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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2012

Deutsche Geschichte aus 35 Blickwinkeln

Helmut Walser Smith (Hrsg.): "Oxford Handbook of Modern German History", Oxford 2011, 863 Seiten

Das Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestags (AP)
Das Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestags (AP)

Die moderne Geschichte Deutschlands besser verstehbar zu machen, ist das Ziel des "Oxford Handbook of Modern German History". Unter der Regie des US-Historikers Helmut Walser Smith betrachten betrachten 35 Experten deutsche Geschichte im Kontext der Weltgeschichte.

Wer Deutschland von außen betrachtet, erhält durch die Lektüre von über 800 Textseiten ein komplexes und faires Bild – eingewoben in die Geschichte anderer Nationen. Im Kern ist dieses Buch eine Absage an die traditionell deutschlandzentrierte Geschichtsdarstellung, die den angeblichen Sonderweg der deutschen Geschichte fast ausschließlich im Wertevergleich mit den westlichen Demokratien sah.

So wird deutlich, dass in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg fast ganz Europa vom Virus des Nationalismus infiziert war, dass diktatorische Regime in Europa damals die Regel und nicht die Ausnahme waren. Wenn Hermann Göring 1935 dem seit Mitte der 20er Jahren amtierenden polnischen Diktator Pilsudski in einem Geleitwort zur autorisierten deutschen Ausgabe von Pilsudskis Biografie bescheinigt, dass er "mit dem deutschen Führer und Kanzler die Voraussetzungen und Grundlagen schuf, auf denen zum Segen unserer Nationen und darüber hinaus zur Erhaltung des Friedens der Welt weitergebaut werden konnte und weitergebaut wird", dann wird dem Betrachter von heute vor Augen geführt, auf welch verblüffende Weise die politische Realität vier Jahre vor dem deutschen Überfall auf Polen offiziell zelebriert wurde: zwei Diktaturen demonstrieren Gemeinsamkeit.

Kontinuität ist der zentrale Begriff im Geschichtsverständnis von Walser Smith. Er will Kontinuitäten sichtbar machen: Der Erste Weltkrieg ist für ihn nicht erklär und verstehbar, wenn man ihn nur als Urkatastrophe etikettiert. Und 1945 ‚herrschte‘ auch keine Stunde Null. Das Vorher und das Danach waren vielfältig miteinander verzwirnt.

Das Oxford Handbook , an dem je ein Drittel amerikanische, deutsche und Historiker anderer europäischer Länder unter der Regie von Helmut Walser Smith zusammen gearbeitet haben , wurde von Oxford University Press in Auftrag gegeben, weil man dort zu der Überzeugung gelangt war, dass nur durch einen übernationalen Ansatz Geschichte einigermaßen fair vermittelt werden kann.

Englischsprachige Geschichtsinteressierte, an die sich das Handbuch in erster Linie richtet, erhalten jetzt erstmals eine thematisch und chronologisch strukturierte Gesamtdarstellung der Genese der modernen deutschen Geschichte, die schon im 18. Jahrhundert ansetzt. Mit der aufkommenden Idee des Nationalstaats und den Auswirkungen des Siebenjährigen Krieges (1756-63) begann sich der komplexe Organismus des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation aufzulösen. Lokale und dynastische Loyalitäten und Identitäten sowie vorindustrielle Strukturen gerieten immer mehr in den Sog und dann in den Strudel der Sehnsucht nach nationaler Einheit.

So macht das Handbuch deutlich, dass die moderne deutsche Geschichte auch ein Produkt des nationenübergreifenden Zeitgeists ist, dass es im Guten wie im Schlechten so etwas wie eine Mitverantwortung aller am Geschichtsprozess Beteiligten gibt und eine Orientierung, ein Verstehen der Vergangenheit, nur möglich ist, wenn sie transnational erforscht und gewichtet wird. Dem Handbuch gelingt es, sowohl analytisch-distanziert als auch mit Empathie darzulegen, wie sehr die Entwicklung in Deutschland mit den historischen Prozessen im Westen verwoben war – auch wenn sich Deutschland atypisch im Vergleich zu den westlichen Demokratien entwickelte.

Besprochen von Hans-Jörg Modlmayr

Helmut Walser Smith (Hg.): Oxford Handbook of Modern German History
Oxford University Press, Oxford 2011
863 Seiten, 108,95 (Preis in Großbritannien: 95 Pfund)

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