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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.06.2012

Des Kaisers neue Kleider

Der Nahost-Friedensprozess ist ein Bluff

Von Richard Szklorz

Ausblick von der jüdischen Siedlung Efrat im Westjordanland. (Thomas Bade)
Ausblick von der jüdischen Siedlung Efrat im Westjordanland. (Thomas Bade)

Mit dem so genannten Friedensprozess in Nahost, von dem seit 20 Jahren die Rede ist, verhält es sich wie mit des Kaisers neuen Kleidern. Absehbar ist der Tag, an dem einer für alle hörbar sagen wird: Der Friedensprozess ist ein Bluff! Je früher keiner mehr von ihm redet, desto besser.

Der Begriff meint längst das Gegenteil von dem, was er behauptet zu sein. Jedenfalls nicht den Weg zu einem tragfähigen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern. Da, wo sich ein eigenständiger palästinensischer Staat etablieren sollte, wurde von Israel vor 45 Jahren ein diktatorisches Besatzungsregime installiert, immer weiter perfektioniert und schließlich in den Beton einer hässlichen Teilungsmauer gegossen: neue Orte mit inzwischen mehr als 500 000 fremden Kolonisten, gebaut auf gestohlenem Land. Das war der Friedensprozess.

Und auch dies war der Friedensprozess: Synonym für eine einzige große Demütigung für den säkularen Teil der palästinensischen Gesellschaft. Seit Jahren gönnt man den Verhandlungsbereiten unter den Palästinensern keinen Deut eines sichtbaren politischen Erfolgs. Nur so wäre es nämlich denkbar gewesen, die Bevölkerung Gazas aus den Fängen der islamistischen Hamas herauszuholen.

Die Gründung Israels war die historische Antwort auf Jahrhunderte andauernder Verfolgungen jüdischer Minderheiten vor allem im christlichen Europa. Nach dem Holocaust erschien ein wehrhafter jüdischer Staat vielen Überlebenden daher wie ein großes Wunder. Er wurde zur Fluchtburg, um so mehr, als er sich so bravourös gegen eine scheinbare militärische Übermacht zu verteidigen wusste. Israel war der Stolz der Juden in der Welt, es konnte sich ihrer Loyalität sicher sein. Inzwischen ist das zionistische Projekt, nach dem Israel so etwas wie ein Leuchtturm der Judenheit und ein bisschen vielleicht auch für die Völker hätte werden sollen, im Morast eines nicht enden wollenden Besatzungsregimes versickert.

Dabei möchte Israel eigentlich ein normales Land sein und auch so behandelt werden. Das ist ein Problem. Denn wie kann Israel "normal" sein wollen und gleichzeitig wie bisher mit der Unterdrückung der Palästinenser fortfahren? Eine Quadratur des Kreises! Vor allem für solche Juden, die von ihren Überlieferungen etwas halten und den Anspruch Israels, ein jüdischer Staat zu sein, an ihren Maßstäben messen. Denn egal ob sie in Tel Aviv, Berlin oder New York leben, sie sind Erben einer reichen Religions- und Kulturtradition. Auch die Unreligiösesten unter ihnen kennen den über 2 000 Jahre alten Kernsatz aus dem Munde Rabbi Hillels, den vielleicht wichtigsten Leitgedanken des Judentums: "Was du nicht willst, dass man dir antut, das füge auch keinem andern zu."

Ein Soldat, der wehrlose Zivilisten an einem Checkpoint drangsaliert, handelt letztlich im Gegensatz zu allem, wozu Generationen seiner jüdischen Vorfahren angehalten wurden. Ein System, das einer ganzen Bevölkerungsgruppe fundamentale Menschenrechte vorenthält, ist nicht nur deshalb illegal, weil es schon unzählige Male von der UN verurteilt wurde. Es ist auch aus jüdischer Sicht gesetzwidrig und unethisch. Das wissen eigentlich auch Benjamin Netanjahu und seine Minister. Oder sie müssten es wissen. Mit Sicherheit wissen es aber andere Juden. Vor allem in der selbstbewussten Gemeinschaft in den USA organisiert sich am deutlichsten Widerspruch zur desaströsen Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung.

Nie wieder Opfer sein! bleibt für Juden weiterhin eine wichtige Lehre aus der Vergangenheit, egal wo sie leben. Diese Haltung war mit einem starken Israel verknüpft. Bis zum Erscheinen des Messias aber Unterdrücker der Palästinenser und Zerstörer ihrer Identität zu sein, um nicht wieder Opfer zu sein, - das wäre ein fatales Dilemma. Ein Friedensprozess besonderer Güte.

Szklorz, Richard (privat)Richard Szklorz (privat)

Richard Szklorz wuchs in der Nachkriegs-Tschechoslowakei auf. Er lebt schon seit Jahrzehnten in Berlin und arbeitet dort als Journalist.



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