Dienstag, 2. September 2014MESZ19:08 Uhr

Buchkritik

FamiliengeschichteZerwürfnisse wie Giftmüll
Wachsfiguren-Kabinett in St. Petersburg: Geheimdienst-Chef Lawrentij Berija (l.) und Stalin, dazwischen der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko.

Den Niedergang einer Familie vor dem Hintergrund der finsteren Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert schildert Nino Haratischwili in ihrem Mammutroman. Allerdings ergeben die detaillierten Episoden nur ein unübersichtliches Wimmelbild.Mehr

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

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Literatur

TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2010

Detailfreudige Dreifachgeschichte

Jan van Mersbergen: "Wie es begann", Verlag Antje Kunstmann, München 2010

Detail um Detail führt van Mersbergen die dreiteilige Geschichte zusammen
Detail um Detail führt van Mersbergen die dreiteilige Geschichte zusammen (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Am Anfang wird ein Kind geboren, zum Schluss stirbt ein Schwerkranker, dazwischen passiert ein furchtbares Unglück, und all das scheint wenig miteinander zu tun zu haben.

Drei Lebenssituationen, drei Frauen, drei sehr verschiedene soziale Milieus schildert der Niederländer Jan von Mersbergen in seinem Roman; er tut dies mit liebevoller Genauigkeit, behutsam, in fast bedächtigem Tempo.

Nur langsam erschließt sich, was diese drei Leben miteinander verbindet: Alle haben auf irgendeine Weise mit einem Hund zu tun, der ein Neugeborenes totgebissen hat. Aber dies ist nur die äußere Klammer, mit der van Mersbergen seine Geschichte zusammenfügt. Der innere Zusammenhalt aber entsteht vor allem durch das Thema, um das dieser ganze Roman kreist: Die Zuwendung, die Menschen einander geben oder vorenthalten, vor allem die zwischen Eltern und ihren Kindern.

Evana ist siebzehn und bekommt ein Kind, ihr dunkelhäutiger Freund sitzt im Knast, und sie weiß nicht, wie man es anstellt, ein Kind zu lieben und zu versorgen. Edyta hat ihre Tochter bei den Großeltern in Polen gelassen, um in Amsterdam als Pflegerin Geld zu verdienen. Sie sorgt für einen gelähmten Mann, der früher einen Kramladen hatte – und einen scharfen Hund. Emma hat mit ihrem geliebten und erfolgreichen Ehemann ein Haus und einen Hund gekauft, als sie schwanger wurde.
Mersbergen entwickelt diese sehr unterschiedlichen Figuren sehr sorgfältig, indem er die Leser durch deren Augen blicken lässt: auf das neugeborene Kind, auf den stummen und bewegungslosen Mann, auf die Ruine einer glücklichen Familie. Und indem er Detail um Detail aus ihrer Umgebung hinzufügt, alltägliche Gegenstände, Interieurs, Straßenbilder, Wege, die zurückgelegt, Gespräche, die geführt werden, fügt er allmählich die dreifache Geschichte zusammen und stellt sie dabei auch gleichzeitig in einen größeren Rahmen. Man kann diesen Roman mit allem Recht einen Gesellschaftsroman nennen, unsentimental, kleinteilig und vielfältig wie die detailfreudigen Gruppenbilder der flämischen Meister.


Besprochen von Katharina Döbler


Jan van Mersbergen, Wie es begann
Roman
Aus dem Niederländischen von Angela Wicharz-Lindner
Verlag Antje Kunstmann, München 2010
192 Seiten, 17,90 EUR