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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 30.10.2007

Der verwandelte Glaubenseifer

Religionen und Ersatzreligionen

Von Josef Schmid

Minarett einer Moschee und der Turm einer katholischen Kirche (AP)
Minarett einer Moschee und der Turm einer katholischen Kirche (AP)

Kein Tag vergeht, an dem wir nicht unsere westlichen Errungenschaften preisen, die uns den anderen überlegen machen: die Aufklärung, die Trennung von Staat und Kirche, die Wissenschaft, die strahlende Skepsis, der produktive Zweifel. Damit sind wir alten Kulturen anderer Kontinente davon gestürmt und auf eine Höhe - so scheint es - auf der uns die anderen nicht mehr einholen werden.

Mit Verwunderung sehen wir, wie die Welt außerhalb Europas den Weg nahezu rückwärts geht. Da melden sich die Religionen zurück in Staat, Politik und öffentlichem Leben, ob in Tibet, in Peru, in Arabien oder der Türkei. Es besteht kein Zweifel: Es ist ein Welttrend. Allein Europa scheint sich dem zu entziehen und betreibt das weiter, was sein ureigenes Kennzeichen ist: nämlich Aufklärung und Säkularisierung. Wir verstehen darunter das ständige Zurückdrängen des Religiös-Kirchlichen aus dem öffentlichen Leben. Es ist, als wollte Europa die letzten Herrgottswinkel abräumen, um den modernen Menschen von alten Mächten und Ängsten zu befreien.

So gesehen steht alles hier zum Besten. Doch unser angeborener Zweifel lässt fragen, ob es denn so gar nichts gibt, womit sich nicht auch die Menschen moderner aufgeklärter Demokratien in den Glaubenseifer der Gegenwart würdig einreihen; ob wir nicht auch eine Portion beitragen zur Raserei um Rechtgläubigkeit und Glaubenskorrektheit, die den übrigen Globus heimsucht. Gewiss, wir schwören keinen Dschihad, sprechen keine Fatwa aus, Verdammungsurteile mit Todesfolgen; doch streichen nicht auch wir jeden aus der Liste und dem Telefonbuch, sowie er aus einem falschen und veralteten Gesangbuch zitiert? Herrscht bei uns nicht auch ein Fundamentalismus dort und da, der uns Menschen der elektronischen Welt und der privaten Lebensentwürfe stellenweise in ein doktrinäres Mittelalter schickt? Schleicht sich nicht auch in unsere aufgeklärte und religionsferne Gesellschaft eine Inquisition ein? Sind wir so völlig frei von dem, was wir so stolz vor der Welt behaupten, abgelegt zu haben?!

Man hat einmal der Religion die Aufgabe zugebilligt, Gemeinschaft zu stiften. Was machen da nun säkularisierte Gesellschaften wie die deutsche? Das Problem löst man am besten dadurch, dass man die Religionen ziehen lässt, ihren Sanktions- und Züchtigungsapparat aber vorsorglich einbehält. So kommen wir endlich zu einem Sündenregister.

Wo der direkte Gottesglaube unmöglich gemacht wurde, sucht sich eine Ersatzreligion, oder genauer: eine Ersatzdämonie ihre Bahn. Sie ist zweifellos ein intellektuelles Konstrukt, das einen geschichtlichen Vorgang oder ein Trauma im Gedächtnis der Völker in überzeitliche Dimensionen rücken will. In Deutschland bietet sich dafür ein Griff ins nationale Sündenregister geradezu an. Ersatzreligion ist ein Korpus, der die Funktionen abgedankter Großreligionen zu imitieren trachtet, nämlich zu erheben, einzuschüchtern und zu dirigieren. Sie schafft ein Klima sektiererischer Nötigung und eignet sich zur außer-parlamentarischen Ausübung von Macht.

Den Sündenfall brauchen wir laufend und gleich für zweierlei: einmal binden wir Erregungspotenzial um ein Thema oder eine Person – trotz aller Auf- und Abgeklärtheit, und außerdem bedienen wir damit das Strafbedürfnis, wie es in Gesellschaften grassiert, die sich von Abweichlern bedroht fühlen. Die öffentliche Hinrichtung war Jahrhunderte hindurch erste Volksbelustigung und auch der Pranger. Doch Galgen und Schandpfahl kommen jetzt übers Internet, auf Faxpapier und als E-Mails.

Auf Großreligionen können wir scheinbar verzichten, nicht aber auf ihre Inquisition, ihre Selbstbezichtigung, die alleine Erlösung verspricht. Was man sich gegenüber dem Christentum herausnehmen darf, darf man sich nicht gegenüber einer Ersatzreligion erlauben, zumal sie um ein nationales Sündenregister herum komponiert ist und eifrig bewacht wird.

Die Trennung von Staat und Religion ist gelungen. Die Trennung von Staat und Ersatzreligionen lässt hoffentlich nicht ewig auf sich warten. Dieses Stück Aufklärung steht noch aus.

Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Von 1980 bis 2005 war Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsprobleme der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist Mitglied namhafter nationaler und internationaler Fachgremien. Veröffentlichungen u.a.: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht – eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Sozialprognose – Die Belastung der nachwachsenden Generation (2000). In "Die Moralgesellschaft – Vom Elend der heutigen Politik" (Herbig Verlag, 1999) wird der Widerspruch zwischen Vergangenheitsfixiertheit und der Fähigkeit zur Lösung von Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben scharfsichtig analysiert.

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