Samstag, 28. Februar 2015MEZ18:27 Uhr

Buchkritik

RomanAuf den Spuren des Urgroßvaters
Autorin Anne Weber (picture alliance / dpa / Foto: Arno Burgi)

In ihrem Buch "Ahnen" spürt die Autorin Anne Weber der Geschichte ihres Urgroßvaters nach. Der Pfarrer war ein Freund von Walter Benjamin und Martin Buber - und zugleich ein glühender Nazi, der vorschlägt, die Insassen einer "Irren- und Idiotenanstalt" zu vergiften.Mehr

HirnforschungSpiegelneuronen in der Kritik
Computergrafik des menschlichen Gehirns von der Seite. (imago/Science Photo Library)

"Warum wir verstehen, was andere fühlen", liegt nicht daran, dass wir imitieren können. Der Hirnforscher Gregory Hickok kritisiert im so betitelten Buch die verbreitete Theorie der Spiegelneuronen: Verständnis sei auch ohne Nachahmung möglich.Mehr

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Literatur

Französische RevolutionTugend, Terror, Traumfabriken
Johannes Willms , aufgenommen am 09.10.2014 auf der 66. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen). (picture alliance / dpa-Zentralbild)

Ein deutsch-französisches Gespräch über Freiheit und Blut, über Tragödie und Farce, über Politik und Gedächtnisräume. Gäste sind der Historiker Johannes Willms, Autor des Buchs "Tugend und Terror", sowie die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2010

Detailfreudige Dreifachgeschichte

Jan van Mersbergen: "Wie es begann", Verlag Antje Kunstmann, München 2010

Detail um Detail führt van Mersbergen die dreiteilige Geschichte zusammen (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Detail um Detail führt van Mersbergen die dreiteilige Geschichte zusammen (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Am Anfang wird ein Kind geboren, zum Schluss stirbt ein Schwerkranker, dazwischen passiert ein furchtbares Unglück, und all das scheint wenig miteinander zu tun zu haben.

Drei Lebenssituationen, drei Frauen, drei sehr verschiedene soziale Milieus schildert der Niederländer Jan von Mersbergen in seinem Roman; er tut dies mit liebevoller Genauigkeit, behutsam, in fast bedächtigem Tempo.

Nur langsam erschließt sich, was diese drei Leben miteinander verbindet: Alle haben auf irgendeine Weise mit einem Hund zu tun, der ein Neugeborenes totgebissen hat. Aber dies ist nur die äußere Klammer, mit der van Mersbergen seine Geschichte zusammenfügt. Der innere Zusammenhalt aber entsteht vor allem durch das Thema, um das dieser ganze Roman kreist: Die Zuwendung, die Menschen einander geben oder vorenthalten, vor allem die zwischen Eltern und ihren Kindern.

Evana ist siebzehn und bekommt ein Kind, ihr dunkelhäutiger Freund sitzt im Knast, und sie weiß nicht, wie man es anstellt, ein Kind zu lieben und zu versorgen. Edyta hat ihre Tochter bei den Großeltern in Polen gelassen, um in Amsterdam als Pflegerin Geld zu verdienen. Sie sorgt für einen gelähmten Mann, der früher einen Kramladen hatte – und einen scharfen Hund. Emma hat mit ihrem geliebten und erfolgreichen Ehemann ein Haus und einen Hund gekauft, als sie schwanger wurde.
Mersbergen entwickelt diese sehr unterschiedlichen Figuren sehr sorgfältig, indem er die Leser durch deren Augen blicken lässt: auf das neugeborene Kind, auf den stummen und bewegungslosen Mann, auf die Ruine einer glücklichen Familie. Und indem er Detail um Detail aus ihrer Umgebung hinzufügt, alltägliche Gegenstände, Interieurs, Straßenbilder, Wege, die zurückgelegt, Gespräche, die geführt werden, fügt er allmählich die dreifache Geschichte zusammen und stellt sie dabei auch gleichzeitig in einen größeren Rahmen. Man kann diesen Roman mit allem Recht einen Gesellschaftsroman nennen, unsentimental, kleinteilig und vielfältig wie die detailfreudigen Gruppenbilder der flämischen Meister.


Besprochen von Katharina Döbler


Jan van Mersbergen, Wie es begann
Roman
Aus dem Niederländischen von Angela Wicharz-Lindner
Verlag Antje Kunstmann, München 2010
192 Seiten, 17,90 EUR