in der chinesischen Form, also wo man immer um die Tischplatte herumrennt, wurde immer bei der Angabe gefragt: Bist Du Preuße – oder bist Du Sachse! Und dementsprechend, ob es ein Freund oder Feind war, wurde die Angabe ordentlich geschmettert oder sie wurde sehr freundlich rübergeworfen. Ich konnte mir das nicht erklären, für mich war das auch eine völlig neue Erfahrung, weil ich gar nicht wusste in dem Alter, dass es eine Feindschaft gibt. Ist mir später erst im Geschichtsunterricht nahegebracht worden."

Also hassen die Preußen die Sachsen so richtig? Bis heute...

"Das kann ich nicht sagen. Ich habe gerade eine persönliche Erfahrung, dass ich in einer Reha-Maßnahme mit einer jungen Sächsin zusammen bin und wann immer die den Mund aufmacht, freuen sich alle .Alle sagen: Oor, schön, Du kommst aus Sachsen: a) weiß man sofort, woher derjenige kommt und b) ist die sofort sympathisch, jeder mag sie sofort wegen ihres Dialekts. Manchmal wird sie sogar so mit Fragen gelöchert, weil man sie einfach reden hören möchte. Klingt wundervoll."

Wird das Verhältnis zunehmend zum Sprach-Verhältnis?

Neigt sich hier eine jahrhundertealte Feindschaft ihrem Ende entgegen? Wenn man von einem Dialekt so ungemein schwärmt? Von einem Dialekt, der doch seit Ulbrichts Fistelstimme der unbeliebteste in Deutschland sein soll?

"Haste fünf Minuten Zeit. Schlag Dir einen Sachsen breit."

Gut. Das hörten wir schon wiederholt. Aber wird das Verhältnis zunehmend zum Sprach-Verhältnis? Das muss einer wissen, der in einer ganz anderen Gegend aufgewachsen ist, aber dennoch eine genetische Sachsen-Veranlagung in sich trägt, Torsten aus Norddeutschland:

"Also - was ich ganz überraschend und lustig finde ist – also meine Mutter kommt aus Sachsen – ich war da oft als Kind. Mein Vater hat das immer Sprachkurs genannt, weil ich mit breitestem Sächsisch zurückgekommen bin, - aber mir als Ostdeutschem ist es nach der Wende aufgefallen – früher hat man über Sachsen immer gelacht, also ich komm von der Ostsee, das fand man immer so bisschen, na ja sächsisch, an der Ostsee hat man sich halt lustig gemacht, wenn sie da mit ihren Handtüchern lagen und so – "

Nun gut, das ist der bekannte Handtuchkrieg am Strand. Auf Mallorca lachen die Briten über die Deutschen, damals lachte man an der Ostsee über die Sachsen. Doch der einstige Handtuchkrieg kann zum Frieden über tiefe Landsmannschafts-Schützengräben hinweg führen. Wenn Verhältnisse plötzlich umstürzen.

"Seitdem wir nun das große Deutschland haben und die Westdeutschen hinzugekommen sind mit ihren komischen Dialekten ist mir sächsisch so was von vertraut. Ist ganz komisch. Ist mir nahe gerückt. Das war früher ganz weit weg. Die Sachsen warn die andern. Und jetzt ist quasi - irgendwann hab ich das festgestellt, wie ich mich freue, wenn jemand im Zug oder in der Bahn neben mir sitzt, wenn der sächsisch redet, ist der für mich HEIMAT. Was früher das totale Gegenteil von Heimat war. Das warn die andern. Wir waren die Fischköppe, die warn die Sachsen. Und dadurch dass dieses Deutschland so groß geworden ist und die komischen andern, Schwaben oder irgend - hm - mit mal ist Sachsen wie Familie. Es gehört dazu. Und die andern sind das Fremde. Also das ist eine ganz überraschende Neuigkeit. - Ja, das zeigt eigentlich nur, dasses überhaupt nischt mit dem Norddeutschen und dem Sachsen zu tun hat, sondern wie die Menschen so gestrickt sind, das ist immer nur eine Abgrenzung sozusagen gegen das Andere – "

Was will uns Torsten also eigentlich sagen?

"Jetzt ist mir der Sachse sozusagen – HEIMAT ..."

"Mir sinn jetzte alle mah Sachsen!"

Nein, bitte nicht das ganz große Heimatgefühl: "Iisch bin ain Bärrliner!" "Mir sinn jetzte alle mah Sachsen!" Ein bisschen Unterschied möge doch bleiben. Zwischen den Ländern und Residenzen, zwischen Dresden, Potsdam und meinetwegen auch Berlin. Der Sachse, Schauspieler und Autor Hans Lucke bringt den Unterschied im Witz auf den Punkt.

"Zwei Damen fahren von Dresden mit dem D-Zug nach Berlin. Sitzen sich gegenüber. Und um in ein Gespräch zu kommen, sagt die eine Dame: Fahren Sie auch nach Berlin? - Und die andere sagt: Nein. - Na, das ist doch aber der Zug nach Berlin? - Ja, ich fahr bloß bis Doberlug-Kirchhain. - Ach so. Naja. Aber es will derwächn auch gefahren sein."

Dass die sächsische Bahnfahrt ausgerechnet in Doberlug-Kirchhain endet, hat für diesen Länderreport zum guten Schluss symbolische Bedeutung. Da stecken die Preußen, die Sachsen und all die Slawen drin.

Bis 1815 sächsisch, hieß Doberlug eigentlich Dobrilugk, also slawisch - "Gutes Wiesenland", 1937 wurde es eingedeutscht, oder sagen wir: verpreußt zu Doberlug. Kein Polen, kein Sorbe, nirgends.

Die DDR spannte die beiden Orte Kirchhain und Doberlug zusammen, sie waren nun weder preußisch noch sächsisch, man kannte nur noch Bezirke. Doberlug-Kirchhain lag im Zwitterbezirk Cottbus. Und heute ist der Doppel-Ort an den Rand Brandenburgs gerutscht, Blick gen Sachsen. Gutes Wiesenland mit Kirchturm, bestens geeignet für eine Landesausstellung.

Für alle, die sich gerne ein Bild von beiden Seiten machen wollen: Die preußische Sicht auf das Verhältnis können Sie hier nachlesen und hier .

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