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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 24.02.2009

Der Zeitgeist-Interpret

Der Soziologe Schelsky starb vor 25 Jahren in Münster

Von Karl-Heinz Heinemann

Als Soziologe hat Helmut Schelsky auch nach seinem Tod seinen Platz.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Als Soziologe hat Helmut Schelsky auch nach seinem Tod seinen Platz. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Er schrieb über Familie, Jugend, Recht und Bildung, wetterte gegen die Abtreibung, Karl Marx, Willi Brandt und die Mitbestimmung. Helmut Schelsky etablierte die Soziologie in Deutschland, war Gründer der Universität Bielefeld und erbitterter Kritiker der Linksintellektuellen, die nach seiner Auffassung eine neue Priesterherrschaft errichtet hätten.

Der "Anti-Soziologe", wie er sich selbst in einer autobiografischen Aufsatzsammlung nannte, ist nicht nur in den Augen seiner Anhänger der Vater der Soziologie im westlichen Nachkriegsdeutschland. Die "skeptische Generation", die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft", die Hochschule in "Einsamkeit und Freiheit", die "Priesterherrschaft der Intellektuellen", mit diesen von ihm geprägten Begriffen wurde er zum "Stichwortgeber des Zeitgeistes", wie der konservative Publizist Ludolf Hermann ihn nannte. Ein Vertreter der Gegenaufklärung war er für seinen liberalen Soziologie-Kollegen Ralf Dahrendorf:

"Was Schelsky zum Ideologen der Neuen Rechten macht, ist weniger die Tatsache, dass ihm der Machtwechsel von 1969, die Gesamtschule und die sich soziologisch gerierende Linke missfallen - über diese Themen könnte man immerhin reden, auch wenn man anderer Meinung ist. Es ist vielmehr die Verve, mit der er die Modernität denunziert - in ihrer geistigen Form als Aufklärung und in ihrer rechtlichen Form als Staatsbürgertum."

Schelsky wurde am 14. Oktober 1912 in Chemnitz geboren. Er studierte in Leipzig bei Arnold Gehlen und Hans Freyer, den Köpfen einer konservativen Anthropologie. Deren Grundthese: Der Mensch ist ein unvollkommenes Wesen, er kommt nicht aus ohne feste, unhinterfragte Institutionen, die ihm Sicherheit und Orientierung geben. Institutionen wie der Staat, die Familie, das Recht wurden zu Schelskys bestimmenden Themen. 1941 wurde er von Arnold Gehlen mit einer Arbeit über Carl Schmitts Staatstheorie habilitiert, den als Kronjuristen der Nazis geltenden Rechtsphilosophen. Wegen einer Kriegsverletzung konnte er den Ruf an die von den Nationalsozialisten als Kaderschmiede gegründete Reichsuniversität Straßburg nicht antreten.

Schelsky überlebte den Krieg als Frontoffizier in Polen und Russland. Nach einem Intermezzo beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes begann er 1948 als Soziologe an der gewerkschaftseigenen Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg, der späteren Hochschule für Wirtschaft und Politik, dann wurde er an die Hamburger Universität berufen. In seinem Buch "Die skeptische Generation" interpretierte er 1957 die durch Faschismus und Krieg desillusionierte Jugend:

"Diese Generation ist in ihrem sozialen Bewusstsein und Selbstbewusstsein kritischer, skeptischer, misstrauischer, glaubens- oder wenigstens illusionsloser als alle Jugendgenerationen vorher. Sie ist ohne Pathos, ohne Programme und Parolen. Die Generation ist im privaten und sozialen Verhalten angepasster, wirklichkeitsnäher, zugriffsbereiter und erfolgssicherer als je eine Jugend vorher."

Schelsky bescheinigte der Wirtschaftswunderrepublik, in der Normalität angekommen zu sein. Er schrieb:

"Die Antwort auf die Frage der 'Vergangenheitsbewältigung' war der Aufbau der Bundesrepublik."

Er leitete die Sozialforschungsstelle der Universität Münster in Dortmund, lange Zeit das größte soziologische Forschungsinstitut in Westeuropa, dort habilitierte er mehr Soziologen als alle anderen Fachvertreter in Deutschland zusammen. In den 60er Jahren beschwor er die Idee der Humboldt'schen Universität gegen die Massenhochschulen, woraufhin ihn der damalige nordrhein-westfälische Kultusminister, Paul Mikat, mit der Gründung der Universität Bielefeld beauftragte. Wegen seiner früheren Nähe zum Nationalsozialismus geriet Schelsky in die Kritik, verließ Bielefeld und blieb bis zu seiner Emeritierung Professor in Münster.

Verbittert beobachtete er die Entwicklung von der skeptischen zur antiautoritären Generation, die sozialliberale Koalition und die Hinwendung vieler Soziologen zu der von ihm bekämpften Kritischen Theorie. In seiner Polemik "Die Arbeit tun die anderen" setzte er sich mit der vermeintlichen Herrschaft der linken Intellektuellen auseinander.

"Eine bestimmte Gruppe in diesen Berufsgruppen, Wissenschaftsgruppen, verbindet mit ihrer Position erstens eine Heilslehre und zweitens nutzt sie sie aus, um ihre eigenen Gruppeninteressen im Sinne der Herrschaft über andere auszudehnen."

Am 24. Februar 1984 starb Helmut Schelsky in Münster. Als Zeitgeist-Interpret ist er fast vergessen, doch als Soziologe bleibt er bei seinen zahlreichen Schülern, zu denen auch Niklas Luhmann zählte, in Erinnerung.

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