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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.08.2009

Der Weg in die Katastrophe

Richard Overy: "Die letzten zehn Tage"

Rezensiert von Cora Stephan

Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)
Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)

Der britische Historiker Richard Overy untersucht in "Die letzten zehn Tage" die unmittelbare Phase vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Er stellt dar, dass nicht zuletzt Charakterschwächen und Fehleinschätzungen den Weg in die Katastrophe geebnet haben.

Große Ereignisse müssen große Ursachen haben und gewaltige Opfer bedürfen gewaltiger Ziele, sonst sind sie unerträglich. Das gilt insbesondere für die zwei Weltkriege, die das 20. Jahrhundert geprägt haben und die uns noch heute beschäftigen. Sei es das deutsche Großmachtstreben im Ersten oder die verbrecherischen Pläne Hitlers und seiner Anhänger im Zweiten Weltkrieg – Schuld und Schurken sind uns lieber, als Zufall, Kurzsichtigkeit, Missverständnisse oder gar Politiker, die sich verrechnet haben.

Richard Overys schmales Buch aber zeigt genau das: "dass nichts in der Geschichte unausweichlich ist". Und, um es vorwegzunehmen, dass die großen Gründe und hehren Ziele jene Mythen im Nachhinein sind, die Politiker und Staatsbürger brauchen, um ein Blutbad erst zu rechtfertigen, dann zu erklären und, nicht zuletzt, zu verkraften.

Overys Analyse der letzten zehn Tage vor dem Marsch in den Abgrund zeigt, an welchen Charakterschwächen und Fehleinschätzungen das Schicksal von Millionen von Menschen hängen kann. Er schreibt:

"... tatsächlich sind die unmittelbaren Ursachen des Kriegs im Konflikt um Polens Zukunft zu finden. Vor allem die unnachgiebige Weigerung der Polen, ihrem mächtigen deutschen Nachbarn irgendwelche Zugeständnisse einzuräumen, machte den Krieg fast unausweichlich. ... Als Hitler Polen angriff, haben Großbritannien und Frankreich ihre Zusage, Polens Unabhängigkeit zu verteidigen, pflichtgemäß eingehalten, und es kam zum Krieg."

Die Polen verantwortlich für den Zweiten Weltkrieg? Natürlich nicht. Aber ein britischer Historiker kennt die Rücksichtnahmen politischer Korrektheit nicht, die hierzulande Historiker vor so deutlichen Worten zurückschrecken lassen. Tatsächlich war die abstruse Konstruktion eines "polnischen Korridors" (als Polens Zugang zum Meer) auf Kosten der Verbindung zwischen Ostpreußen und Deutschem Reich eines der vielen unguten Vermächtnisse des Versailler Vertrags, ihre Revision also keine unzumutbare Vorstellung. Andererseits gab es verständliche historische Gründe für den hitzigen polnischen Nationalismus, und das Misstrauen gegenüber Hitlers Kompromissangeboten ist gewisslich nachzuvollziehen. Ebenso gewiss aber war die Garantieerklärung Großbritanniens und Frankreichs gegenüber Polen ein Risiko. Hätte man sie unterlassen können, dürfen, müssen?

Hitler jedenfalls schien geglaubt zu haben, die polnisch-britisch-französische Achse werde nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes zerbrechen. Das Gegenteil war der Fall. Am 25. August wurde das englisch-polnische Bündnis geschlossen – für Hitler ein Schlag ins Gesicht. Offenbar hatte er noch immer auf ein Einlenken der Polen und das Zögern der Briten gesetzt.

"Hitler war jetzt konfrontiert mit der Aussicht auf einen großen europäischen Krieg, den er zu vermeiden gehofft, aber nicht wirklich für unvermeidbar gehalten hatte."

Müßige Überlegungen? Ein typisch britisches Spiel, dieses "Was wäre gewesen, wenn?" Keineswegs. Nur im Nachhinein sind alle Optionen klar, vermuten wir Unausweichlichkeit und glauben zu wissen, was der einzig richtige Weg ist. Die Feinanalyse der letzten Tage vor der großen Katastrophe hingegen offenbart die Selbsttäuschung fast aller Beteiligten. Die Briten hatten auf ein Einlenken Hitlers gehofft. Hitler wiederum hatte mit dem britischen Ultimatum nicht gerechnet.

Richard Overy: "Die letzten zehn Tage" (Pantheon Verlag)Richard Overy: "Die letzten zehn Tage" (Pantheon Verlag)Overy gelingt eine minutiöse und packende Schilderung der britischen Regierungskrise nach dem deutschen Angriff auf Polen. Der britische Premier Arthur Neville Chamberlain zögerte am 2. September 1939 eine Kriegserklärung hinaus. Fast wäre es zu einer Revolte gegen ihn gekommen, im Unterhaus kommt es zu Tumulten. War Chamberlain also ein Feigling, ein Appeaser, das hässliche Etikett, mit dem sein Name in den Geschichtsbüchern versehen ist? Oder befand er sich in moralischer Agonie, einen Krieg erklären zu müssen, den er nicht wollte?

"Chamberlain war erschöpft am Vorabend des Kriegs, aber nicht unfähig zu handeln. Alle Beteiligten wurden Opfer der zermürbenden Spannung, der Augenblicke drängender Ungewissheit, Angst und Sorge, und es überrascht nicht, wenn blankliegende Nerven und gehetzte Gedanken das ohnehin harte Geschäft, Politik auf demokratischem Weg zu gestalten, in den letzten Tagen der Krise noch schwieriger machten."

Diktatoren haben es da einfacher. Selbst wenn Hitler den Krieg lieber vermieden hätte, Rücksicht auf die Bevölkerung hat ein Diktator nicht zu nehmen. Und sind nicht Chamberlains Skrupel im Nachhinein gerechtfertigt? Der ungleich risikofreudigere Churchill nahm hin, dass der Preis des Krieges gegen Hitler die Überantwortung großer Teile Europas an Stalin war. Das Schicksal der Polen spielte in diesem Spiel schon längst keine Rolle mehr. "Im Ergebnis", schreibt Overy, "wurden die Polen durch den Krieg ebenso betrogen wie die Tschechen durch den Frieden."

"Aller Rhetorik der Ehre zum Trotz, im wirklichen Krieg des Jahres 1939 ging es nicht um die Rettung Polens, sondern darum, Großbritannien und Frankreich vor den Gefahren einer aus den Fugen geratenen Welt zu schützen."

Insofern haben auch sie diesen Krieg verloren. Der Kampf für Freiheit und Demokratie in der Welt wurde nur für wenige gewonnen.

Richard Overy: Die letzten zehn Tage. Europa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, 24. August bis 3. September 1939
Pantheon Verlag, München 2009

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