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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 03.01.2010

Der vermeidbare Tod

Infektionen mit Krankenhauskeimen nehmen zu

Von Peter Kaiser

Die Ansteckungsgefahr mit Keimen ist trotz Hygiene-Maßnahmen im Krankenhaus sehr hoch. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Die Ansteckungsgefahr mit Keimen ist trotz Hygiene-Maßnahmen im Krankenhaus sehr hoch. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Weltweit sind es Millionen Patienten, die sich jedes Jahr mit den multiresistenten Keimen in Krankenhäusern infizieren. Auch hier zu Lande sind Krankenhausinfektionen eine immer größer werdende Gefahr für die Patienten.

Das Europäische Zentrum für Prävention und die Kontrolle von Krankheiten meldet 2007 für Europa rund drei Millionen Infektionen mit einem Krankenhauskeim. In Deutschland infizieren sich jedes Jahr etwa 600.000 Patienten, bis zu 40.000 sterben daran.

"Nun, diese Keime werden übertragen vom Pflegepersonal, von Ärzten, also vom medizinischen Personal im Krankenhaus."

Dr. Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene in Berlin.

"Denn da, wo man offene Wunden hat, beim Verbandwechsel oder während der OP, oder beim Legen eines Venenkatheders, oder beim Legen eines Blasenkatheders werden die dann aufgrund von Hygienemängeln mit eingebracht."

Der Name des unsichtbaren Krankenhaus-Killers ist MRSA. Das Kürzel steht für multiresistenten Staphylococcus Aureus. Staphylokokken sind weintraubenähnlich angeordnete Bakterien, die sich bei jedem Menschen auf der Haut und an den Schleimhäuten befinden. Henning Rüden, Leiter des Charité-Institutes für Hygiene in Berlin:

"Das sind eigentlich die Keime, die für einen Normalsterblichen gar nicht so sehr gefährlich sind, die fakultativ pathogen sind, wenn sie auf einen Patienten oder einen Menschen treffen, dessen Abwehrsystem stark geschädigt ist oder stark geschwächt ist, dass die dort zu einer Infektion führen."

MRSA-Keime sind nicht nur unempfindlich gegen Trockenheit und Wärme, sondern überleben auch lange Zeit auf Kitteln, an Türklinken, Stethoskopen oder Implantaten.

"Die Frage ist nur, wir kriegen sterile Implantate, warum wird das Ding denn unsteril?"

Die Krankenhaushygiene und perfekte Sterilisation der Instrumente, die man in den Kliniken voraussetzen sollte, ist inzwischen landesweit ein massives Problem. Denn weil Geld, Zeit und Personal fehlen, wird an eben diesen präventiven Maßnahmen gespart, sagt der Hygienearzt Klaus Dieter Zastrow:

"Präventiv hilft nur konsequente Hygiene, und wenn wir das konsequent umsetzen, dann werden wir die Infektionsrate im Minimum halbieren, wenn nicht noch weiter absenken."

Grundsätzlich kann sich jeder Mensch im Krankenhaus mit diesen Keimen infizieren. Alte und Junge, Risikopatienten oder nicht. Zudem gibt es Operationen, bei denen man sich unvermeidbar infiziert, etwa bei Operationen am Darm, wo Milliarden Bakterien sitzen.

"Auch nach bester Vorbereitung, Sie kriegen keinen sterilen Darm hin, da kann es mal zu einer Infektion kommen. Da passiert aber relativ wenig. Da bekommen Sie eine Infektion, und die behandelt man dann auch."

Neben diesen unvermeidbaren Infektionen aber gibt es jene, die bei eigentlich sterilen Eingriffe entstehen. Infiziert man sich also bei einer OP am Schulter- oder Kniegelenk, wo normalerweise keine Bakterien hinkommen, so wäre diese Infektion immer vermeidbar gewesen. Doch wenn die Infektion passiert ist, was kann man dann tun? Ein zusätzliches Problem ist die immer größer werdende Multiresistenz der Keime gegen viele Antibiotika.

"1993 hatten wir 3,5 Prozent, und im Moment sind wir so bei 25, 26 Prozent der multiresistenten Erreger."

Hintergrund für den stetigen Anstieg der Erreger sind die Antibiotika-Therapien, die in den vergangenen Jahrzehnten unkritisch verordnet wurden. Diese jahrzehntelange Antibiotikaflut habe die Bakterien regelrecht trainiert. Fazit: die MRSA-Infektionen kosten nicht nur -zigtausenden Patienten das Leben, sondern stehen auch für immense Kosten. Zwischen 2000 und 40.000 Euro kann so eine Infektion verursachen, weil die Patienten länger im Krankenhaus bleiben und oft intensiv nachbehandelt werden müssen. Und selbst da gibt es noch vermeidbare Fehler. Denn im Falle einer Infektion wäre ein schnelles Antibiogramm - also die laborgestützte Ermittlung des richtigen Antibiokums - nicht nur lebensrettend, sondern mit etwa 20 Euro Testkosten auch Etat-sparend. Doch in der ärztlichen Praxis ist das anders.

"Da wird gesagt, ach, da nehmen wir Penicillin, hat immer geholfen, aber hilft jetzt vielleicht nicht. Und dann entwickelt sich die Infektion. Und es vergehen Tage, und dann stellt man plötzlich die Katastrophe fest, und dann wird es eng mit der Zeit. Also das Problem der Antibiotika ist, eine einwandfreie mikrobiologische Diagnostik muss gemacht werden, und dann können wir auch ganz gezielt zuschlagen und der Patient wird geheilt."

Weil viele Antibiotika nicht anschlagen, suchen die Wissenschaftler nach neuen Wirkstoffen und Behandlungsmöglichkeiten. Im Moment stehen uralte Heilmethoden hoch im Kurs. So etwa Maden, die über ein Gazetuch gelegt, ihren entzündungshemmenden Speichel auf Wunden absondern. Andreas Michalsen, Chefarzt für Naturheilkunde im Berliner Immanuel-Krankenhaus:

"Bei den Maden ist es tatsächlich ganz vielversprechend, dass diese Wunden, die von den sehr schwer behandelbaren Keimen infiziert sind, dass die durchaus mit der Maden-Therapie einer Heilung zugeführt werden können."

Die Maden sind für äußere Infektionsherde eventuell ein neuer Weg. Bei einer Lungenentzündung oder Blutvergiftung sind sie nicht einsetzbar.

"Generell muss man sagen, wenn die uns heute zur Verfügung stehenden Mittel ausgeschöpft werden, haben wir keine Katastrophe."

Was getan werden muss, um die Zahl der mit den MRSA-Keimen Infizierten zu minimieren, ist eigentlich klar: Mehr noch als bisher auf unbedingte Hygiene im Krankenhaus achten! Das ist das Eine. Das Andere ist: Wenn es eine Infektion gibt, muss sofort mit dem richtigen diagnostischen Instrumentarium gehandelt werden. In all diesen Punkten gibt es jedoch erheblichen Nachholbedarf.

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