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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.10.2010

Des Setzers Albtraum?

Arno Schmidts "Zettel's Traum" als gesetztes Buch

Von Jochen Stöckmann

Der Schriftsteller Arno Schmidt (undatiertes Foto)
Der Schriftsteller Arno Schmidt (undatiertes Foto) (AP Archiv)

"Zettel's Traum" - des Setzers Albtraum? Nach jahrelanger Arbeit des Typographen Friedrich Forssman kommt im Suhrkamp Verlag Schmidts "Zettel's Traum" als gesetztes Buch heraus. Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma lesen daraus im Literaturhaus Berlin.

Friedrich Forssman: "Ich fraß mich durch das ganze Werk Arno Schmidts, so in einem Jahr etwa, und stieß an die Mauer des Spätwerks: Zettel's Traum, Schule der Atheisten, Abend mit Goldrand, Julia. Natürlich war ich damals Schriftsetzerlehrling und so typographisch empfindlicher als der Durchschnitt: für mich sah das unfertig aus - also, diese Sachen waren noch nicht zu Büchern geworden."

Anfang der 80er Jahre hatte Friedrich Forssman dieses Lese-Erlebnis. Seither arbeitet der mittlerweile renommierte Typograph daran, "Zettel's Traum" zu setzen, in Buchform zu bringen. Bislang gab es Arno Schmidts Monumentalwerk nur übersät von handschriftlichen Verbesserungen, Streichungen und Einfügungen. Nun aber liegt das vielstimmige und anspielungsreiche Buch vor, der Lesefluß kommt in Gang.

Bernd Rauschenbach, Jan-Philipp Reemtsma und Joachim Kersten vertonen, interpretieren den mit ungewöhnlichen Schreibweisen gespickten Text wie eine Partitur. Und wie in einer Operninszenierung wünscht man sich ein Laufband mit der Schrift. Denn Schmidts literarische Kapriolen sind oft nicht einmal orthographisch, eigentlich nur optisch zu erfassen. Etwa eine typographische Schaukel, mit der die erotische Annäherung zwischen dem alternden Schriftsteller Pagenstecher und Franziska, der Tochter eines Übersetzer-Ehepaares, eingeleitet wird: zwei Textdreiecke, die Spitz auf Knopf übereinander stehen.

Friedrich Forssman: "Ich glaube mich zu erinnern, dass Arno Schmidt der konkreten Poesie eine Abfuhr erteilt hat. Andererseits, dass es im Spätwerk und in Zettel's Traum konkret poetische Spielereien gibt. Also, wenn er einen Mückenschwarm über die senkrecht stehenden Buchstaben "Mücken, Mücken, Mücken" tanzen lässt, dann hilft alles nichts: das ist konkrete Poesie."

Nicht mehr als einen Tag schildert der Roman. Was in diesen 24 Stunden alles passiert, ist allein an den Worten, durch die Wortspiele abzulesen: Der harmlose Plissee-Rock gerät zum "Pleas'-See"-Rock, über einem Bruchstrich schreibt Schmidt ganz normal Amusement, darunter steht "AMösemang". Etyms nannte er diese Doppeldeutigkeiten:

Friedrich Forssman: "Dass ähnlich klingende Wörter angedeutet werden in ihren beiden Schreibweisen. Wobei von Arno Schmidt üblicherweise eine der beiden eine sexuelle Konnotation hat, und die steht meistens unten. Den Bruchstrich habe ich weggelassen. Arno Schmidt brauchte in seinem Schreibmaschinenraster diesen Strich, um zu verhindern, dass diese beiden Komponenten auseinanderfliegen."

Was die Form angeht, kommt "Zettel's Traum" jetzt unaufgeregter daher, ohne die Spuren seiner langwierigen und mühsamen Entstehung. Gelegenheit also, sich auf den Inhalt zu konzentrieren?

Friedrich Forssman: "Arno Schmidt hat sich als einen komischen Autor empfunden. Für Zettel's Traum gilt das allemal. Ganz schwer zu sagen, ob jemals diese Haltung Arno Schmidts ins Ernste oder sogar ins sich sehr ernst Nehmende kippt. Vielleicht tut es das nirgend, vielleicht aber auch zu oft. Ich bin noch nicht dahinter gekommen."

Was allerdings jeder kennt, das ist Schmidts Zettelkasten. Der aber steht keineswegs für Pedanterie.

Friedrich Forssman: "Wie er dieses Material ausreichend im Kopf hatte, um durchgängig diese Erzählform zu bewahren, das ist mir fast unbegreiflich. Er hat es geschafft, aus den Zettel ohne ein Zwischenstadium in diese Kolumnen hineinzutexten."

Weitere Besonderheit von "Zettel's Traum" ist die Gliederung in drei Spalten, drei Handlungs- und Bewusstseinsebenen. Der Besuch auf dem Lande bei Pagenstecher, seine Gedanken, die Anmerkungen des Übersetzerpaares zu Edgar Allan Poe, all das ist miteinander verschränkt wie bei Shakespeares Zettel, dem Weber. Und das Publikum im Berliner Literaturhaus überlässt sich gar zu gerne dem Vorlesefluss der drei Herren, die überraschend schnell zum Ende kommen - es war ja nicht der ganze Schmidt. Derart beschwingt vorgetragen, mag man kaum glauben, dass ein Leser an diesem Buch verzweifeln, gar scheitern könnte - zumindest mit der neuen Ausgabe nicht. Nur Friedrich Forssman, der Setzer, hat damit ein kleines Problem.

Friedrich Forssman: "Auf diesen gleichmäßig aussehenden, freundlichen, typographisch fast unauffälligen Seiten sollen diese ganzen Jahre der Arbeit geblieben sein? Es sieht sehr mühelos aus, und das ist natürlich das Ziel des Buchgestalters. Nicht die Typographie zu thematisieren, sondern sie hat bitte Hintergrundphänomen für alle außer für Typographen und Hardcore-Bibliophile zu sein."

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"Weniger stachelig als sein Ruf"