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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 29.12.2016

Der Wert der EinordungIn der Meinungsschleuder

Von Sieglinde Geisel

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Handy-Foto von Donald Trump (epa / Richard Ellis / dpa)
Handy-Foto von Donald Trump (epa / Richard Ellis / dpa)

Dieses Jahr ging alles noch schneller. Vom Ereignis selbst, etwa einem Anschlag oder einem Wahlsieg, über dessen erste Einordnung, bis hin zum Überdruss an der Debatte brauchte es manchmal nur noch eine halbe Nacht. Zum Nachdenken benötigt man aber vor allem eínes: Zeit!

Der Schock über die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten entlud sich sofort, in allen Medien. Auf Facebook und Twitter gab es kein Halten mehr. Im Minutentakt haben wir am 9. November die Trumpwähler erst beschimpft, dann verstanden und bemitleidet, schließlich gefürchtet. Wir waren über die Linke zerknirscht, dann zerknirscht über ihre Zerknirschung, jetzt bereit zum Kampf, dann wieder zur Resignation. Wir tippten schneller aufs Display, als wir denken konnten, denn wer nicht klüger ist als die anderen, muss wenigstens schneller sein. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, hieß es einmal. Heute wissen wir: Nichts ist so alt wie das Facebook-Posting von gerade eben. Wir haben es geschafft, die Realität zu überholen: Donald Trump hat sein Amt noch nicht einmal angetreten, doch die Diskussionen sind längst gelaufen.

Früher brauchte man Tage, um ein Ereignis zu bewerten

Wie anders tickten doch die Uhren in den alten Medien. Nach einem welterschütternden Ereignis dauerte es Tage, bis die ersten fundierten Deutungen an die Öffentlichkeit gelangten. Zuerst wurde recherchiert, dann nachgedacht, dann geschrieben, gegengelesen, redigiert, gedruckt – und erst am nächsten Morgen landete die Zeitung auf dem Frühstückstisch. Auch was Sie jetzt von mir hören, wurde vor Tagen gedacht, umgeschrieben, redigiert und so weiter. Ich kann nur hoffen, dass es zum Sendetermin noch aktuell ist. 

Die Meinungsschleuder nach der Trumpwahl war im Rückblick eine zwiespältige Erfahrung. Ich war auf dem Laufenden wie nie zuvor, direkt am Puls der Zeit. Doch dabei verging mir Hören und Sehen. "Technik gebrauchen heißt auch, sich von ihr gebrauchen zu lassen", sagte Heiner Müller vor beinah zwanzig Jahren. Die sozialen Medien sind eine Maschine, sie kennen keine Müdigkeit und sie nehmen keine Rücksicht auf ihre Nutzer.

Doch nicht nur die Beschleunigung ist uns 2016 in die Knochen gefahren, wir hatten auch Gelegenheit, über die Enge unseres Denkens zu erschrecken. Denn so wild uns diese Stürme vorkommen, das Wasserglas, in dem sie toben, ist winzig. Das Jahr 2016 hat uns die Entdeckung der Filterblase beschert, samt der dazugehörigen Debatte: Ist die Filterblase wirklich neu, oder ist sie nur der neue Stammtisch? Und ist es überhaupt eine Filterblase? Wir posten und teilen doch auch, was uns empört! Bei den Kommentaren allerdings herrscht dann wieder Einigkeit. Vielleicht hat die Beschleunigung der Debatten auch damit zu tun, dass man nicht über Gegenstimmen stolpert, mit denen man sich auseinandersetzen muss?

Wir haben die Welt ersetzt durch das Gerede über die Welt

Was wir am 9. November 2016 in Reinform erlebt haben, war der hysterische Autismus der vielen, die sich einig waren. Ich gebe zu, dass ich die kollektive Erregung genossen habe und auch den Trost, mit meinem Schrecken nicht allein zu sein. Doch die Meinungsschleuder hat einen hohen Preis: nämlich den Kontakt zu der Welt, in der wir leben. Hätte es Facebook am 9. November 1989 schon gegeben – was wäre in der Nacht der Maueröffnung wohl losgewesen? Wäre man überhaupt dazu gekommen, rauszugehen? Wir haben die Welt ersetzt durch das Gerede über die Welt, zum Guten wie zum Schlechten.

Noch nie waren wir so schnell so klug. Und noch nie war das Falsche so laut. Filterblasenstürme sind so gefährlich, weil sie sich ganz aus sich selbst speisen. In der Akustik nennt man das Rückkoppelung. Was dabei entsteht, ist nicht Erkenntnis, sondern Verzerrung: Der alles überlagernde Pfeifton hat nichts mehr gemein mit dem Geräusch, aus dem er entstanden ist.

Die Deutung der Ereignisse hat ein anderes Zeitmaß als die Ereignisse selbst, deshalb funktioniert Nachdenken nicht als Live-Ticker. Auf welchen Horizont wir zusteuern, erkennen wir erst, wenn die Stürme sich gelegt haben.

Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat)Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat)Sieglinde Geisel, 1965 im schweizerischen Rüti/ZH geboren. Sie arbeitet für verschiedene Medien als Literaturkritikerin, Essayistin und Reporterin und betreibt das Blog "tell review - literatur und zeitgenossenschaft". Buchpublikationen: "Irrfahrer und Weltenbummler. Wie das Reisen uns verändert" (2008) und "Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille" (2010).

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